war sie nun weit schwerer mit Sorge erfüllt , als wenn ich irgend etwas anderes begangen hätte . Wie um sich gewaltsam vom Gegenteile zu überzeugen , hielt sie mir alles deutlich und gemessen vor und fragte dann wiederholt : » Ist es denn wirklich wahr ? Gestehe ! « Worauf ich ein kurzes Ja hervorbrachte und mich meinen Tränen überließ , ohne indessen viel Geräusch zu machen ; denn ich war nun völlig befreit und fast vergnügt . Sie ging tiefbewegt auf und nieder und sprach : » So weiß ich nun nicht , was werden soll , wenn du dich nicht fest und für immer bessern willst ! « Damit legte sie das Kästchen wieder in ihren Schreibtisch und ließ den Schlüssel desselben an dem gewohnten Ort . » Sieh « , sagte sie , » ich weiß nicht , ob du , wenn du deine paar Geldstücke noch verbraucht hättest , alsdann auch nach meinem Gelde , welches ich so sparen muß , gegriffen haben würdest ; es wäre nicht unmöglich gewesen ; aber mir ist es unmöglich , dasselbe vor dir zu verschließen . Ich lasse daher den Schlüssel stecken wie bisher und muß es darauf ankommen lassen , ob du freiwillig dich zum Bessern wendest ; denn sonst würde doch alles nichts helfen , und es wäre gleichgültig , ob wir beide ein bißchen früher oder später unglücklich würden ! « Es begannen gerade acht Tage Ferien ; ich blieb von selbst im Hause und suchte alle Winkel auf , in denen ich den Frieden und die Ruhe der früheren Tage wiederfand . Ich war gründlich still und traurig , zumal die Mutter ihren Ernst beibehielt , ab- und zuging , ohne vertraulich mit mir zu sprechen . Am traurigsten war das Essen , wenn wir an unserm kleinen Eßtischen saßen und ich nichts zu sagen wagte oder wünschte , weil ich das Bedürfnis dieser Trauer selbst fühlte und mir sogar darin gefiel , während meine Mutter in tiefen Gedanken saß und manchmal einen Seufzer unterdrückte . Fünfzehntes Kapitel Frieden in der Stille . Der erste Widersacher und sein Untergang So verharrte ich im Hause und gelüstete nicht im mindesten ins Freie und zu meinen Genossen . Höchstens betrachtete ich einmal aus dem Fenster , was auf der Straße vorfiel , und zog mich sogleich wieder zurück , als ob die unheimliche Vergangenheit zu mir heranstiege . Unter den Trümmern und Erinnerungen meines verflogenen Wohlstandes befand sich ein großer Farbenkasten , welcher gute Farbentafeln enthielt , statt der harten Steinchen , die man sonst den Knaben für Farben gibt . Ich hatte schon durch Meierlein erfahren , daß man nicht unmittelbar mit dem Pinsel diese Täfelchen aushöhlen , sondern die selben in Schalen mit Wasser anreiben müsse . Sie gaben reichliche , gesättigte Tinten , ich fing an , mit diesen Versuche anzustellen , und lernte sie mischen . Besonders entdeckte ich , daß Gelb und Blau das verschiedenste Grün herstellten , was mich sehr freute ; daneben fand ich die violetten und braunen Töne . Ich hatte schon längst mit Verwunderung eine alte in Öl gemalte Landschaft betrachtet , die an unserer Wand hing ; es war ein Abend ; der Himmel , besonders der unbegreifliche Übergang des Gelben ins Blaue , die Gleichmäßigkeit und Sanftheit desselben reizte mich stark an , ebensosehr der Baumschlag , der mich unvergleichlich dünkte . Obgleich das Bild unter dem Mittelmäßigen stand , schien es mir ein bewundernswertes Werk zu sein , denn ich sah die mir bekannte Natur um ihrer selbst willen mit einer gewissen Technik nachgebildet . Stundenlang stand ich auf einem Stuhle davor und versenkte den Blick in die an haltlose Fläche des Himmels und in das unendliche Blattgewirre der Bäume , und es zeugte eben nicht von größter Bescheidenheit , daß ich plötzlich unternahm , das Bild mit meinen Wasserfarben zu kopieren . Ich stellte es auf den Tisch , spannte einen Bogen Papier auf ein Brett und umgab mich mit alten Untertassen und Tellern ; denn Scherben waren bei uns nicht zu finden . So rang ich mehrere Tage lang auf das mühseligste mit meiner Aufgabe ; aber ich fühlte mich glücklich , eine so wichtige und andauernde Arbeit vor mir zu haben ; vom frühen Morgen bis zur Dämmerung saß ich daran und nahm mir kaum Zeit zum Essen . Der Frieden , welcher in dem gutgemeinten Bilde atmete , stieg auch in meine Seele und machte von meinem Gesichte auf die Mutter hinüberscheinen , welche am Fenster saß und nähte . Noch weniger , als ich den Abstand des Originales von der Natur fühlte , störte mich die unendliche Kluft zwischen meinem Werke und seinem Vorbilde . Es war ein formloses , wolliges Geflecksel , in welchem der gänzliche Mangel jeder Zeichnung sich innig mit dem unbeherrschten Materiale vermählte ; wenn man jedoch das Ganze aus einer tüchtigen Entfernung mit dem Ölbilde vergleicht , so kann man noch heute darin einen nicht ganz zu verkennenden Gesamteindruck finden . Kurz , ich wurde zufrieden über meinem Tun , vergaß mich und fing manchmal an zu singen , wie früher , erschrak je doch darüber und verstummte wieder . Doch vergaß ich mich immer mehr und summte anhaltender vor mich hin ; wie Schneeglöckchen im Frühjahr tauchte ein und das andere freundliche Wort meiner Mutter hervor , und als die Landschaft fertig war , fand ich mich wieder zu Ehren gezogen und das Vertrauen der Mutter hergestellt . Als ich eben den Bogen vom Brette löste , klopfte es an die Tür , und Meierlein trat feierlich herein , legte seine Mütze auf einen Stuhl , zog sein Büchlein hervor , räusperte sich und hielt einen förmlichen Vortrag an meine Mutter , indem er in höflichen Worten Klage gegen mich einlegte und die Frau Lee wollte gebeten haben , meine Verbindlichkeiten zu erfüllen ; denn es würde ihm leid tun , wenn es zu Unannehmlichkeiten kommen sollte ! Damit überreichte der kleine Knirps