beurlauben ? « fragte die Baronin , indem sie ihre Arbeit zusammenlegte und sich erhob . » Ich möchte mit Bella ein wenig ausfahren , das arme Ding ist so lange nicht an die Luft gekommen . « » Nun , ich meine , die kann sie stets aus der ersten Hand haben , wenn sie sich die Mühe nimmt , den Kopf zum Fenster hinauszustrecken , « sagte Herr von Walde trocken , während er die Asche von seiner Zigarre abstrich . » Mein Gott , ist es dir unangenehm , Rudolph , wenn ich fahre ? ... Ich bleibe auf der Stelle zu Hause , wenn - « » Ich wüßte in der That nicht , weshalb ich dich abhalten sollte . Fahre so oft und so viel es dir beliebt , « war die gleichmütige Antwort . Die Baronin preßte die Lippen zusammen und wandte sich zu Helene . » Also bleibt es dabei , daß der Kaffee auf meinem Zimmer getrunken wird ? ... Sehr lange bleibe ich doch nicht draußen , des Sprühregens halber ; ich bin pünktlich in einer Stunde zurück und werde es mir nicht nehmen lassen , dich , liebste Helene , selbst in mein Zimmer zu fahren . « » Das wirst du dir doch wohl nehmen lassen müssen , « sagte Herr von Walde . » Es ist mein Amt seit vielen Jahren , und ich will nicht hoffen , daß meine Schwester glaubt , ich sei während meiner Abwesenheit zu ungeschickt geworden . « » Gewiß nicht , lieber Rudolf ... ich bin dir sehr dankbar , wenn du so freundlich sein willst ! « rief lebhaft Helene , während ihr Blick ängstlich zwischen den beiden hin und her flog . Die Baronin hatte jedoch ihren Aerger bereits tapfer niedergekämpft . Mit dem verbindlichsten Lächeln auf den Lippen reichte sie Herrn von Walde die Hand , küßte Helene auf die Wange und rauschte mit einem : » Nun denn , auf Wiedersehen ! « zur Thür hinaus . Während dieser kurzen Verhandlung beobachtete Elisabeth die Gesichtszüge des Mannes , dessen Blick und Stimme ihr neulich einen so tiefen Eindruck gemacht ... Hatte sich doch der Schrecken - denn das war ohne Zweifel einzig und allein jene mächtig angeregte Empfindung gewesen - soeben wiederholt , als sie , in die Thür tretend , Herrn von Walde unerwartet sich gegenübersah ... Wie ruhig blickte heute sein Auge , aus welchem damals Funken zu sprühen schienen ; ja es wurde sogar eisig kalt , als es auf dem Gesichte der Baronin haftete . Die obere Partie seines Kopfes , die ohnehin in ihren Linien etwas ungemein Strenges hatte , erschien durch diesen Ausdruck der Augen geradezu eisern . Ein schöngepflegter kastanienbrauner Bart umgab Lippen und Wangen und floß in weichen Wellen vom Kinne herab auf die Brust ... Herr von Walde sah nicht jung aus , und wenn auch seine schlanke Gestalt viel Elastizität bewahrt hatte , so gaben doch die unbeschreibliche Beherrschung und Ruhe in Haltung und Gebärden seinem ganzen Auftreten jene Respekt einflößende Würde , wie sie nur dem reiferen Manne eigen sein kann . Als die Baronin das Zimmer verlassen hatte , öffnete Elisabeth den Flügel . » Nein , nein , keine Noten ! « rief Helene hinüber , als sie sah , daß das Mädchen unter den Musikalien suchte und wählte . » Wir wollen Ihre eigenen Gedanken hören , bitte , spielen Sie aus dem Stegreife . « Elisabeth setzte sich ohne Zögern nieder . Bald hatte sie in der That die Außenwelt vergessen . Ein Melodienreichtum quoll in ihr auf , der ihre Seele hoch emportrug . In solchen Momenten empfand sie stets beseligt , daß sie vor Tausenden anderer Sterblicher begnadigt sei , denn sie hatte die Macht , der leisesten Regung ihres Herzens Ausdruck verleihen zu können . Die Klarheit ihrer ganzen inneren Welt spiegelte sich in den Klängen wieder ; nie noch hatte sie nach der verkörpernden Melodie ihre Empfindung suchen müssen , sie lag fertig in ihrem Innern , wie das Gefühl selbst ... Heute aber mischte sich etwas in die Töne , was sie nicht begreifen konnte ; es hatte durchaus keine eigene Stimme ; sie hätte es um keinen Preis verfolgen und erfassen können , denn es flog nur wie ein neuer , unbekannter Hauch über die Tonwellen . Es war ihr , als wandelten Schmerz und Freude nicht mehr nebeneinander , sondern flössen in eins zusammen ... Dies Suchen nach dem Wesen jenes unfaßbaren Klanges ließ sie aber immer tiefer in ihre Gefühlswelt hinabsteigen . Das ganze süße Geheimnis einer reinen , keuschen Mädchenseele entfaltete sich allmählich vor den Zuhörern , sie blickten in einen Wunderbrunnen , aus dessen Tiefe die äußere Erscheinung des jungen Mädchens doppelt verklärt wieder auftauchte , denn es war ja eine unlösbare Harmonie in ihrem äußeren und inneren Menschen . Der letzte leise Akkord war verklungen . An Helenes Wimpern hingen zwei schwere Thränen , die Blässe ihres Gesichts war fast geisterhaft geworden . Sie blickte nach ihrem Bruder , aber er hatte das Gesicht abgewendet und sah hinaus in den Garten . Als er sich endlich umdrehte , waren seine Züge ruhig wie immer , nur eine leichte Röte färbte seine Stirn , die Zigarre war seinen Fingern entglitten und lag auf dem Boden . Er sagte Elisabeth , die sich inzwischen erhoben hatte , nicht ein Wort über ihr Spiel . Helene , der das Schweigen sichtbar peinlich wurde , erschöpfte sich in Lobeserhebungen , um dem jungen Mädchen die Kälte und Indolenz ihres Bruders vergessen oder wenigstens weniger fühlbar zu machen . » War das wieder einmal genial ! « rief sie . » Die Leute in B. hatten sicher keine Ahnung von dem goldenen Liederquell in Elschens Brust , sonst hätten sie wohl das liebe Mädchen nicht in die Thüringer Wälder auswandern lassen . « » Sie haben bis jetzt in B. gelebt ? « fragte Herr von Walde