zu lassen ; und etwas Anderes würde ich Dir nie sein können . Du achtest mich - ob mit Recht oder Unrecht , mag dahin gestellt sein - zu wenig , um mich Deines Vertrauens würdig zu halten . Dagegen habe ich nichts einzuwenden , obschon es mir wehe thut , weil ich fühle , daß ich besser bin als Du glaubst . Mich aber zu den vielen Nullen zählen zu lassen , zu denen Du die Eins bildest , dazu , Richard , bin ich zu stolz . - Unterbrich mich nicht ! Ich freue mich , daß einmal der Augenblick gekommen , wo ich mich offen hierüber gegen Dich aussprechen kann . Richard , ich halte Dich nicht blos für einen unglücklichen , sondern auch für einen thörichten Menschen , weil Du nach Liebe umherspähest , ohne zu bedenken , daß man selber der Liebe fähig sein muß , wenn man sich in der Liebe Anderer befriedigt fühlen will . Nur so viel Gefühl man selbst in ein Verhältniß hineinträgt , so viel Glück und Freude trägt es ein . Wärst Du nur Egoist , Richard , so wäre nichts dagegen zu sagen . Jeder schafft sich seine eigene Welt . Wolltest Du nur Liebe erwecken und Egoist bleiben , so würde auch dies noch passabel vernünftig sein . Aber Du willst nicht blos Egoist sein , und geliebt werden , sondern auch wahrhaft glücklich sein , durch diese Liebe : das , Richard , nimm es mir nicht übel , ist einfältig - denn es ist eine Unmöglichkeit . « Landsfeld war in tiefe Gedanken versunken , aber er antwortete Nichts . Alice fuhr fort : » Sieh , Richard , das ist der Grund , weshalb Du auch mich nicht verstanden hast . Dein Egoismus wurde durch meine Art zu lieben verletzt ; Du begriffst nicht , daß mir die Persönlichkeit des Geliebten nur der zeitweilige Träger meines Liebeideals sein konnte . So glaubtest Du von mir hintergangen zu sein , als ich fand , daß Du dies Ideal nur nach einer Seite hin verwirklichtest , also die unbedingte ausschließliche Liebe , welche Du fordertest , nicht verdientest . Berger , wie er damals war , sein reines , kindliches Gemüth zog mich gerade durch den Gegensatz zu Dir an . Und dennoch hätte ich an Dir festgehalten , wärst Du nicht kleinlich genug gewesen , auf ihn eifersüchtig zu sein . Schon deshalb war es ein Akt der Humanität , ihn glücklich zu machen . - Daß ich es ohne Dein Wissen und Willen that , daran warst Du selbst schuld . Du zwangst mich dazu durch Deine despotische Eifersucht , denn - unbedingte Herrschaft kann ich meiner Natur nach keinem Manne einräumen . - Doch ich will darüber schweigen , denn die Zeiten sind vorbei . Jetzt lieb ' ich weder Dich noch Berger mehr . Aber eben darum wirst Du begreifen , warum ich Keinen dem Andern aufopfern kann . - Ich bitte Dich aufrichtig , keine Bitte an mich zu verschwenden . Die Versagung würde Dich nur gegen mich erbittern , und das würde mir leid thun . Denn ich halte Dich noch immer hoch und werth . « Diese mit völlig leidenschaftsloser Freundlichkeit und ruhiger Herzlichkeit gesprochenen Worte machten einen tiefen Eindruck auf Landsfelds aufgeregtes Gemüth . Er fühlte sich hier zum erstenmale einem weiblichen Charakter gegenüber , der , an Selbstständigkeit und Festigkeit dem seinen so nahe verwandt , ihm ein unwillkührliches Gefühl der Achtung abzwang . Er glaubte merkwürdiger Weise diesmal an die Wahrheit dessen , was er so eben gehört , und grade diesmal wurde er , wenn auch nicht ganz , so doch theilweise getäuscht . Alice liebte ihn wirklich noch , und vielleicht glühender als je ; aber mit jenem Scharfblick , der nur Frauen eigenthümlich ist , hatte sie den einzigen möglichen Weg , auf dem sie sein Vertrauen , und dadurch vielleicht seine Liebe wieder erwerben konnte , richtig erkannt und mit großer Selbstverläugnung eingeschlagen . Nur dadurch , daß sie eine völlig unbefangene , selbstständige Stellung ihm gegenüber einnahm , war es möglich - das fühlte sie - ihn zur Verlassung der seinigen , und zur Annäherung an sie zu bewegen . Sie wurde allerdings hierin durch ihren natürlichen Edelmuth , von dem er sich selbst durch Anhörung jenes Gesprächs überzeugt hatte , so wie durch den Zufall , der sie in den Besitz eines ihm wichtigen Geheimnisses gesetzt hatte , von dem sie übrigens weniger wußte , als er glaubte , bedeutend unterstützt ; aber alle diese Vortheile hätten ihr nichts genützt , wäre sie schwach genug gewesen , ihm ihre vom Erlöschen noch sehr ferne Liebe zu ihm ahnen zu lassen . » Ich kann Dich nicht zwingen , Alice « - sagte er mit einer Art von Resignation , die diesem starken Menschen einen Ausdruck von Sanftmuth verlieh , welcher das Herz Alicens zu verdoppelten Schlägen trieb . » Doch noch habe ich selbst Kraft genug , um mein Heiligthum vor Entweihung zu schützen . Wehe dem , der es wagt , Lydia mit einem Worte zu verletzen . Wehe auch denen , die schwiegen , als sie reden konnten . « » Reden werd ' ich nicht , Richard . Aber daß ich nicht handeln wollte , wenn ' s Zeit dazu ist , habe ich Keinem versprochen . - Jetzt lasse mich allein , der Morgen dämmert schon . « Sie reichte ihm die Hand , er drückte sie herzlich . Landsfeld eilte in den Hof hinab , bestieg sein Pferd , und trabte , gefolgt von seinem Bedienten , durch den grauen Herbstnebel , welcher sich dicht auf die noch menschenleeren Straßen gelagert hatte . Neuntes Kapitel Etwa acht Tage nach den oben erzählten Scenen standen zwei tiefverhüllte Gestalten an der langen Mauer , welche die eine Seite der Anhalt-Straße bildet und blickten aufmerksam nach der Bel-Etage eines der reizenden Häuser dieser schönen Straße hinüber . Ein