geht , so ging es mir mit der Herzogin von S. Meine letzten Schilderungen würden ebenfalls hübscher geworden sein , wenn ich sie bei Lampenlicht hätte geben können . Aber nur in trocknen Worten , bei unzweifelhaftem Tageslichte mußte ich die Schönheiten jener hohen Dame zergliedern ; da half kein Bitten und kein Flehen , die Sache wollte nun einmal beschrieben sein , so oder so , jedenfalls aber gemäß der Wahrheit , und leider mußte ich gehorchen . Meine Leser werden bemerkt haben , daß dies nur mit großem Widerstreben geschah , ich zog die Sache soviel wie möglich in die Länge und würde mich durch das Zwischenschieben anderer , fremdartiger Geschichten wohl noch länger dagegen gesträubt haben , wenn mich mein Gewissen nicht daran erinnert hätte , daß es besser sei , lieber um kein Haar breit von meinem Texte abzuweichen und allein der Wahrheit die Ehre zu geben . Ich blieb bei der Wahrheit , und ich war deshalb zehnmal weniger interessant , als wenn ich die Göttin der Lüge umarmt hätte . Wahrheit und Lüge ! Die Göttin der Wahrheit ist wie ein sechs Fuß hohes Mädchen mit blonden Haaren und mit kaltem , aber schneeweißem Teint . Aus zwei großen blauen Augen , die wie zwei Himmel in ruhig heiterer Herrlichkeit zu dir niederlächeln , schaut dich die Seele der reinen , keuschen Göttin so unbefangen und doch so feierlich an , daß du nur schüchtern zu nahen wagst , um ihr höchstens die Stirn zu küssen , die hohe olympische Stirn , und dann eines Befehles zu harren in banger Unterwürfigkeit , den langen , lieben , langweiligen Tag . Es geht uns mit der Wahrheit wie Cupido mit den sämtlichen Musen . Ich entsinne mich nämlich , gelesen zu haben , sagt Meister Alcofribas , daß einst Cupido , den seine Mutter Venus frug , warum er nicht die Musen anfiel , zur Antwort gab , er fände sie so schön , rein , ehrbar , sittsam und stets beschäftigt , die eine mit Betrachtung der Sterne , die andere mit Berechnung der Zahlen , die dritte mit geometrischen Maßen , die vierte mit rednerischer Erfindung , die fünfte mit poetischen Künsten , die sechste mit Musikbesetzung usw. , daß er , wenn er zu ihnen käme , seinen Bogen abspannte , den Köcher zuschlöß und die Fackel verlöschte , aus Scham und Scheu , ihnen weh zu tun . Auch nähme er sich die Binde von den Augen , sie offenen Angesichts zu schauen , ihre artigen Lieder und Oden zu hören : dies wäre ihm die größte Lust der Welt , so daß er sich öfters schier verzückt fühle in ihrer Anmut und Lieblichkeit , ja in der Harmonie entschliefe , geschweige daß er sie überfallen oder von ihren Studien sollte abziehen . - So geht es uns denn auch mit der Wahrheit . Oh , wie anders ist es mit der Lüge ! Die Göttin der Lüge oder der Phantasie , wenn ihr sie lieber so nennen wollt , ist nicht wie die der Wahrheit ihre sechs Fuß hoch ; sie trägt auch keine blonden Haare - nein , eine kleine schwarz- oder braungelockte Person ist sie , südlich dunkler Gesichtsfarbe , mit schelmischem Rosenmund und so verführerisch zierlich an Taille , Händen und Füßen , daß man wirklich gleich auf allerlei Irrwege geraten würde , wenn die beiden feurigen Augen der Kleinen nicht so sehnsüchtig verlangten , daß man sich taumelnd in ihnen verlöre wie eine Mücke im flammenden Lichte . Ruhig nicht und ernst ist die reizende Göttin , nein , sie ist lebendig , beweglich ; sie tanzt und singt und schmückt ihre Locken mit lustigen Blumen , lachend und weinend , wie es ihr gerade einfällt , und immer bleibt sie graziös . Der Wahrheit mußt du huldigen wie einer Königin , und was sie dir gibt , das gibt sie dir aus Gnade . Nicht so die Phantasie . Statt ihr nachzulaufen , läuft sie mitunter dir nach , und bist du ein hübscher Junge , da besucht sie dich in den Nächten des Frühlings und schlingt ihre weichen Arme um deinen Nacken und küßt dich , und am Morgen wachst du verwundert auf . Die nackte Wahrheit ist eine englische Ehefrau ; die schöne Lüge eine französische Grisette . Doch zurück zu Schnapphahnski ! Es war die höchste Zeit , daß unser Ritter in seinen Unternehmungen reüssierte ; er siegte noch gerade zur rechten Zeit über die Herzogin ; ihre Großmut konnte ihn noch retten . Die bedeutenden Besitzungen der Schnapphahnskischen Familie im östreichischen Schlesien sollten nämlich öffentlich verkauft werden , da der Ritter nicht mehr imstande war , sie zu halten . Schon war der Versteigerungstermin bestimmt , und ein Bevollmächtigter des K. von H. präsentierte sich , um die enorme Besitzung zu erstehen . Da trat jene Wendung in dem Leben unseres Ritters ein ... Die Herzogin von S. schwärmte für Schnapphahnski , und kein Opfer war ihr zu groß , um dem unglücklichen Manne zu helfen . Durch ihren Einfluß wußte sie es dahin zu bringen , daß der K. von H. seinen Bevollmächtigten zurückzog und die Idee des Kaufes fahren ließ . - Andere Bieter waren bei der ungemeinen Beträchtlichkeit der Herrschaft nicht zu fürchten und nicht vorhanden , und die Herzogin gab dann dem Ritter 200.000 Taler , damit er die ganze Geschichte halten konnte . Hiermit nicht zufrieden , veranlaßte der Ritter seine Gönnerin außerdem noch , nach und nach die Hypotheken , welche auf den andern Gütern lasteten , abzulösen und so mit seinen bedeutendsten Schulden tabula rasa zu machen - unser Freund war einer der Glücklichsten unter der Sonne . Ihr erinnert euch jener Sage von einem verwünschten Schlosse ? Disteln und Dornen waren hoch um die alten Mauern gewachsen und bildeten mit den efeuberankten Bäumen des Waldes einen undurchdringlichen Kranz , der die ganze Feste einschloß . Totenstille herrschte in dem prächtigen Raume . Auf