Beobachtungen anzustellen , und sie waren nicht dazu geeignet gewesen , sie über ihre Zweifel an seiner Liebe zu beruhigen . Schon daß er nicht zuerst nach ihr verlangt hatte , daß er nicht graden Weges zu ihr gekommen war , hatte , wie sie es nannte , ihrem Herzen wehe gethan , und daß er dann so lange mit Valerio in seinem Zimmer und von ihr fern verweilen können , war für ihre Seele noch weit entmuthigender gewesen . Alle ihre schlimmsten Ahnungen gingen in Erfüllung . Weinend sank sie ihrer Mutter , nachdem Renatus das Zimmer verlassen hatte , in die Arme ; unter Thränen kleidete sie sich an ; und diese Thränen trugen nicht dazu bei , sie zu verschönern . Es war vergebens , daß die Mutter ihr Muth einsprach , daß sie Renatus mit der Ermüdung entschuldigte , welche die unausbleibliche Folge einer langen Winterreise sei . Obschon auch der Gräfin das Erschrecken und die Kälte des Freiherrn sichtbar genug gewesen waren , gab sie der verzagten Tochter zu bedenken , daß in jeder langen Trennung der Keim zu gegenseitigem Mißverstehen liege . Sie erinnerte Hildegard daran , wie schnell , wie plötzlich einst ihr Verlöbniß mit Renatus geschlossen worden sei und wie das wahrhaft bräutliche Zusammengehören , wie ein Zuversicht gebendes Liebesverhältniß sich noch gar nicht zwischen ihnen habe gestalten können . Vor Allem jedoch warnte sie die Tochter , ihre Zweifel dem Wiedergekehrten zu verrathen . Sie beschwor sie , sich zu erheitern , sich zu schmücken , dem Verlobten unverhohlen die Freude kund zu geben , welche sie empfinde . Aber durch die lange Gewohnheit , sich in ihren Gefühlen mit Selbstbeobachtung und mit Selbstbewußtsein darzustellen , war Hildegard völlig unfähig geworden , sich zwanglos gehen zu lassen , und sie hatte kaum eingesehen , daß die Mutter Recht habe und daß sie wohl thun werde , wenn sie ihr folge , als sie sich auch schon in eine neue Rolle hinein versetzte , die ihr freilich noch weniger wohl anstand , als die bisher von ihr aufrecht erhaltene Kundgebung der stummen Liebe . Sie war jetzt fest entschossen , ihren Kummer zu verbannen , sie wollte sich mit aller ihrer Energie aus der sehnsuchtsvollen Braut in die glücklich Liebende verwandeln ; indeß eine Miene , welche man durch lange Jahre festgehalten hat , läßt sich nicht leicht verwischen . Ihr lächelnder Mund wollte nicht mehr zu dem schwermüthigen Blicke , die Art , in welcher sie sich hüpfend dem Bräutigam an den Hals warf , nicht zu dem elegischen Tone ihrer Sprache passen , und wenn sie bei dem Eintritte des Geliebten nach fröhlicher Kinder Weise in die Hände klatschte , machte das einen solchen Gegensatz zu der wehmüthigen Neigung ihres Hauptes , die ihr zur anderen Natur geworden war , daß Valerio , der nicht von des Bruders Seite wich , und weder gewohnt war , seine Gedanken zu verbergen , noch den Ausdruck seiner Einfälle zurückzuhalten , eines Tages bei Hildegard ' s Anblick laut zu lachen anfing . Wie kommst Du denn in ein grünes Kleid , fragte er , und obenein mit solchen langen Locken ? Du siehst wie eine vergnügte Trauerweide aus ! Die Gräfin schalt den Knaben . Auch Renatus wies ihn mit strengem Wort in seine Schranken ; aber Hildegard mißfiel auch ihm , seit sie zum Aufputze ihre Zuflucht nahm , mehr noch als am ersten Tage , und doch vermochte er das trennende Wort gegen sie nicht auszusprechen . Er konnte sich nicht entschließen , einem Weibe , das ihm liebend gegenüber stand , mit Härte zu begegnen . Er fühlte sich sehr unglücklich , ja , er betrachtete es als eine Erniedrigung , daß er sich genöthigt sah , sich der Zärtlichkeit eines ungeliebten Mädchens zu überlassen , welches offenbar entschlossen war , seine Kälte nicht zu beachten , seine Liebe durch ihre Geduld und Treue zu gewinnen und sich ihm nützlich und angenehm zu machen , indem es schon jetzt die Hälfte seiner Mühen und Sorgen auf sich nahm . Ohne daß er es von ihr begehrte , sprach ihm Hildegard ihre Ansicht über seine Verhältnisse aus , von denen sie durch ihre eigenen Beobachtungen und Erkundigungen weit vollständiger unterrichtet war , als Renatus es erwartete . Sie hatte denn auch mit reiflicher Ueberlegung jene Plane entworfen , von denen sie ihrem Bräutigam in ihren Briefen zum Oefteren gesprochen , und sie waren natürlich ganz auf jene Ausschließlichkeit des liebenden Beisammenseins berechnet , welchem Hildegard einst in der Stunde der ersten Trennung von dem Verlobten mit dem Ausrufe : Ich und Du - und Du und ich ! ihren Ausdruck gegeben hatte . Ihrem Sinne widerstanden Tremann ' s Rathschläge , von denen sie sich mit ihren sanften und doch eindringlich bohrenden Fragen bald durch den Freiherrn Kenntniß zu schaffen wußte , keineswegs . Denn Vereinfachung der Zustände war gerade dasjenige , worauf ihr Augenmerk gerichtet war . Sie stimmte daher der Meinung Tremann ' s auch völlig bei , daß man Neudorf und Rothenfeld verkaufen solle ; sie hoffte mit dem Grafen Gerhard , daß der König , wenn er sähe , wie bedrängt Renatus sei und wie sehr er und seine Braut entschlossen wären , ihre Verhältnisse zu regeln , sich ihrer annehmen würde , und sie hatte bereits die genauesten Berechnungen über die Summe angestellt , welche man der Baronin aussetzen müsse , wenn diese mit ihrem Sohne erst an einem beliebigen anderen Orte ein Unterkommen gefunden haben würde . Daß die Gräfin Rhoden und Cäcilie sich mit dem kleinen , ihnen eigenen Vermögen nach der Hauptstadt zurückwenden würden , nahm Hildegard als selbstverständlich an , und sie erging sich also , so oft der Anlaß sich ihr dazu bot , in den Schilderungen des friedlichen und vollendeten Glückes , dessen sie und der Geliebte theilhaftig werden würden , wenn sie , von Sorgen und Widerwärtigkeiten nicht belastet , hier in Richten einzig auf einander angewiesen ,