Emma heftete einen sonderbar fragenden Blick auf ihn . Liebste Sophie , vergeben Sie mir meine Offenheit ; allein diese Frau sieht zuweilen so verwundert und fremd in Dinge hinein , als wäre gar kein Schlüssel in ihr , zu den Räthseln eines großartigen Charakters . Ich weiß nicht , ob Hugo dieselbe Empfindung hatte , allein er mied jetzt ihr Auge , das ihn nicht verließ . Anders war es mit Leontin . Dieser saß mit untergeschlagenen Armen der schönen Frau gegenüber , ohne Theilnahme für das , was fernerhin gesprochen wurde , ganz versunken in Gedanken , welche eine innere Verwandtschaft mit dem haben mußte , was Emma ' s Seele beschäftigte , denn , ob er gleich nur flüchtig , und wie unter melancholischen Wolken , aufsah , so verrieth doch sein Gesicht , was in ihm vorging . Es ist nicht zum erstenmale , daß ich diese fliegende Schatten von ihm zu ihr hinübergleiten sehe . Ich weiß nicht , weshalb mich das so erschüttert ? Auch jetzt . Allerlei Gedanken schwirrten mir zugleich durch den Sinn . In einer Art Verlegenheit , in die ich wohl gerathe , wenn das Gespräch plötzlich stockt , trat ich zum Clavier . Erst schlug ich auf gut Glück einzelne Töne an , dann spielte ich die Melodie von Göthe ' s Fischerliede . Hugo setzte sich zu mir . Er hat eine volle , schöne Stimme , ich höre ihn gern , und ließ mir seine Begleitung gefallen . In den Worten : » Sie sprach zu ihm , sie sang zu ihm , Da war ' s um ihn gescheh ' n ; Halb zog sie ihn , halb sank er hin , Und ward nicht mehr geseh ' n « lag seine ganze Seele . Ich sah eben bei der letzten Strophe zu ihm auf . Er war ungewöhnlich bewegt . Mir ward auf einmal klar , wie er dürste , sich mit einer unbekannten Gewalt zu messen , wie geisterhaft ihn diese locken , und was er thun und leiden könne , um sich nur selbst in dem erhöheten Gefühl zu entgehen . Sophie ! mich dauert jeder , dem man Fesseln anlegt . Dieser , vor vielen Andern , war es werth , frei zu bleiben . Ich schüttelte unwillkührlich den Kopf , als das Lied geendet war . Er bog sich näher zu mir , indem er leise fragte : Ob ich ihn auch mißverstehe , wie die Meisten , auf deren Gesichter er nichts als tadelnde Verwunderung lese ? » Was kümmert Sie die Meinung Anderer ? « entgegnete ich rasch . » Sie achten Niemand genug , um viel auf ein Urtheil zu hören . « » Sie thun mir wehe , « entgegnete er verletzt . » Ich bin nicht starr und dünkelhaft , glauben Sie mir . Wie ich mich zu den Menschen stelle , so stehen gemeinhin alle , ohne es zu wissen . Ihr eigentliches Selbst bleibt ein unenthüllbares Geheimniß . Der Schleier zerreißt nur durch den zündenden Blitz zusammenfallender Gefühle . Der Blitz « - - - er hielt inne . Ich mochte nicht weiter in ihn dringen . Sein Herz lag ihm schon auf der Zunge . Solch ein Vertrauen , das geahndete Mißverhältnisse zwischen zwei gleich lieben Menschen ausspricht , ist um so peinlicher , wenn , wie hier , der Druck gerade von der Seite am stärksten empfunden wird , wo mit der größten Kraft auch die Fähigkeit liegt , ihn abzuschütteln . In solchen Fällen ist das Wort schon halbe That , und wenn diese auch nicht ausbleiben wird , so mag ich auf keine Weise Theil daran haben . Ich war aufgestanden , ich wollte fort , mir war es entgangen , daß Sturm und Regenwetter die Nacht undurchdringlich machten . Ich mußte endlich darein willigen , den morgenden Tag auf der Burg abzuwarten . Leontin ließ sich indeß nicht zurückhalten . Er bestieg , trotz des wilden Aufruhrs der Elemente , sein Pferd . Wir Alle traten ans Fenster , und baten ihn , umzukehren . Er entgegnete wenig , grüßte , und ritt seines Weges . Wie er sich so unter dem heftigen Regen , der zwischen den Bäumen herabfiel , allmählig in den schwarzen Hintergrund der Bergwände verlor , ließ er mir ein undeutliches , unbequemes Gefühl zurück . Mir ward beklommen , wie bei einem angekündigten Geheimniß , dessen Bedeutung man noch nicht kennt . Ich weiß nicht , wie dieser eintönige Mensch so schwere und tiefe Klänge in der Seele anschlagen kann ! Alles dies irrt und quält mich in seiner Nähe , und doch möchte ich ihn in unserm Kreise nicht missen . Den andern Morgen schien die Sonne hell in mein Zimmer . Alle träumerischen Grillen waren wie verflogen . Ich lachte mich aus , eilte in das Frühstückzimmer , und wollte nun alles Ernstes machen , daß ich nach Hause käme . Es war indeß hier leer . Ich suchte Emma . Man wies mich nach dem Thiergarten . Ich sah sie schon von ferne , zwischen den entlaubten Bäumen , in einen grauen Mantel gehüllt , einsam stehen . Gemächlich kamen jetzt zahme Hirsche und Rehe aus dem Dickicht auf sie zu . Sie naheten ihr , und standen nun scheu und erwartend da , bis sie die Hand nach einem Gefäß ausstreckte , was eben ein Jägerknabe brachte . Jetzt drängte das Wild sich in dichten Rudeln um sie her . Sie streute ihnen Futter in kleine , zu dem Ende angebrachte Krippen . Der Knabe ging , da sein Geschäft abgethan war . Emma blieb , an den dunklen Stamm einer Eiche gelehnt , allein zurück . Sie hatte noch ihre Lust an den Thieren . Doch lag etwas in ihrer Stellung , in dem winterlich verödeten Hain , ja , in dem Gedanken , daß sie hierher ihre Liebe tragen müsse , was mich unbeschreiblich rührte . Mir fiel