Posten einer Wehmutter eingeschlossen - das Waldhäuschen eingeräumt , das ursprünglich für den fürstlichen Hundewärter errichtet worden war , da aber der Fürst mit seiner Meute ausgeblieben , nicht als unveränderliches Erhaltungsinventar betrachtet zu werden brauchte . Ein Gärtchen , ein Stück Ackerland , freier Holzbedarf boten nicht minder lockenden Vorteil , und so sehen wir denn im folgenden Herbst Muhme Justine zur Zufriedenheit eingerichtet und als Helferin bei jeglicher Leibesnot in Schloß und Umgegend hochgeehrt . Die Tränke , welche sie aus selbstgesammelten Kräutern zu brauen verstand , halfen gegen Fieber und Verschlag , und halfen sie einmal nicht , so hatte der liebe Himmel es eben anders beschert , und die des Doktors würden noch weniger geholfen haben . Mit den Apothekern der Umgegend wurde ein lebhaftes Drogengeschäft unterhalten ; so fleißig die Hände sich rührten , sie langten kaum aus , den vielseitigen Ansprüchen zu genügen . Die Alte im Grafenschloß und die Alte im » Hundehaus « wetteiferten in jener Zeit in der Kunst des Aufsammelns und Sparens . Mir aber , dem Glückskinde , wenn mir aller Traumkunst zum Trotz die Millionen der reichen Tante entschlüpfen sollten , die Hunderte der armen Muhme würden mir nicht entgangen sein . Als ich wenige Tage vor meiner Heimreise von meiner Morgenwanderung in das Schloß zurückkehrte - daß ich es eingestehe , beklommenen Herzens , weil ich die Saaten , die ich legen und sprießen sah , nicht auch reifen und ernten sehen sollte - , überraschte mich ein lebhaftes Treiben , ein ungewohntes Gebrodel wie von Braten und Backwerk in den Wirtschaftsräumen . Ein Stückfaß wurde aus dem Keller in die Gesindestube getragen , Frauen und Kinder der Beamten gingen beladen mit Weinflaschen und Kuchenkörben nach ihren Behausungen zurück ; lange Tafeln für die Tagelöhner des Gutes standen gedeckt und reich besetzt . Ich fragte nach der Ursache dieser verwunderlichen Gastlichkeit , und männiglich wurde mir geantwortet , daß heute der Festtag der Reckenburg gefeiert werde . Wessen Festtag ? Der Kalender nannte keinen ; der Einzugstag der Gräfin fiel in den hohen Sommer : ihr Wiegenfest wurde mit Stillschweigen übergangen , da sie es nicht liebte , an ihr Alter erinnert zu werden . Der gefeierte Gegenstand war ein Geheimnis , wie so vieles auf der Reckenburg . Auch die herrschaftliche Tafel ward reich serviert , Wein nicht nur aufgesetzt , sondern auch getrunken . Beide Heiducken versahen den Dienst . Die Gräfin trug einen neuen Sammetmantel und eine stolze Straußenfeder auf ihrem spanischen Hut ; ein schier verächtlicher Blick streifte mein tägliches Kleid - ( noch immer von dem grasgrünen , unverwüstlichen Rasch ) . Als der Braten gereicht ward , ließ sie ihr Glas mit Champagner füllen , stieß mit mir an und sagte feierlich : » Auf sein Wohl ! « » Auf wessen Wohl ? « fragte ich verwundert . Ein zweiter , mehr als verächtlicher Blick wurde mir zugeschleudert . Was besagten meine Studien in der Bibliothek , wenn ich Stammbäume , genealogische Tabellen und Urkunden so wenig gewürdigt hatte , um über das wichtigste Datum der Reckenburg noch in Zweifel zu sein ? » Der 20. April , Prinz Augusts Geburtstag , « sagte sie scharf , nachdem sie ihr Glas auf einen Zug geleert hatte , und da sie aus meinen Mienen sehen mochte , daß sie das Rätsel mit einem neuen Rätsel gelöst , setzte sie hinzu : » Der Sohn meines hochseligen Gemahls und der Letzte seines durchlauchtigen Hauses . Gott erhalt ihn ! « Zum erstenmal hatte die Gräfin den Namen ihres Gemahls vor mir genannt , und zum erstenmal dämmerte mir die Ahnung , welchen Erben sie sich erkoren , vielleicht schon ernannt haben mochte . Als ich der Mutter später von dem Festtage der Reckenburg erzählte , sagte sie : » Ich habe niemals daran gezweifelt , daß die Gräfin nur zu des Prinzen Gunsten unsere Reckenburg so herrschaftlich erweitert hat « . » Für den Mosjö Sausewind ? « versetzte lachend der Vater ; » nun , weiß Gott , saurer als seinem Herrn Papa wird sie ihm das Durchbringen nicht werden sehen ! « » Nicht bei ihren Lebzeiten und jedenfalls nur als Fideikommiß ; das aber sei gewiß , Eberhard , die Gräfin läßt ihre Herrschaft nur in fürstlichen Händen . « Fünftes Kapitel Der Kehraus Der regelmäßige Briefwechsel zwischen den Eltern und mir war nichts weniger als kommunikativer Natur gewesen . In herkömmlichen Redensarten wurden gute Lehren gegen Versicherungen des Gehorsams ausgetauscht und das gegenseitige Wohlbefinden wünschend und lobend erwähnt . Vertrauliche Plaudereien schwarz auf weiß würden gegen die Würde des Verhältnisses verstoßen haben . Da gab es denn mündlich mancherlei zu berichten und zu berichtigen , was die ersten Tage des Wiederzusammenlebens füllte . Bald aber sollte ich inne werden , wie richtig mich meine alte Reckenburgerin erkannt . Ich hatte mich in der einsamen Freiheit ihres Hauses dem kleinstädtischen Wohnstubentreiben der Heimat bereits entfremdet . Auch zwischen der » alleruntertänigsten Magd , Dorothee Müllerin « , und der » treugesinnten Eberhardine von Reckenburg « war ein glückwünschender Neujahrsgruß , wie aus dem Komplimentierbuche geschnitten , gewechselt worden . Jetzt fand ich meine kleine Kameradin in ihrem behaglichen Mädchenstübchen und bräutlichen Witwenstande unverändert wieder . Man merkte kaum , daß sie in dem Halbjahre vollkommen zur Jungfrau erblüht war , so rund und kindlich waren Formen und Ausdruck geblieben . Sie putzte sich zierlicher als alle anderen Bürgerstöchter , pflegte Blumen und Vögel , stickte Flitterschuhe und Tellermützendeckel , mit deren Erlös sie das Budget für ihr Tändelwerk erhöhte ; sie backte wohlschmeckende Kringel und Brezelchen , welche in der Weinstube ihres Vaters guten Absatz fanden , und hatte sich zur Ausfüllung der bei alledem reichlichen Zeit auf die Lektüre geworfen . Mit glühenden Wangen sah ich sie die verwogenen Ritter- und süßlichen Liebesgeschichten der Leihbibliothek verschlingen , hörte auch , daß sie sich im Laufe des Winters fleißig der Musik gewidmet habe . Der zärtliche Christlieb Taube kam