Absicht , mich dadurch zu rechtfertigen , nicht entsprochen zu haben . Du hast , wie ich hoffe , nicht vergessen , Antisthenes , daß die Strenge deiner Grundsätze das Zutrauen , das du mir schon in der ersten Stunde unsres Zusammentreffens zu Olympia einflößtest , seit dieser Zeit so wenig vermindern konnte , daß sie vielmehr der Grund ist , warum ich mich immer , vor allen andern Freunden des ehrwürdigen Sokrates , vorzüglich an dich angeschlossen habe . Ich weiß sehr wohl , daß meine Jugend und eine gewisse mir angeborne Sorglosigkeit , die ziemlich nahe an Leichtsinn gränzen mag , zuweilen der Zucht eines strengen Freundes bedarf : indessen , wie bescheiden einer auch von sich selbst denkt , kann es ihm doch nicht gleichgültig seyn , wenn sein Charakter ( vorausgesetzt er habe einen ) von denen verkannt wird , mit welchen er am meisten umgeht ; und ich gestehe gern , daß die Gerechtigkeit , die du mir widerfahren lässest , indem du nicht verlangst , daß ich etwas anders als das Beste wozu mich die individuelle Form meiner Natur fähig macht , in meinem Leben darstelle , im Grunde die wahre Ursache meiner Anhänglichkeit an dich ist , und daß die Strenge deiner Moral mich längst von dir entfernt hätte , wenn sie nicht durch eine billige Schätzung meines wirklichen Werths gemildert würde . Ich weiß nicht , warum unser Meister , den ich ( wie du mir bezeugen kannst ) höchlich ehre und liebe , für gut befunden hat , mich immer in einer gewissen Entfernung von sich zu halten . Hat mir etwa sein Dämonion einen schlimmen Streich bei ihm gespielt ? oder entdeckte sein Scharfblick einige Aehnlichkeit zwischen mir und einem seiner ehmaligen Lieblinge , von welchem er sich in seinen Erwartungen am Ende übel betrogen fand ? Oder ist ihm irgend ein Zug in meiner Physiognomie zuwider ? Was es auch sey , genug ich fühle mich , ohne meine Schuld , wie mich dünkt , zurückgehalten , so offen gegen ihn zu seyn als ich wünschte , und wende mich daher lieber an dich , um durch deine Vermittlung bei ihm gerechtfertigt zu werden , wenn es mir gelingen sollte , mich zuvor bei dir selbst zu rechtfertigen . Meine Sokratischen Freunde - oder wie soll ich sie nennen ? - scheinen , wenn sie über mich Gericht halten , zu vergessen , daß jeder Mensch , außer dem allgemeinen Maß der Menschheit , noch sein eigenes hat , womit er gemessen werden muß , wenn man das , was sich für ihn schickt oder nicht schickt , richtig beurtheilen will . Ich bin weder ein Athener , noch Thebaner , noch Megarer , weder eines Steinmetzen , noch Gerbers , noch Wurstmachers Sohn ; sondern ein Cyrener aus einer Familie , die unter ihren Mitbürgern in Ansehen steht und sehr begütert ist . Ich bin , diesen Umständen gemäß , nach Cyrenischer Weise erzogen worden ; und es wäre daher nicht ganz billig , eben dieselben Anlagen und Gewohnheiten in Rücksicht auf manche Dinge , die zum menschlichen Leben gehören , von mir zu fordern , als von einem in Dürftigkeit und Schmutz aufgewachsenen und an Entbehrungen aller Art gewöhnten Jüngling . Indessen habe ich zu Athen Jahre und Tage lang gezeigt , daß ich eben so gut von zwei oder drei Obolen des Tags leben kann als ein anderer ; nur sehe ich nicht , warum ich überall und immer so leben soll , oder warum ein kurzer Caputrock ohne Unterkleid für das einzige und ausschließliche Costume der Philosophie gelten müßte . Ich achte mich bei Linsenbrei und Salzfisch für keinen bessern , und bei einer Mahlzeit für achtzig oder hundert Drachmen für keinen schlechtern Menschen als ich sonst bin ; und wenn ich es dahin bringe , daß ich auf jede Weise leben kann , im Ueberfluß ohne Uebermuth und Ausschweifung , in Einschränkung auf das Unentbehrlichste ohne Störung meiner guten Laune oder Abwürdigung meines Charakters , so denke ich , alles , was ein vernünftiger Mensch in diesem Stücke von sich selbst fordern kann , erreicht zu haben . - Doch dieß ist nicht der Hauptpunkt . Die große Frage ist : was für einen Zweck habe ich mir überhaupt für mein künftiges Leben vorgesteckt ? und hier ist meine Antwort . Ich bin ein freigeborner Mensch , und , trotz unserm barbarischen Völkerrecht , als ein solcher sollte jeder Mensch betrachtet und behandelt werden . Daß ich ein geborner Bürger in Cyrene bin , macht mich nicht zum Sklaven von Cyrene ; ich bin auch als Bürger der allgemeinen menschlichen Gesellschaft geboren , und in dieser großen Kosmopolis ist Cyrene nur ein einzelnes Haus . Da mir der Zufall Vermögen genug für meine Bedürfnisse zugeworfen hat , warum sollt ' ich dieß nicht als eine Erlaubniß ansehen , in Erwählung einer Lebensart und Beschäftigung bloß meinem innern Naturtriebe zu folgen ? In meinen Augen ist es noch mehr als Erlaubniß ; es ist ein Wink , ein Gebot des Schicksals , mich zu der edelsten Lebensart zu bestimmen ; und die edelste , für mich wenigstens ( denn von mir ist jetzt bloß die Rede ) ist nach meiner Ueberzeugung , als Weltbürger zu leben , das heißt , ohne Einschränkung auf irgend eine besondere Gesellschaft , mich den Menschen bloß als Mensch so gefällig und nützlich zu machen als mir möglich ist . In dieser Gesinnung und mit diesem Zweck ging ich aus Cyrene in die weite Welt , um vor allen Dingen die Menschen kennen zu lernen , unter denen ich leben will , und mir so viele Kenntnisse und Geschicklichkeiten zu meinem und ihrem Nutzen und Vergnügen zu erwerben , als Fähigkeit , Zeit und Umstände nur immer gestatten werden . Der Ruf des weisen Sokrates zog mich zuerst nach Athen ; aber wahrlich nicht in der Meinung , mich einer Schule oder Secte zu verpflichten , oder einem einzelnen Menschen