hat , aber nicht mehr mit dem freundlichen Herzen , das sich seiner Undankbarkeit im Grunde schämt . Es hat sich ein bitteres Etwas hineingemischt in ihre Gefühle gegen den Mann , seitdem er - es war auf einer Reise in Italien - gewagt hat , offen mit seiner Liebe hervorzutreten , sie ihn mit jener schlechten Logik , welche Verharren in einer capriciösen Laune für Consequenz nimmt , zurückgewiesen , und er , stolz wie er ist , sie sofort beim Worte genommen hat und seitdem in Aegypten und Nubien verschwunden ist . Sie bildet sich ein , daß sie angefangen hat , den Gespielen ihrer Jugendjahre , den treuen Freund in aller Noth und Gefahr , zu hassen , und ein Psycholog hätte ihr sagen können , daß der Haß der wilde Bruder der holden Schwester Liebe und nur die Gleichgiltigkeit ein undurchdringlicher Panzer für ein Frauenherz ist . Und nun tritt in die friedliche Scenerie die Gestalt eines Mannes , dessen Schönheit ihr kunstsinniges Auge entzückt , dessen sanfte Freundlichkeit sie umspielt wie linder Frühlingshauch , dessen Melancholie in ihrem sich nach Glück sehnenden Herzen ein Echo findet - eines Mannes , der Alles in Allem nur eine Verkörperung ihrer Träume scheint . Und wie in einem Traume nimmt sie seine Liebe entgegen , erwiedert sie mit tausendfacher Gluth - sie will die Gefahr nicht sehen , sie will nicht erwachen , sie will einmal in ihrem Leben glücklich sein . Aber der Morgen steigt herauf ; es ist nicht möglich , die Augen länger geschlossen zu halten und den Traum zu bannen . Der wider alles Erwarten zurückgekehrte Freund tritt warnend vor sie hin und schon im nächsten Moment geht seine Prophezeiung in Erfüllung . Schlag auf Schlag bricht das Unglück herein , dessen Ahnung ihn aus den Ruinen von Karnak nach seiner nordischen Heimath trieb . Die Nachricht von dem bevorstehenden Tode des Mannes , dessen Namen sie führt , reißt sie aus den Armen des Geliebten ; sie eilt , eine Pflicht zu erfüllen , die ihr um so heiliger ist , je wonnenvoller das Glück , in welchem sie sich in diesen letzten Wochen gewiegt - und sie kehrt zurück , das Herz voll freudiger Hoffnung und zugleich voll banger Ahnung , und sie hört und sieht , daß der Mann , dem sie sich mit grenzenloser Liebe hingegeben , sie verrathen hat , und daß , wie zur Strafe für ihr kurzes , heimliches Glück , ihr einziges Kind , der schöne , liebenswürdige Knabe , ihr Trost , ihre Wonne , ihr Stolz , darniederliegt an einer Krankheit , in der sie den Anfang eines Leidens sieht , dessen Ausgang und fürchterliches Ende sie eben an dem Vater des Kindes erfahren hat . Aber dieser zweite Schlag ist vielleicht für sie ein Segen . Er betäubt sie so , daß sie die Wunde , die ihrem Herzen geschlagen ist , kaum fühlt . Die Liebe des Weibes versinkt in dem Abgrund der Mutterliebe . Sie wacht an des Knaben Bette Tag und Nacht , sie hat nur Aug ' und Ohr für seine Bedürfnisse , seine Wünsche ; und als er sich etwas erholt , macht sie sich mit ihm auf die Reise zu dem Manne , in dessen Erfahrung sie grenzenloses Vertrauen setzt , von dessen Lippen sie die Entscheidung über Leben und Tod - nein , was schlimmer , tausendmal schlimmer ist , als der Tod ! - entgegennehmen will . Und er hat entschieden ; er hat ihr nicht alle Hoffnung geraubt , er hat ihr Muth zugesprochen - ihr Knabe wird leben ; er wird gesunden ; die Sünden des Vaters sollen nicht heimgesucht werden an dem Kinde . Und jetzt , wo ihre Seele von der entsetzlichen Last befreit ist , denkt sie zum ersten Mal wieder an ihre verrathene Liebe . War dieser Verrath nicht eine Strafe für sie , daß sie zuerst nach ihrem und dann nach ihres Kindes Glück gefragt ? für den Verrath , den sie an ihrem Kinde geübt ? war die Liebe zu einem Manne , der ihr ganzes Herz erfüllte , nicht Verrath an ihrem Kinde ? Hier in diesem Zimmer hatte sie in den warmen Abenden des verflossenen Sommers so oft von einer Zukunft geträumt , deren Erfüllung diese Gegenwart war , in welcher sie der Strom des Lebens zurückgetrieben hatte , an denselben Ort , fast in dieselbe Situation . War es nicht , als wolle ihr das Schicksal Zeit geben , noch einmal zu überlegen , ehe sie handelte , ehe sie ihr Glück und das ihres Kindes in Hände legte , die viel zu schwach waren , ein solches Gut mannhaft zu vertheidigen ? Hier in diesem Zimmer hatte sie der Freund vor jenen Händen gewarnt , die mit knabenhafter Kühnheit nach allem Höchsten griffen , um in kindischer Laune das Schönste und Herrlichste , als wäre es Trödelwaare , wieder fortzuwerfen . Hier in diesem Zimmer hatte er ihr eine Prophezeihung gemacht , die Wort für Wort schon jetzt in Erfüllung gegangen war ! Hier in diesem Zimmer hatte er die Worte zu ihr gesprochen : Und wenn Du dann von diesem Schlage zerschmettert am Boden liegst und zu sterben wünschest und doch nicht sterben kannst , dann wirst Du erkennen , welche Qualen ein Herz erduldet , wenn es seine Liebe und Treue verschmäht und verrathen sieht ; dann wirst Du mir im Herzen das Unrecht abbitten , das Du mir gethan ! Wo war er jetzt , dieser treue , edle Mann , der - sie hatte es oft gefühlt , aber nie mehr als in diesem Augenblicke - ihrethalben seine stolze Kraft in Thatlosigkeit oder sinnlosen Abenteuern vergeudete , wie ein Baum , dem das Herz gebrochen ist , üppig in Zweige und Blätter schießt , ohne jemals Früchte zu bringen ? Wieder irrte er , ruhelos wie Ahasver , durch die weite öde Welt . Als sollte er nie etwas