Hause vorbeigehe , daß es eine Todsünde sei , es zu betreten . » Ich werde jetzt ein Abtrünniger « , sagte er leise vor sich hin . » Ist es das Opfer wert ? « Aber er bezwang sich , biß die Zähne aufeinander und blieb . Und bald , nachdem der letzte Schlag der Mittagsglocke verhallt war , trat auch Fedko heraus , einen mächtigen Schlüsselbund in der Hand . » Mittag ! « sagte er . » Komm ! « Sender folgte entschlossen , aber seine fieberhafte Erregung war so groß , daß er sich unwillkürlich an die Wand lehnte , um nicht umzusinken . Er atmete schwer , seine Augen schlossen sich . » Krank ? « fragte Fedko . » Nein , nein ! « stammelte er mühsam . Und gewaltsam raffte er sich auf und folgte , wenn auch wankenden Schritts . Sie gingen einen langen Korridor hinab . Es ward immer dunkler um sie , feucht und kalt schlug ihnen die Luft entgegen , grünlicher Schimmel überzog die Wände . » Der Korridor des Severin « , erklärte Fedko . Vor einem mächtigen Kruzifix blieb er stehen . » Hier haben die verdammten Heiden den Prior Severin erschlagen . Er war ein neunzigjähriger Greis . Hier an der Wand unter der Glastafel ist sein Blut und Hirn zu sehen . « Sender wandte den Blick ab . » Zieh den Hut ! « sagte Fedko . Der Jüngling schüttelte leise den Kopf . » Komm « , bat er dann . » Du willst nicht ? « fragte der Alte . » Warum ? Wenn ich in eure Synagoge käme , würde ich auch den Hut ziehen . Man soll keinen Gott verachten , weder den alten , noch den jungen . Der alte kann was , der junge kann was ! Aber wie du willst ... « Sie gingen weiter und eine Treppe empor . Staub und Moder bedeckte die Stufen , eine Fledermaus erhob sich schwirrend . » Kommen die Mönche nie hierher ? « fragte Sender . » Nein « , war die Antwort . » Es ist ja nur der Aufgang zur Bibliothek . Jeder Mönche hat ohnehin sein Gebetbuch . « » Und die Lehrer der Schule ? « » Der Pater Marcellinus , meinst du , und der Frater Antonius ? Die haben jeder drei Bücher in ihrer Klause . « » Ist das genug ? « » Mehr als genug ! « Sender blickte ihn prüfend an - aber der Alte meinte es ernst . Im ersten Stockwerk tat sich wieder ein langer Gang vor ihnen auf . In einer Nische stand unter einem Kruzifix eine Bank , daneben hingen Geißeln von verschiedener Form und Größe . » Das ist der Winkel , wo die Pönitenz erteilt wird « , erklärte Fedko . » Aber unter unserem jetzigen Prior kommt das selten vor . Er ist ein guter Mann , der auch die Fünfe g ' rad sein läßt . Die eigenen Mönche läßt er niemals prügeln und selbst die fremden sehr ungern - nur wenn er Befehl hat ... « » Kommen auch fremde hierher ? « » Ei freilich ! Oft waren schon mehrere zugleich hier - « » Auf Besuch ? « » Auf Besuch - hehe ! - freilich - aber oft jahrelang und nicht freiwillig . Zu seinem Vergnügen kommt keiner her - das Kloster ist arm und der Wein so sauer , daß ich wirklich lieber Schnaps trinke , obwohl ich den bezahlen muß - « » Also als Gefangene ? « » Natürlich ! - wir sind ja das Strafkloster der Ordensprovinz . Wenn einer ein Ketzer wird oder den Mädchen so arg nachläuft , daß es eine Schande ist , so kommt er hierher , und wir setzen ihm schon den Kopf zurecht . « » Wodurch ? « » Wir verstehen das ! « Der Alte ergriff mit grimmigem Lächeln eine der Geißeln und hieb durch die Luft , daß es pfiff . » Ist jetzt so ein Mönch hier ? « » Nein - jetzt nicht - sonst hätte ich dir nicht den Gefallen tun können . Denn wir pflegen diese Gäste an diesem Korridor hier einzuquartieren , in den Nonnenzimmern . Nämlich - damit sie die Geißeln gleich in der Nähe haben - falls es sie etwa gelüstet , sich freiwillig den Teufel aus dem Leib zu treiben ... « » In den Nonnenzimmern ? « » Ja - hehe ! - In diesen Zellen haben einst , vor hundert Jahren , Nonnen gewohnt - hehe ! Nonnen - du verstehst schon ! Damals war das Kloster sehr reich und der Prior ein lustiger Mann . Aber als er starb , kam an seine Stelle ein strenger Greis . Der hat keinen Spaß verstanden , der alte Ignatius . Jagt die Weiber hinaus , richtet die Zimmer als Büßerzellen ein , stellt hier an der Ecke die Geißeln auf und der ganze Konvent muß sich vor diesen Zimmern die Waden wund hauen ... « Sender besah sich die Marterinstrumente . Die meisten waren mit dunklen Flecken bedeckt . » Das ist Blut « , sagte der Alte gleichgültig . » Komm - « Sie schritten den Korridor hinab . Vor einer mächtigen Flügeltüre blieb Fedko stehen . Daneben war eine Marmortafel in die Wand eingelassen . Sie trug in spitzen , steifen Majuskeln die Inschrift : BJBL . C. BARNOV . S.O.S.D.D.G.S.F.P. MDCXI . Mit Mühe vormochte Sender die einzelnen Buchstaben zu enträtseln ; ihr Sinn blieb ihm natürlich verschlossen . Die Inschrift lautete : Bibliotheca Conventus Barnoviensis Sancti Ordinis Sancti Dominici de Guzman sive Fratrum Praedicatorum ( Bibliothek des Klosters Barnow des Ordens des heiligen Dominicus von Guzman oder der Predigermönche ) . Beigefügt war das Gründungsjahr der Bibliothek , 1611 . » Hier d ' rin sind die Bücher « , sagte der Alte . Er zog einen mächtigen , verrosteten Schlüssel hervor