. Seine Güter erstreckten sich weit , und obgleich bei einem Theil derselben die unmittelbaren Beziehungen durch das Pachtverhältniß des Deichgrafen unterbrochen waren , so ließ er doch als eigentlicher Herr sich seine Laune , da und dort hineinzureden , nicht nehmen ; bald kehrte er dann hier , bald dort ein , auf eigenem oder fremdem Gebiet . Eines Tages war er wieder einen weiten Weg ausgeritten . Es handelte sich darum , gegen den Deichgrafen , der , um vielleicht wirklich Landrath zu werden , schon einen kleinen Gutskauf abzuschließen suchte , zwei maskirte Gegengebote zu veranlassen . Die Regierung unausgesetzt um Beförderung oder Versetzung anzugehen , drängte den » schönen Enckefuß « eine von Jahr zu Jahr sich mehrende Schuldenlast . Nun gab ' s Hin- und Herritte , Verhandlungen mit der Geistlichkeit , den Advocaten im nahen zum Kreis gehörenden Städtchen Lüdicke , Umtriebe , um , wenn es zum Wählen eines neuen Landraths kommen sollte , den Wahlmodus durch Zusammenlegung dieser oder jener heterogenen Districte zu paralysiren , und was sonst dergleichen Künste des Regierens und Politisirens jetzt geworden sind , von der Wahl eines Gemeindeschulzen auf dem Dorfe an bis zum Landstand und Mitglied eines Herrenhauses . Zunächst den Gutskauf des Deichgrafen rückgängig zu machen , war ein Ziel » des Schweißes der Edeln werth « . Der Haß des Kronsyndikus gegen seinen alten Freund kannte keine Grenzen , und die Vorfälle im Düsternbrook , wo der Deichgraf inzwischen mit Gensdarmen einen Grenzstein aufgestellt hatte , den jedoch der Kronsyndikus schon wieder hatte wegnehmen lassen ( wofür ihm eine Citation in die Kreishauptstadt geworden ) , hatten das Feuer immer noch mehr geschürt . Es war vier Uhr . Der Kammerherr saß und porträtirte seinen Hund , seinen Retter von der wie der Tod gefürchteten Ehe . Türck war von den vielen Hunden , die auf dem Schlosse knurrten und bellten , gerade derjenige , den Lucinde nicht leiden mochte . Sie nannte ihn gerade so , wie der Kronsyndikus zuweilen den Deichgrafen nannte , einen » Calfacter « , ein Wort , dessen Ursprung ihr der Kammerherr im Begriff war mit dem ganzen ihm eigenen Aufwand seiner noch haften gebliebenen Schulkenntnisse zu erklären . Calefacio , calefeci , calefactum , calefacere , wiederholte er und fing an , indem er malte , mit sich selbst , wie er sagte , zu » certiren « und sich gleichsam von diesem oder jenem seiner alten Mitschüler übertreffen zu lassen . Imperfectum zweite Person Singularis ! rief er mit befehlender Stimme . Dann mit lispelnder und schüchterner : Calefixis ! Falsch ! donnerte er . Klingsohr , Sie ! Calefaxisti ! Falsch ! Plüddemann , Sie ! Calefeceritis ! Falsch ! Wer kommt ! Der Folgende ! Der Folgende ! Herr von Wittekind , Sie ! Calefaciebas ! Bravo , Herr von Wittekind ! Setzen Sie sich über Plüddemann , Klingsohr , Katerkamp und Vincke ! Diese Selbstgespräche und Selbstlobeserhebungen war Lucinde schon lange gewohnt . Oft mußte sie Zumpt ' s Grammatik nehmen und ihm überhören . Sie lernte selbst dabei . Früher that sie es sogar ganz gern . Jetzt aber , seit Klingsohr in ihrem Herzen lebte , unterhielt es sie wenig . Da auch Klingsohr zu den Mitschülern gehört haben sollte , die ein wie es schien doch geborener Dümmling immer übertraf , so sprach sie heute ihre Verwunderung darüber aus , erntete jedoch für die Anerkennung des Doctors eine Flut von Beschuldigungen gegen den alten Kameraden ; er wisse gar nichts , er hätte auf der Universität nachholen wollen und sich nun erst recht lächerlich gemacht , da die Andern schon ihre Freiheit genossen hätten ; dann hätte ihm der Deichgraf kein Geld mehr geschickt , allen wäre er verschuldet gewesen und hätte sich , wenn er nicht bezahlen konnte , nicht anders loskaufen können als durch Wetten , zum Beispiel : Zwölf Maß Goslarer Bier an einem Abend zu trinken und dann doch noch in eine Gesellschaft zum Justizrath Bauer oder zum Pandektisten Hugo zu gehen und mit den elegantesten Damen dort über den Begriff des Romantischen oder » Die bezauberte Rose « von Ernst Schulze zu streiten . Das Bild einer wüsten Vergangenheit war Lucinden schon lange an Klingsohr nicht fremd ; aber er klagte sich ja selbst an ! Und zu hell leuchteten seine klugen Augen im letzten Mondenschein , zu süß war seine Rede in dem flüchtigen Augenblicke gewesen neulich , wo er zum ersten mal leise ihre Stirn geküßt hatte , zu tief und anregend war alles , was sie schriftlich von ihm durch den verschmitzten Musikanten besaß und auf dem Herzen trug , um es in jeder unbelauschten Minute zu durchfliegen . Heute hatte Klingsohr versprochen , Abends gegen sieben Uhr einen solchen Umweg zur Wohnung seines Vaters zu nehmen , daß er , heimkehrend von der Kreisstadt , wo er den Gutsankauf zu betreiben helfen sollte , am Schloß vorüberreiten mußte . Einige Blumen , die sie in demselben Augenblick , wo er an ihrem Fenster vorüber mußte , ihm entweder zuwerfen oder , wenn dies nicht möglich wäre , wenigstens an die Lippen drücken wollte , standen schon , frisch aus den Beeten des Vorparks genommen , in einem Glase bereit vor ihr . Ihre sich kreuzenden Gedanken nicht zu verrathen , unterbrach sie den immer noch fortcertirenden Kammerherrn mit der Frage , wie denn nur sein Vater einen doch immerhin so rüstigen , thätigen , energischen und charaktervollen Mann wie seinen Pachter , den Deichgrafen , so oft » Calfacter « nennen könnte ? Plüddemann ! Was ist ein Calfactor ? fiel der Kammerherr zur Antwort ein . Mit veränderter Stimme antwortete er : Calefactor , Warmmacher , ist ein Pedell - Pudel ! unterbrach er sich selbst ... Pudel ? Wer sagt das ? Klingsohr ! Wer nannte hier den Pedell einen Pudel ? Große Untersuchung ... ( immer spricht der Kammerherr ) . Kein Resultat ... Ein Calefactor ist ein