unsrer guten Frau Wirtin « , fiel Eduard ein ; » es möchte Sie zu sehr beunruhigen , da Sie ohnedem bewegt und angegriffen sind . « - » Gut « , sagte Juliane , » wenigstens müssen Sie mir aber erlauben , Ihnen etwas zu erzählen ; es fällt mir eben eine Geistergeschichte wieder ein , die weder schreckhaft noch fürchterlich und doch merkwürdig ist . « Sie setzten sich insgesamt um sie her , und versprachen ihr Aufmerksamkeit . Sie erzählte nun folgende Geschichte . Zwölftes Kapitel » Meine Tante Clementina hatte in ihrer Jugend eine Freundin , von der sie sich oft monatelang nicht trennte . Diese Freundin war verheiratet , ihren Namen habe ich nicht erfahren , die Tante nannte sie nur immer Marquise . Sie lebte glücklich mit ihrem Gemahl , den sie sehr liebte , und von dem sie ebenso wieder geliebt ward . Sie waren schon fünf oder sechs Jahre verheiratet ohne Kinder zu bekommen , wie sie beide es sehnlichst wünschten . Dem Marquis war es sehr wichtig einen Erben zu haben , weil der Besitz großer Güter an diese Bedingung geknüpft war . Die gute Dame fürchtete für die Liebe ihres Gemahls , und sparte weder Gelübde noch Gebete , um sich das ersehnte Glück von allen Heiligen zu erflehen . Sie wallfahrtete nach allen wundertätigen Bildern , und nach den gerühmten Bädern . Meine Tante die sie auf vielen dieser Reisen begleitete , war Zeuge ihres Grams , der endlich so tief wurzelte , daß man und nicht ohne Grund , anfing , für ihre Gesundheit besorgt zu werden : denn nicht allein , daß der Schmerz vergeblicher Erwartung sie nagte , sie ward auch größtenteils dadurch untergraben , daß sie unzählige Gebräuche des Aberglaubens anwandte , und von jeder guten Gevatterin oder jedem gewinnsüchtigen Betrüger sich Verordnungen und Arzneien geben ließ . Die Vorstellungen ihrer Freunde gegen diese Verblendung waren vergeblich . Um diesen endlich zu entgehen , brauchte sie meistens die Mittel heimlich , oder unter mancherlei Vorwand . Unterdessen versuchten jene alles Ersinnliche , um sie aufzuheitern , meine Tante verließ sie in dieser Zeit fast gar nicht . In der Weihnachtsnacht waren die Freundinnen in der Kirche , die Marquise betete länger und eifriger als jemals und konnte sich , der häufigen Erinnerungen und Bitten ihrer Freundin ungeachtet , gar nicht losreißen . Sie gab vor , da diese sich über den vermehrten Eifer verwunderte , sie hätte viele Dankgebete zum Himmel zu schicken für die glückliche Errettung ihres Gemahls , der tags vorher von einer Reise zurückgekommen , auf der er mancherlei Gefahren ausgesetzt gewesen war . Die Tante wagte es nun nicht mehr sie wieder zu stören , da sie sie an den Stufen des Altars und zu den Füßen eines Wunderbildes tief hinabgebeugt , weinen und laut schluchzen hörte , denn sie wußte aus Erfahrung , daß sie durch eine Unterbrechung auf viel Tage unruhig gemacht wurde . Sie erwartete also , teils mit Geduld , teils mit ihrer eignen Andacht beschäftigt , bis die ihrer Freundin geendigt wäre . Da diese ihr doch endlich zu lang dünkte , rief sie ihr zu ; da sie aber ohne zu antworten und ohne sich zu bewegen liegenblieb , so beugte sie sich zu ihr hinunter , hob den Schleier von ihrem Gesicht und fand sie ohne Bewußtsein , kalt und in tiefe Ohnmacht gesunken . Mit Hülfe einiger zunächststehenden Menschen führte meine Tante sie aus der Kirche , und half sie in den Wagen heben , der vor der Kirchtür hielt . Sie hatten einen ziemlich großen Weg nach ihrem Hause zu fahren , währenddem gelang es ihr , sie durch alle Hülfe , die in dem Augenblick möglich war , wieder zu sich selbst zu bringen . Als sie wieder sprechen konnte , fragte sie die Tante um die Ursache ihrer sonderbaren Heftigkeit , und bat sie so dringend und unter so zärtlichen Liebkosungen , ihr Herz gegen sie zu öffnen , daß sie nicht länger widerstehen konnte . Sie vergoß in den Armen ihrer Freundin einen Strom von Tränen , und nachdem diese ihrem Herzen Luft gemacht hatten , erzählte sie ihr : sie hätte soeben einen Vorsatz ausgeführt , den sie schon seit länger als einem Jahre in ihrem Herzen gehegt habe , zu dessen wirklicher Ausführung sie noch niemals Kräfte genug in ihrer Seele gefühlt hätte ; aber heute nacht hätte sie diese in ihrem heißem Gebete zur Heiligen Jungfrau errungen . Sie hätte es glücklich vollbracht , doch sich so angestrengt , daß sie gleich darauf ihre Besinnung verloren habe . Dieselbe , an deren Altar sie die augenblickliche Kraft wie einen Strahl vom Himmel in ihrer Seele empfangen , möge es ihr vergeben , daß gleich darauf ihren Körper diese Schwäche befallen , und daß sie auch jetzt noch sich der Tränen nicht enthalten könne . - Meine Tante erwartete mit ungeduldiger Unruhe das Ende dieser Vorrede und das , wohin sie führen sollte . Endlich sammelte sich ihre Freundin und erzählte ihr : sie habe das Gelübde abgelegt , und würde es unverbrüchlich halten , sich freiwillig von ihrem geliebten Gemahl zu trennen , wenn sie länger als das nächste Jahr ohne Kinder bliebe ; ihr Gemahl sollte sich alsdann eine andere Gattin wählen , mit der er glücklicher wäre , sie selbst aber wollte ihr Leben unter eifrigen Gebeten für sein Wohl in einem Kloster beschließen . - Sie kamen bei diesen Worten vor dem Hause an , und wurden aus dem Wagen gehoben , noch ehe meine Tante ein Wort über dieses traurige Gelübde hatte vorbringen können . Der Marquis kam ihnen entgegen , voll Besorgnis wegen ihres ungewöhnlich langen Ausbleibens . Die beiden Frauen sprachen kein Wort , er sah sie verwundert an , und nahm an der blassen Gesichtsfarbe seiner Gemahlin und der bekümmerten Miene meiner Tante gleich wahr , daß ihnen etwas Außerordentliches müsse zugestoßen sein . Er führte sie ins nächste