Blumen ; und schlief es endlich doch ein , so sah es im Traum die roten Felsenspitzen am Falknis und das feurige Schneefeld an der Schesaplana , und erwachte dann Heidi am Morgen und wollte voller Freude hinausspringen aus der Hütte - da war es auf einmal in seinem großen Bett in Frankfurt , so weit , weit weg , und konnte nicht mehr heim . Dann drückte Heidi oft seinen Kopf in das Kissen und weinte lang , ganz leise , daß niemand es höre . Heidis freudloser Zustand entging der Großmama nicht . Sie ließ einige Tage vorübergehen und sah zu , ob die Sache sich ändere und das Kind sein niedergeschlagenes Wesen verlieren würde . Als es aber gleich blieb und die Großmama manchmal am frühen Morgen schon sehen konnte , daß Heidi geweint hatte , da nahm sie eines Tages das Kind wieder in ihre Stube , stellte es vor sich hin und sagte mit großer Freundlichkeit : » Jetzt sag mir , was dir fehlt , Heidi ; hast du einen Kummer ? « Aber gerade dieser freundlichen Großmama wollte Heidi nicht sich so undankbar zeigen , daß sie vielleicht nachher gar nicht mehr so freundlich wäre ; so sagte Heidi traurig : » Man kann es nicht sagen . « » Nicht ? Kann man es etwa der Klara sagen ? « fragte die Großmama . » O nein , keinem Menschen « , versicherte Heidi und sah dabei so unglücklich aus , daß es die Großmama erbarmte . » Komm , Kind « , sagte sie , » ich will dir was sagen : Wenn man einen Kummer hat , den man keinem Menschen sagen kann , so klagt man ihn dem lieben Gott im Himmel und bittet ihn , daß er helfe , denn er kann allem Leid abhelfen , das uns drückt . Das verstehst du , nicht wahr ? Du betest doch jeden Abend zum lieben Gott im Himmel und dankst ihm für alles Gute und bittest ihn , daß er dich vor allem Bösen behüte ? « » O nein , das tu ' ich nie « , antwortete das Kind . » Hast du denn gar nie gebetet , Heidi , weißt du nicht , was das ist ? « » Nur mit der ersten Großmutter habe ich gebetet , aber es ist schon lang , und jetzt habe ich es vergessen . « » Siehst du , Heidi , darum mußt du so traurig sein , weil du jetzt gar niemanden kennst , der dir helfen kann . Denk einmal nach , wie wohl das tun muß , wenn einen im Herzen etwas immerfort drückt und quält und man kann so jeden Augenblick zum lieben Gott hingehen und ihm alles sagen und ihn bitten , daß er helfe , wo uns sonst gar niemand helfen kann ! Und er kann überall helfen und uns geben , was uns wieder froh macht . « Durch Heidis Augen fuhr ein Freudenstrahl : » Darf man ihm alles , alles sagen ? « » Alles , Heidi , alles . « Das Kind zog seine Hand aus den Händen der Großmama und sagte eilig : » Kann ich gehen ? « » Gewiß ! gewiß ! « gab diese zur Antwort , und Heidi lief davon und hinüber in sein Zimmer , und hier setzte es sich auf seinen Schemel nieder und faltete seine Hände und sagte dem lieben Gott alles , was in seinem Herzen war und es so traurig machte , und bat ihn dringend und herzlich , daß er ihm helfe und es wieder heimkommen lasse zum Großvater . - Es mochte etwas mehr als eine Woche verflossen sein seit diesem Tage , als der Herr Kandidat begehrte , der Frau Sesemann seine Aufwartung zu machen , indem er eine Besprechung über einen merkwürdigen Gegenstand mit der Dame abzuhalten gedachte . Er wurde auf ihre Stube berufen , und hier , wie er eintrat , streckte ihm Frau Sesemann sogleich freundlich die Hand entgegen : » Mein lieber Herr Kandidat , seien Sie mir willkommen ! setzen Sie sich her zu mir , hier « - sie rückte ihm den Stuhl zurecht . » So , nun sagen Sie mir , was bringt Sie zu mir ; doch nichts Schlimmes , keine Klagen ? « » Im Gegenteil , gnädige Frau « , begann der Herr Kandidat ; » es ist etwas vorgefallen , das ich nicht mehr erwarten konnte und keiner , der einen Blick in alles Vorhergegangene hätte werfen können , denn nach allen Voraussetzungen mußte angenommen werden , daß es eine völlige Unmöglichkeit sein müsse , was dennoch jetzt wirklich geschehen ist und in der wunderbarsten Weise stattgefunden hat , gleichsam im Gegensatz zu allem folgerichtig zu Erwartenden - « » Sollte das Kind Heidi etwa lesen gelernt haben , Herr Kandidat ? « setzte hier Frau Sesemann ein . In sprachlosem Erstaunen schaute der überraschte Herr die Dame an . » Es ist ja wirklich völlig wunderbar « , sagte er endlich , » nicht nur , daß das junge Mädchen nach all meinen gründlichen Erklärungen und ungewöhnlichen Bemühungen das Abc nicht erlernt hat , sondern auch und besonders , daß es jetzt in kürzester Zeit , nachdem ich mich entschlossen hatte , das Unerreichbare aus den Augen zu lassen und ohne alle weitergreifenden Erläuterungen nur noch so zu sagen die nackten Buchstaben vor die Augen des jungen Mädchens zu bringen , so zu sagen über Nacht das Lesen erfaßt hat , und dann sogleich mit einer Korrektheit die Worte liest , wie mir bei Anfängern noch selten vorgekommen ist . Fast ebenso wunderbar ist mir die Wahrnehmung , daß die gnädige Frau gerade diese fernliegende Tatsache als Möglichkeit vermutete . « » Es geschehen viele wunderbare Dinge im Menschenleben « , bestätigte Frau Sesemann und lächelte vergnüglich ; » es können auch einmal zwei Dinge glücklich zusammentreffen , wie ein neuer Lerneifer