die Erlaubnis , in die Stadt zurückzukehren . Sie wußte , daß Tante Cordula eine ausgezeichnete Brandsalbe in ihrem reichhaltigen Medizinkasten hatte , und eilte sofort , indes Heinrich das Haus bewachte , hinauf in die Mansarde . Während die alte Mamsell bestürzt die kühlende Salbe hervorholte und mit sanfter Hand den verletzten Arm verband , erzählte Felicitas den Vorfall . Sie sprach hastig , in fliegenden Worten . Physischer Schmerz und Gemütsbewegung hatten sie in eine fieberhafte Aufregung versetzt . Noch siegte indes der starke Wille des Mädchens über die Leidenschaftlichkeit ; als aber Tante Cordula ruhig einwarf , sie hätte die ärztliche Hilfe nicht zurückweisen sollen , da brach die letzte mühsam behauptete Schranke . » Nein , Tante ! « rief sie hastig , » die Hand soll mich nicht berühren , und wenn sie mich aus Todesnot erretten könnte ! ... Die Menschenklasse , aus der ich stamme , ist ihm unsäglich zuwider . Dieser Ausspruch aus seinem Munde hat einst mein Kinderherz bis in den Tod betrübt - ich werde ihn nie vergessen ! ... Seine Pflicht als Arzt ließ ihn heute für einen Moment den Abscheu überwinden , den er gegen die Paria fühlt , ich will sein Opfer nicht ! « Sie schwieg erschöpft , und ihr Gesicht verzog sich im Schmerze , den die Wunde verursachte . » Er ist nicht mitleidlos , « fuhr sie nach einer Pause fort , » ich weiß es , er versagt sich Genüsse um seiner armen Patienten willen . An jedem anderen würden mich solche fortgesetzte Opfer , solch stille Tugend zu Thränen rühren , hier aber empören sie mich wie an einer anderen Menschenseele das Laster ... Ich bin unedel , Tante , niedrig denkend - ich fühle es wohl , aber ich kann mir nicht helfen , es verursacht mir heftige Pein , Zorn und Groll , an ihm etwas bewundern zu sollen , den ich bis in alle Ewigkeit verabscheue ! « Einmal vom Boden strenger Zurückhaltung und Verschlossenheit gewichen , beklagte sie sich auch heute zum erstenmal bitter über das herzlose Benehmen der jungen Witwe . Jener eigentümliche rote Fleck erschien , wenn auch flüchtig , unter dem linken Auge der alten Mamsell . » Kein Wunder - sie ist ja Paul Hellwigs Tochter ! « warf sie hin . In diesen wenigen , mit schwacher , aber schneidender Stimme gesprochenen Worten lag eine strenge Verurteilung . Felicitas horchte überrascht auf . Nie hatte Tante Cordula eine Beziehung zu irgend einem Hellwigschen Familiengliede berührt - die Nachricht von der Ankunft der Regierungsrätin hatte sie damals schweigend und scheinbar völlig teilnahmslos angehört , so daß Felicitas annehmen mußte , die Verwandten am Rhein haben ihr zeitlebens fern gestanden . » Frau Hellwig nennt ihn den Auserwählten des Herrn , den unermüdlichen Streiter für den heiligen Glauben , « sagte das junge Mädchen nach einer kurzen Pause zögernd . » Er muß ein glaubensstrenger Mann sein , einer jener finsteren Eiferer , die zwar mit eiserner Konsequenz nach Gottes Geboten leben , aber auch eben deshalb unerbittlich und unnachsichtlich die Fehler und Schwächen anderer richten . « Ein leises , heiseres Gelächter schlug an Felicitas ' Ohr . Die alte Mamsell hatte eine eigentümliche Art von Gesichtszügen , bei welchen man nie fragt : » sind sie schön oder häßlich ? « Die herzerquickende Sprache weiblicher Sanftmut und Güte , eines tiefsinnigen Geistes vermittelt hier zwischen den strengen Anforderungen der Schönheitsgesetze und der eigenwillig formenden Natur - wo die Linie abweicht , da ergänzt der Ausdruck , aber eben deshalb kann uns auch diese Gattung Gesichter plötzlich vollkommen fremd werden , sobald ihre gewohnte Harmonie gestört wird . Tante Cordula erschien in diesem Augenblicke förmlich unheimlich ; es war ein Hohngelächter , wenn auch ein leises , gedämpftes , welches sie ausstieß ; ihr sonst so stilles , liebes Gesicht hatte etwas Medusenhaftes durch den plötzlichen Ausdruck unsäglicher Bitterkeit und einer namenlosen Verachtung . Jene Aeußerung im Verein mit dem seltsamen Gebaren der alten Mamsell warfen abermals einen schwachen Lichtreflex auf ihre geheimnisvolle Vergangenheit , aber nicht ein leitender Faden wurde sichtbar in dem dunklen Gewebe , und auch jetzt that sie alles , um den Eindruck ihres momentanen Sichgehenlassens bei dem jungen Mädchen zu verwischen . Auf dem großen , runden Tische mitten im Zimmer lagen verschiedene Mappen , sie waren geöffnet . Felicitas kannte die zerstreut umherliegenden Blätter und Hefte sehr gut . Da , auf grobem , vergilbtem Papiere , mit verblichener Tinte und oft in sehr verzwickten Hieroglyphen hingeworfen , leuchteten Namen wie Händel , Gluck , Haydn , Mozart - es war Tante Cordulas Handschriftensammlung berühmter Komponisten . Bei Felicitas ' Eintritt in das Zimmer hatte die alte Dame in den Papieren gekramt , die , jahrelang unausgelüftet hinter den Glasscheiben liegend , jetzt einen durchdringenden Modergeruch ausströmten . Sie nahm schweigend die Arbeit wieder auf , indem sie die Papiere mit großer Vorsicht und Behutsamkeit in die Mappe schob . Der Tisch leerte sich allmählich , und dadurch wurde auch ein tiefer unten liegendes , dickes , geschriebenes Notenheft sichtbar . » Musik zu der Operette : Die Klugheit der Obrigkeit in Anordnung des Bierbrauens , von Johann Sebastian Bach , « stand auf dem Titelblatte . Die alte Mamsell legte bedeutungsvoll den Finger auf den Namen des Komponisten . » Gelt , das kennst du noch nicht ? « fragte sie mit einem wehmütigen Lächeln . » Das hat viele Jahre zusammengerollt im obersten Fache meines Geheimschrankes gelegen ... Heute morgen gingen allerlei Gedanken durch meinen alten Kopf - sie meinten alle miteinander , es sei Zeit , Ordnung für die Heimreise zu machen , und nach dieser Ordnung gehört das Heft in die rote Mappe ... Es mag wohl das einzige Exemplar sein , das existiert - es wird dereinst mit Gold aufgewogen werden , meine liebe Fee . Das Textbuch , ganz speziell für unsere kleine Stadt X. und meist im hiesigen Dialekt geschrieben