ein Ereignis für dich . Aber davon wollten wir nicht sprechen , sondern von dem Kinde . Du handelst brav an ihm - es sieht ganz menschlich aus ; - ich möchte dir gern helfen , alte Sünden und altes Elend gutzumachen ; aber das weiß ich eben nicht , ob du mich schon jetzt dazu gebrauchen kannst . Wie ist es mit dem Kinde ? Wie hat es sich ? Und vor allen Dingen , was fangen wir mit ihm an ? « Die alte Frau rieb hastig die Hände im Schoß aneinander und sah mit den wunderlichsten Augen von Tonie Häußler auf die Frau von Lauen . » Gnädige Frau « , sagte sie sodann leise , » ich lebe über ein Menschenalter unter diesem Dache , und ich will nichts Nachteiliges darüber sagen ; aber es ist ein kurioses Dach , und allerlei habe ich darunter sehen und hören und fühlen können , was kaum ein anderer Mensch ausgehalten hätte , und Sie hat recht , Gnädige , je weniger man darüber spricht und spintisiert , desto besser ist ' s. Doch von diesem Kinde muß man freilich sprechen ; denn das ist wie aus einem fremden , fremden Land unter das Dach gekommen , und nun leben wir miteinander , es und ich , und wissen nicht Bescheid umeinander und müssen uns zu jeder Stunde übereinander verwundern . Ach , gnädige Frau , das muß ein sehr kluger Mensch sein , der hier Bescheid weiß ; ich aber sehe es des Nachts im Traum mit zwei goldenen Flügeln , und am Tage ist ' s doch nur ein Bettlerkind und das Kind der Marie Häußler ; ich bin zu dumm , um klug daraus zu werden . Weiß Sie , Gnädige , manchmal fürchte ich mich mehr vor dem Kinde , als ich mich sonsten vor irgendeinem Menschen hier im Siechenhause gefürchtet habe ; aber lassen kann ich nicht mehr von ihm , und wenn man mir es nähme , so wär ' s mein Tod . Komm , Tonie , laß die gnädige Frau in deine Augen gucken ; der Herr Ritter hat das schon häufig getan und hat jedesmal den Kopf geschüttelt . « » Und gesagt hat er nichts ? « fragte die Frau Adelheid . » Freilich hat er manches gesagt ; aber davon habe ich nichts verstanden . Er hat von Wundern gesprochen , die täglich auf Erden geschähen und von niemand begriffen würden . Er hat auch von der Schönheit gesprochen , die komme , ohne daß man wisse woher und wozu , da doch niemand nach ihr verlange , als um sie zu schänden und zu ruinieren . Zuletzt hat er mich gefragt , ob ich wissen könne , wie diese jungen Augen auf dem Totenbett dreinsehen würden ; aber , Gnädige , das muß Sie doch selber sagen : im Siechenhause zu Krodebeck sollte man solche Fragen nicht stellen ! « » Mit dir kann man vielerlei aufs Tapet bringen , Hanne Allmann ; also ziere dich nicht . Und daß ich hier sitze , um Rat mit dir zu halten , das ist wohl auch kein kleines Zeichen davon , daß man dich für eine gescheite Person hält . Was du freilich hier eben durcheinanderworfelst , das verstehe ich auch nicht ; aber deinen Willen sollst du haben . Komm her , Kleine ; zeig mir deine Augen , Mädchen , und fürchte dich nicht , ich reiße dir den Hals nicht ab . « Die Kleine sträubte sich zwar im ersten Schrecken ein wenig gegen den festen Griff der Gnädigen ; allein das ging blitzschnell vorüber ; schon im nächsten Augenblick sah sie nicht mehr aus , als ob sie sich vor irgend etwas in der Welt fürchte , und was ihre Augen anbetraf , so öffnete sie dieselben womöglich noch weiter als sonst , und tapfer ließ sie sich hineinblicken . » Es ist ihre Mutter , wie sie leibt und lebt ! « rief die Frau Adelheid . » O Frölen ! Frölen ! Frölen Adelaide ! ... Seht doch die kleine Hexe - « Die alte Bewohnerin des Siechenhauses zupfte ängstlich die Lehnsherrin am Rock und legte bittend den Finger auf den Mund . Die gnädige Frau wendete sich schnell zu ihr und sagte : » Du hast recht , Hanne Allmann , es ist nicht gut , alte böse Dinge aufzurühren , wenn niemand es verlangt und nichts dadurch verbessert wird . Und du hast weiter recht , und der Chevalier hat gleichfalls recht : die Augen sind wunderlich und kommen nicht zum zweitenmal in Krodebeck vor , und vielleicht ist das ein Glück . Da sollte man freilich meinen , das winzige Ding habe mehr erlebt als das ganze Dorf seit hundert Jahren ; - da sollte man es wirklich fragen , ob es vor hundert Jahren schon einmal vorhanden gewesen sei und heute durch die Augen davon erzähle - « » Grad wie das liebe Vieh ! « sagte Hanne Allmann ernst und tiefsinnig . » Ich schicke dir dein Teil von der frischen Wurst , Hanne ! « rief die Gnädige , ihre Begriffe seltsam , aber ganz regelrecht aneinanderhängend . » Jetzt gehe , Kind , und spiele ; das ist das beste für dich . Du gefällst mir recht gut , trotz deiner Augen . Sei brav und fürchte dich nicht ; wir wollen trotz allem als Christenmenschen an dir handeln . « » Ich fürchte mich nicht « , sagte Tonie Häußler ; » nicht einmal in der Schule und in der Kirche . « Die beiden Frauen sahen sich ziemlich betroffen an ; Hanne Allmann aber sagte schnell : » Das hat seinen Grund , Gnädige , und ich will nachher noch ein Wort darüber sagen . Sonst aber ist das Kind wirklich ein gutes Kind , und wir haben schon unsern Trost aneinander gefunden . Nicht wahr , Tonie ? « Statt aller Antwort