nicht mit meiner hüpfenden und springenden Natur , die in allem sich selber verstehen will und wie ein Speer sich der Klugheit entgegenwirft . » Das weiß Gott « , sagte die Großmama . » Aber Kind , wie sieht es aus in dir ? « Wie es aussieht in mir , liebe Großmama ? Nicht wie hier in Offenbach die Wiesen weit hinaus sich ziehen und der Waldrand hinter dem beschifften Fluß bescheiden und lieber , das rasche Bächlein mit seinen großen Eichen überwölbt , und die große Bleiche , wo alles so früh schon tätig ist , und die engen Schleichwege zwischen blühenden Hecken , die ums Dorf führen - und denn ganz in der Ferne die Gebirgslinie , die an den Himmel ihre Weisheitsschrift ankreidet , an die der freie Wille ohne Auslegung der Schriftgelehrten , ohne Glaubenszwang sich hingibt ; dazu die blaue Heerstraße der Wolkenzüge . Nein , dies Vaterlandsbild gleicht nicht meiner Seele , es ist mir doch , ich komme anders woher ! - Hoch und niedrig waldumwachsenes Felswerk , an dem der Rasen schüchtern hinaufklettert , und das seine eigensinnigen Klippen so trotzig hinausstreckt , an dem die Nebel sich zerreißen . - Wege des Geheimnisses zwischen brausenden Wassern immer tiefer in unverständlichen Windungen , wo der Sonnenstrahl herabblitzt ins enge Tal und nährt zärtlich die blauen Blüten , und das Sinnenfeuer der Natur dampft aus dem kalten Stein , der in der Sonne erschwitzt . Der Wacholderstrauch duftet mir da Weihrauch und stachelt meine Wange , und ich weiß nicht , was Glück ist , als nur - daß die Natur dies heimliche Vertrauen zu ihr so mächtig beantwortet . Dort wohnt der Knabe , von dem will ich erzählen , wie er in der Nacht sich eilig rüstet , soweit die Sterne leuchten , zu wandern , wo neue Berge heraufsteigen und Wälder , und Quellen eng zwischen Klippen herab in freie Länder wallen . Die Sonne steigt , er kommt herab zum Feigenbaum , im feuchten Sand zu ruhen , die Wolke kühl , vom Wind heraufgetragen , regnet auf ihn nieder , er schöpft den Trunk aus der Quelle , er ersteigt den Baum nach den Feigen , die sind noch herb , und er harrt unter dem belaubten Dach , daß die Sonne sie soll reifen . Dies Lebensbild schrieb ich auf und sagte der Großmama , so sehe es aus in mir ; die weite Welt wollte ich durchlaufen und bleib liegen unterm Feigenbaum und warte , daß die Feige mir in den Schoß falle , und vergesse aller Zukunftsgedanken . Der Großmama gefiel dies alles , sie sprach von poetischen Gesichten und Geistergegenden und die Seele könne oft in ganz andern Klimaten gedeihen als der Leib . - » Und , « sagte sie , » wenn man reiset , kommt man in Gegenden , in denen die Seele zu Haus ist , da kommt man mit ihr zusammen ; und lernt erst ihre Persönlichkeit verstehen . « Es ist wahr , Clemens , in mir ist ein Tummelplatz von Gesichten , alle Natur weit ausgebreitet , die überschwenglich blüht in vollen Pulsschlägen , und das Morgenrot scheint mir in die Seele und beleuchtet alles . Wenn ich die Augen zudrücke mit beiden Daumen und stütze den Kopf auf , recht fest , dann zieht diese große Naturwelt an mir vorüber , was mich ganz trunken macht . Der Himmel dreht sich langsam , mit Sternbildern bedeckt , die vorüberziehen ; und Blumenbäume , die den Teppich der Luft mit Farbenstrahlen durchschießen . Gibt es wohl ein Land , wo dies alles wirklich ist ? Und seh ich da hinüber in andre Weltgegenden ? - Besinn Dich doch darauf . Ich kann Dir doch heut nicht mehr schreiben , ich bin zu schläfrig , die Großmama hat mir den ganzen Abend indische Pflanzen gezeigt ; und Kolibris , so klein und fein ; wie Schönheitspfeile gucken sie mit ihren spitzen Schnäbelchen aus den Blüten . Deinem Freund Ritter hab ich eine Sammetmütze gemacht , wie ich selbst eine aus Übermut trage , aber ohne den Lorbeerkranz , den ich darum gewunden , den er aber immer aus Übermut tragen kann , weil dieser mir scheint der Flußgott zu sein , der die Urne seines Geistesstromes ergießt . Deine Bettine Liebe Bettine ! Ich habe Deinen lieben lieblichen Brief vor zwei Minuten erhalten ; ich hab ihn noch nicht in mich selbst verwandelt , das Herz bebt noch . Ritter wird sich freuen , Ritter , dieser große Ritter , zu dem Goethe sagte : » Gegen ihn sind wir alle Knappen ! « - Lieb Mädchen , er wird Dir danken , daß Du ihn nie wieder vergißt . In seinem letzten Brief schrieb er , er lasse schon ein weißseiden Felleisen machen , die Dankbriefe an Dich zu schicken . Leb wohl , Engel , bald bin ich bei Dir im Himmel . Dein Clemens An Clemens Ich habe geglaubt , Du würdest kommen , so sind nun schon vierzehn Tage herum , wo ich jeden Tag Dir entgegensehe und deswegen auch nicht schrieb , und noch wegen etwas anderem . Weil ich manchmal zu sehr ergriffen bin , wenn ich an Dich denke , und versäume oder vergesse vielmehr darüber , an Dich zu schreiben , was ich denke . Ich will Dir nun erzählen , wie mir ist , und wie ich bin , damit Du keine Sorge um mich haben sollst . Ein Tag wie der andere : frohsinnig , lustig , ja manchmal fast ausgelassen , und dennoch find ich innerlich recht viel ernste Fragen . Die erste Frage bist Du . Der Clemens , sagt mir eine innere Stimme , hat viele Fäden ins Weltgewebe eingesponnen , alle sind sie Geist und Feingefühl , aus Schönheit und Güte hergeleitet , und man kann die edle und erhabne Natur von ihm daran beweisen , aber doch führen sie alle wieder