mehr so viel in die Lagune hinein ; dadurch fiel ein großer Theil meiner Unterhaltung fort ; ich sah der langen Weile entgegen und um einen Versuch zu machen ihr zu entgehen beschloß ich etwas in die Gesellschaft einzutreten und den Brief abzugeben , den mir mein Onkel an den Gouverneur von Venedig , seinen langjährigen Freund , fast aufgezwungen hatte - weil ich damals durchaus nichts von Bekanntschaften wissen wollte . Jezt schienen sie mir doch nothwendig zu sein , und heimlich hofte ich dem Sylfen zu begegnen und ihn zu erkennen . Also ich machte und empfing Besuche , ich hatte Soireen , ich nahm eine Loge in der Fenice , ich ließ mich bei Hof vorstellen , als der Erzherzog Vicekönig auf einige Zeit nach Venedig kam - und langweilte mich gräßlich , weil ich mit Ansprüchen von Belebung in die Gesellschaft trat , welche nie in diesem großen Getümmel gefunden werden kann . Ich kleidete mich , ich sprach , ich tanzte , ich that wie die Uebrigen , aber mit maschinenmäßiger Gleichgültigkeit . Heimlich hatte ich wol die Hofnung gehegt irgendwo dem Unbekannten zu begegnen oder irgend etwas über ihn zu erfahren . Das schien vergeblich ! nichts ereignete sich was mich an ihn hätte erinnern können - gar nichts als der eine kleine Umstand , daß die Loge neben der meinen im Theater Fenice stets geschlossene Vorhänge hatte , obgleich sie allabendlich - oder wenigstens immer wenn ich in der Oper war , besucht war . Während längerer Zeit bemerkte ich es gar nicht , man sieht häufig geschlossene Vorhänge ; entweder sind die Eigenthümer nicht in der Loge oder sie wollen nicht gesehen sein . Endlich einmal , im Augenblick wo das ganze Publikum lauschend in den Gesang der Prima Donna vertieft war , rauschte vernehmlich , wiewol leise der Vorhang . Ich sah mich neugierig um , weil ich die Erscheinung einer schönen Frau erwartete , und bemerkte mit Erstaunen , daß der Vorhang nicht in der Mitte von einandergezogen , sondern nur nach meiner Loge seitwärts ein wenig aufgehoben worden war . Er fiel hastig herab als ich die wahrscheinlich unerwartete Bewegung machte , und ich sprach unwillkürlich zu mir selbst : Das ist er . Mir klopfte doch ein wenig das Herz bei dieser Vorstellung . Weshalb vermied dies mysteriöse Wesen so scheu meinen Blick , da es sich doch so sehr mit mir beschäftigte und den Wunsch an den Tag zu legen schien , daß ich mich mit ihm beschäftigen möge ? welche Furcht entfernte - welcher Umstand trennte es von mir ? Mit leisem Herzpochen betrat ich nun allabendlich meine Loge . Immer lag seitdem auf ihrer Brüstung ein köstlicher Blumenstrauß ; immer verkündete mir eine leise Bewegung der festgeschlossenen Vorhänge der seinen , daß mein geheimnißvoller Nachbar gegenwärtig sei . Diese stete Aufmerksamkeit war mir weder lästig noch peinlich , und streifte doch an Beides . Wer ein so unausgesetztes Interesse mir bewies mußte , nach meiner Meinung , nicht in diesem seltsamen Schleier bleiben . Im Unmuth hierüber verließ ich einen Abend im ersten Zwischenact die Oper , und warf im Hinausgehen den Blumenstrauß vor die Logenthür des Unsichtbaren . Am andern Morgen fand ich auf meinem Frühstückstisch ein Billet , das ich in der Erwartung irgend einer Einladung erbrach . Statt dessen las ich folgende Zeilen in italienischer Sprache : » Sie zürnen mir , denn ich erscheine Ihnen trotz aller Zurückhaltung dennoch zudringlich . Darum wird ferner kein Zeichen meiner Huldigung Sie belästigen . Aber gönnen Sie mir - ich sage nicht : einen Blick ; sondern nur : Ihren Anblick allabendlich in der Oper , und verkürzen Sie nicht grausam die wenigen Stunden in denen ich selig - weil in Ihrer Nähe bin . « Eine anonyme Liebeserklärung oder eine Mystification , und Eines ist so unbehaglich als das Andre sprach ich halblaut zu mir selbst ; das muß ein Ende nehmen ! - Und ich ging in drei Tagen nicht in die Oper . Am Morgen des vierten ein abermaliges Billet . » Ich habe Sie verstanden : Sie wollen mir mein demüthiges Glück nicht gönnen . Gut ! ich störe Sie ferner nicht . Gehen Sie in die Oper .... ich werde nicht mehr dort sein , mein Wort darauf . Ich beschwöre Sie fürchten Sie keine Zudringlichkeit ! - aber sehen .... muß ich Sie und werd ' ich Sie . « Er wird mich sehen , aber ich ! .... werde denn ich ihn nie sehen ? sprach ich gedankenvoll und beklommen zu mir selbst ; und die unbestimmte traumhafte Sehnsucht richtete sich nun bestimmt auf diesen Gegenstand . Schon diese Bestimmtheit that mir wol . Mir war wie Einem , der nach langer Seereise endlich einmal wieder festen Boden unter den Füßen fühlt ; ich empfand nicht mehr das ermüdende Schaukeln der Wogen ; ich hatte Land gewonnen . Ich begann etwas Bestimmtes und Begrenztes zu hoffen und zu wünschen : ich war fast glücklich ! Ich ging Abends in die Fenice . Die Nachbarloge war leer , weitgeöfnet der Vorhang . Wo konnte er nun sein ? mein Blick schweifte gedankenlos über die Menge dahin ; was war sie mir ? was war ich ihr ? ein buntgefärbtes Nebelbild ohne Wesen , ohne Wahrheit ; eine vergängliche Erscheinung , die heute gefällt und morgen vergessen ist . Dein Leben oder Tod .... Dein Glück oder Leid wiegt keines Sandkorns Gewicht in dem Dasein dieser Menge - sprach ich zu mir . Ist denn solche schauerliche Vereinzelung - Leben zu nennen ? Leben ist Reflex des eignen Seins im andern , Gegenseitigkeit , Wechselwirkung , Entwickelung . Wo das fehlt - existirt man in einer Schattenwelt , und ihr ist der Tod vorzuziehen , der wenigstens ungestörte Ruhe bringt . Aber mein Wesen im fremden Herzen gefaßt und getragen - das lebt , und lebt ewig ; denn die Liebe zieht die Unsterblichkeit groß . Am nächsten Tage