gelesen hatte , suchte ihr deutlich zu machen , wie gerade die allgemeine , wissenschaftliche Ansicht , wenn sie allein herrschend würde , die sittlichen Grenzen des einzelnen Menschen auslösche ; er sehe so Mannigfaltiges , Widersprechendes geglaubt und geehrt , daß er nur den Geist achte , in welchem alles getrieben würde . Frau Hildegard schüttelte mit dem Kopfe und warnte Berthold gegen die Bücher , daß er es nicht auch einmal so treibe wie Faust , wenn er ganz gesund würde . Wirklich hatte schon Berthold am Dreikönigstage einen Lusten zum Dreikönigsschmaus beim Herrn Brix , als die beiden Töchter , die noch immer keinen Mann bekommen hatten , ihn besuchten und dazu einluden . Sie kamen ihm diesmal ganz anders vor , die frische Luft hatte ihre Gesichter angeregt und es war ihm , als ob der Glanz von Apolloniens Augen noch auf ihnen weilte . Hätten die beiden Jungfrauen durch seine Stirn sehen können , sie hätten diese Stimmung gewiß benutzt , denn sie waren nicht freiwillig so einsam in der Welt geblieben . Aber in ihrem ruschligen , schwatzhaften Wesen übersahen sie alle Neuigkeiten an dem reichen Berthold , wie er heimlich der einen an den Arm faßte und die andre zu seinem Schranke hinzerrte , wo Zeichnungen von Orden , zum Dreikönigsfeste brauchbar , durchsucht wurden . Ja er schalt nicht , als ihm Babeli einigen Festkuchen auf die saubern Pergamentbilder krümelte . Schon nahm er sein Barett , als die Mutter eintrat und nach seinem Beginnen fragte . Es wurde ihr erzählt , sie sollte auch Teil nehmen . - » Auf einen Schmaus « , rief die Alte , » bei allen Heiligen nein , der Schneesturm brächte dir die Krankheit in die Glieder zurück , und heute schon so zu schwärmen , hieße Hundshaare auf eine kaum geschlossene Wunde legen . « - » Mutter « , sagte Berthold , » ich bin ganz gesund und was ist Gesundheit anders als der freie Gebrauch des Lebens . « - » Nein , nein « , sagte die Mutter , » du wirst schon unartig und bist kaum ein wenig aus den Windeln , daran sind die beiden Mädchen schuld ; es ist gar nicht schicklich , daß sie so den jungen Leuten auf die Stube laufen . « - » Ich bin über vierzig Jahre alt , liebe Mutter « , sagte Berthold bedeutend . - » Ach lieber Gott « , riefen die Mädchen , » wir sind noch älter « , und trippelten mit Gelächter davon ; wenn sie es recht bedacht , hätten sie lieber weinen mögen , aber sie waren drüber hinaus und längst mehr auf Zerstreuung und Putz , als auf Liebesabenteuer gerichtet . Nun fragte Berthold nach Anton , seinem Gesundheitsgenossen , aber die Mutter schimpfte heftig auf den Knaben , er habe sich nicht nur recht unbescheiden im Essen und Trinken aufgeführt , sondern auch die Nacht mit Faust im Keller vertrunken , sie habe deswegen schon dem alten Sixt den Kopf gewaschen und dieser habe ihn zur Strafe nach einem armen Dorfe zum Ausmalen der Kirche geschickt . Berthold wagte nicht , seinen Vorschlag laut werden zu lassen , ihn ins Haus an Kindesstatt zu nehmen . Mit Fingerling hatte Berthold ein ganz andres Verhältnis , jener glaubte ihm nie genug Dank für den Reichtum abstatten zu können , der durch den Schatz , eigentlich durch seine Anwendung über sie beide gekommen , er suchte Berthold an den Augen abzusehen , was ihm Freude mache . Seine Lebhaftigkeit gab ihm bei seinen weißen Haaren etwas Jugendliches , er war wie ein alter Bedienter immer in einer Art Verschwörung mit Berthold gegen die Mutter . Nie hätte diese zugegeben , daß Berthold so viel Geld für seltne Handschriften , alte Waffenstücke und andre Altertümer ausgäbe , wenn sie die Preise gewußt hätte . Aber Fingerling brachte die Sachen ins Haus , als ob sie ihm von Handelsfreunden geschenkt wären , und Frau Hildegard bedauerte nur immer den Raum , den sie einnähmen , nachdem das Haus durch die Erbschaft der Gräfin mit Gerät so dicht vollgestopft wäre . Bertholds Wonne war der Waffensaal , den er mit Fingerling eingerichtet hatte und den nur dieser mit ihm betreten durfte . Da las er ihm vor aus den Heldenbüchern , jeder Hauptheld hatte da seine Rüstung , sein eigen benanntes Schwert und der Rosengarten war eigen künstlich mit gemachten Bäumen und Blumen , welche die natürlichen übertrafen und mit Bildern von Wachs ausgeführt , so daß er die Mitte des Saals einnahm , und daß die beiden alten Spielkameraden mit den Figuren zusammensetzten , was sich an Hauptbegebenheiten im Buche zutrug . Als Berthold nun mit jedem Tage an Kraft und Gesundheit zunahm , da wurde er an einem Februarsonntage gar unerwartet für Fingerling traurig . Er konnte sich der Tränen nicht erwehren , und Fingerling mußte lange in ihn dringen , ehe er ihm die Ursache sagte , endlich sprach er : » Du mußt mich recht verlachen , gutes altes Herz , aber unsre Chriemhilde scheint mir nicht mehr so lebendig wie sonst , und Siegfried wird so steif und unbehülflich in seinem Wesen , daß ich lieber einmal selbst ihn vorstellen möchte . Besonders verdrießlich erscheinen mir aber unsre hölzernen Pferde , kein gutes Haar ist mehr daran ; - ich möchte gern einmal selbst reiten , aber die Mutter darf es nicht wissen . « - Fingerling wollte ihn zur Ruhe ermahnen , weil sich das nicht so geheim treiben lasse , sonst sei er selbst , obgleich kein schulgerechter , doch ein geübter Reiter auf seinen Reisen geworden . Aber Berthold war nicht von der Sache abzubringen : » Ich kann mich nicht mehr beruhigen , seit ich Kraft in mir fühle « , sprach er , - » ich möchte , daß mir etwas Ritterliches begegne , wie dem Siegfried , ich tue in Gedanken tausend Streiche in die Luft