Alle für Einen arbeiten . Die Häusler müssen in der Woche arbeiten , was ihnen aufgegeben wird ; die Spittler müssen des Tages acht Stunden arbeiten , mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage . « Und so ging es . Wer nicht arbeiten wollte , der ward ins finstere Loch des Thurms gesperrt ; da saß er und bekam zum Getränk kaltes Wasser , und zur Nahrung geschwellte Erdäpfel , kalt und ohne Salz , welche die Andern nicht hatten essen mögen . Das war Keinem angenehm . Wer aber arbeitete , hatte täglich warme Speisen , Suppe , Gemüs und zweimal in der Woche Fleisch . Wer , außer den acht Arbeitsstunden , noch fleißiger sein wollte , konnte sich damit Geld verdienen . Seine verfertigte Waare ward für ihn verkauft , und das erlösete Geld für ihn als ein kleines Kapital in die Ersparnißkasse an Zins gethan . So sammelten sie sich ein kleines Vermögen . - Wer fluchte oder schwor , unzüchtig redete , Unordnung trieb , kam in das finstere Loch ohne Gnade und Barmherzigkeit . Wer aber fein still und ehrbarlich lebte , der hatte Hoffnung , seinen Zustand zu verbessern . Er konnte im Spital ein Unteraufseher oder gar Spitalmeister werden . Denn aus den bravsten Leuten im Spital wurden die Aufseher über die Arbeiten und das Betragen der Andern , über Reinlichkeit und Ordnung der Zimmer und Schlafstätten und Kleider erwählt . Die Aufseher berichteten Alles dem Spitalmeister , der selbst ein Spittler war . Der Spitalmeister , so wie die Köchinnen , hatten den Vortheil , nicht zur gemeinen Arbeit gebraucht zu werden . Was sie neben ihren Amtsgeschäften verdienen konnten , das war ihr Eigenthum und kam in die Ersparnißkasse . Die Unteraufseher hatten nur vier Stunden des Tages für die Gemeinschaft mitzuarbeiten ; die übrigen Stunden waren ihnen erlaubt , für ihren Vortheil fleißig zu sein . Die Köchinnen hatten es eben so . Elsbeth führte die Oberaufsicht der Spitalküche . Hier unterrichtete sie zwei arme Frauen im Kochen . Eine andere Spittlerin hatte Aufsicht über Wäsche , Kleidung und Geräth der Spittler . - Also wurden sämmtliche Spittler zwischen Furcht der Strafe und Hoffnung des Nutzens gestellt und zu ihrem eigenen Besten hingeleitet . Und Arbeit gab es für die Armenhaushaltung vollauf im ganzen Jahr . Vor allen Dingen mußten Spittler und Häusler gemeinschaftlich nicht nur die Gärten und Felder des Spitals bestellen , das Getreide , Kohl , Rüben , Bohnen , Salat , Erdäpfel , Flachs , Hanf , Oelpflanzen u.s.w. bauen , sondern auch gemeinschaftlich ihr von der Gemeinde empfangenes Pachtland bearbeiten . Doch behielt jeder Besitzer den Nutzen von seinem Stückchen Gemeinlandes , also daß er , nach Abzug dessen , was er ebenfalls der Armenanstalt noch für Nahrung , Kleidung und Obdach schuldig geblieben , das Uebrige verkaufen lassen konnte von seinem Vogt ; der Gewinn kam in die Ersparnißkasse . Ferner mußten die Männer Straßen verbessern ; Brunnen reinigen ; feuchte , moosige Stellen des Waldes durch Abzugsgraben trocken legen ; für das Spital und die Häusler Holz fällen und spalten ; im Walde leere Stellen mit jungen Tannen , Buchen und Eichen besetzen , und sonst allerlei Maurer- und Zimmermannsarbeit zur Ausbesserung des Spitals oder der Häuslerwohnungen verrichten . Bei schlechtem Wetter oder im Winter hatten die Männer noch weit mehr zu thun . Da mußten die , welche mit Drehbank , Hobel und Säge etwas umzugehen wußten , Haus- und Küchen- und Feldgeräth aller Art verfertigen . Andere lernten aus Wollen- und Leingarn ein ländliches Halbtuch weben , das sehr dauerhaft war , oder aus Hanf- und Flachsgarn Leinwand verfertigen . Immer waren einige Webstühle Winters und Sommers in Bewegung . Die Weiber , selbst die Kinder der Häusler und Spittler , mußten , wenn es an Leuten mangelte , bei der Feldarbeit helfen ; außerdem bei dem Reinigen und Ausbessern der Wäsche und Kleider sämmtlicher Häusler und Spittler thätig sein ; Wolle , Hanf und Flachs spinnen , oder für die Weber spulen ; Strümpfe und Kappen stricken , Bettzeug und Hemden nähen , und dergleichen mehr . Alle arbeiteten für Einen , und Einer für Alle . Die Leute befanden sich dabei so gut , daß nachher noch ein paar Familien freiwillig zur Armenanstalt übergingen , da sie vorher aus Furcht erklärt hatten , sie könnten sich ohne allen Bettel und ohne Unterstützung von der Gemeinde erhalten . Diese Einrichtung war darum sehr vorteilhaft , weil die Verwaltung nun keine Unkosten verursachte . Denn der Spittlermeister , die Unteraufseher und Köchinnen , die Mägde , Holzspalter u.s.w. kosteten nichts . Es waren Spittler . Der Pfarrer , die Vormünder , Oswald und Elsbeth nahmen für ihre Liebeswerke keinen Lohn . Der brave Schulmeister , Johannes Heiter , führte unentgeldlich die Buchhaltung und Rechnung über Einnahme , Ausgabe und erspartes Vermögen der Spittler und Häusler mit ungemeiner Pünktlichkeit . Ferner : die ganze Wirtschaft erhielt sich selbst . Die Leute pflanzten und kochten ihre Nahrung selber ; spannen , woben und schneiderten ihre Kleider selber aus selbstgezogenem Hanf und Flachs ; verfertigten ihre Tische , Bänke , Stühle und Holzteller , Schränke u.s.w. selber ; besserten Zimmer , Gebäude und Geräthe selber aus . Es wurde bald mehr Nahrung gewonnen , mehr Garn und Tuch und allerlei Geräth verfertigt , als verbraucht . Das wurde verkauft zum Nutzen der Anstalt , und für das Geld wieder eingekauft , was man an Wolle , Eisen u.s.w. nöthig hatte . Die fleißigern Häusler verdienten noch außer den gesetzlichen Arbeitsstunden durch mancherlei Arbeit oder Taglohn ein schönes Stück Geld . Das ward ihnen an Zins gelegt oder angewandt , um ihnen zur Vervollkommnung ihrer Nebenarbeiten das fehlende Werkzeug und rohe Stoffe zu verschaffen . Schon im zweiten Jahre brauchte man den Zins vom Armenfond nicht mehr ganz . Weil die Leute bei einfacher Kost viel arbeiteten und Männer und Weiber ohnedem fast beständig getrennt lebten , verging ihnen die Ueppigkeit von selbst .