dieser Vorschlag hatte für die beiden Rivalinnen doch immer die Folge , daß Siegbert ihnen nicht ganz gehörte und die Unterhaltungen über den Prinzen Egon , an dem Rudhard soviel gelegen war , mochten sie vollends nicht leiden . Die Fürstin und Olga , Beide unterstützten Rudhard ' s Vorschlag nur unter der Bedingung , daß sie erst um dreiviertel auf vier Uhr mit dem Wagen , den sie anspannen lassen wollten , abfahren und von dem Prinzen nicht reden durften , auf dessen Bekanntschaft sich Siegbert für sie viel zu sehr freute ! Sie lehnten diesen Vorschlag ihrer Toilette wegen ab , gossen aber damit nur Öl in ' s Feuer . Olga war sogar auf die Idee schon eifersüchtig , daß sich die Brüder für den Prinzen Egon , der ein so abscheulicher Mensch sein sollte , nur überhaupt prächtig ankleiden wollten . Zu uns , sagte sie , kommt Ihr , wie es Euch gerade einfällt ! Wer ist denn dieser Prinz , daß Ihr Euch um seinetwillen in kostbare Kleider werfen wollt , in denen wir Euch nie gesehen haben ! In der Art , wie Olga zankte und , als beide Brüder wirklich nicht wenigstens zum Essen blieben , sondern um zwei Uhr sich entfernten , weinte , während die Fürstin ihre gleiche Empfindung unter Lächeln und den heftigsten Vorwürfen gegen die Narrheiten Olga ' s versteckte , sah Dankmar denn doch , daß dies Mädchen mit dem bleichen Teint und den schwarzen Flechten trotz ihrer glühenden Augen noch ein halbes Kind war und ließ diese wirren Dinge umsomehr gelten , als sich sein guter Siegbert in dieser träumerischen Existenz zu gefallen schien ... Zu Hause hatten Beide dann noch einen herzlichen lieben Brief von der Mutter gefunden , die über Dankmar ' s Projekte erklärte in einer ewig fieberhaften Aufregung zu leben , und so waren sie nach einem bescheidenen Mittagstische bei einem Restaurant an die sorgfältige Wahl ihrer Kleidung und zuletzt in ' s Hotel des jungen Prinzen gegangen . Louis öffnete die Thür , weckte Egon von einem leichten Halbschlummer und führte ihn den Freunden entgegen . Siegbert und Egon gefielen sich auf die erste Begrüßung und waren bald so vertraut wie alte Bekannte . Ist der Wagen vorgefahren ? hieß es . Man bejahte . Also nach dem Schlosse Solitüde ! Man rollte durch die Straßen , durch die Plätze . Man kam an die Thore . In dem Wirrsal der Meinungen , bei dem immer mehr beengten Gebiete der materiellen Begründung seines Daseins , ist die wahre Freude unter den Menschen der Civilisation ein seltener Gast geworden . Einige Stunden so glücklicher Anregung , wie sie die eigenthümlich zusammengesetzte Gesellschaft , die da eben im Wagen aus dem großen Portale des Palais fuhr , zu genießen hoffte , gehören zu den Weihemomenten , wie sie dem in seine Pflichten so eingepferchten Menschen des neunzehnten Jahrhunderts selten geboten werden . Ein junger Fürst , ein Rechtsgelehrter , ein Künstler , ein Handwerker saßen hier auf den weißseidenen , großgeblümten weichen Polstern , Egon und Siegbert im Fond , Dankmar und Louis auf dem Rücksitze . Sie konnten in ihrer Lebensstellung nicht verschiedener sein . Aber Alle fesselte das Band gemeinsamen Vertrauens und jeder Einzelne war froh gestimmt . Egon durch die erfrischende Luft und das Vollgefühl der Genesung , ja im Stillen , ohne sich es merken zu lassen , auch durch die Spannung auf das Wiedersehen Helenen ' s , die , er mußte es sich leider gestehen , gerade auf das wiedererwachte Gesundheitsgefühl und die erhöhte Glut seiner Phantasie durch ihre hingebende Liebe bezaubernd wirkte . Dankmar erregt von seinem vielleicht sich günstig wendenden Processe , Siegbert von den gleichen Hoffnungen , die den Bruder belebten und von der angenehmen Befriedigung seines nach Liebe und Anlehnung schmachtenden Gemüthes in der Wäsämskoi ' schen Familie ; Louis endlich sehr glücklich gestimmt , sowol durch die Aussöhnung seines Glaubens an das liebreizende Fränzchen Heunisch , wie durch die Erinnerung an seine Selbstbeherrschung in der Scene auf seinem Zimmer . Hätte er sich stürmisch erklärt gehabt , Hoffnungen geboten , die er sich mühen mußte , zu erfüllen , er würde nur mit Beklommenheit an die glückliche Mittagsstunde zurückgedacht haben . Zu gleicher Zeit mit dem Wagen ging ein Bedienter aus dem Portal des Palais , um den kleinen Brief zu der Gräfin d ' Azimont zu tragen ... Egon verfolgte ihn , so lange er konnte . Es war ein Donnerstag . Das Wetter so einladend . Die Luft stärkend . Die Sonne goldgelb . Der Himmel tiefblau . Einige Wolken in weiter Ferne konnten Regen bringen . Sie waren noch nicht da . Man ahnte das drohende Herannahen des entblätternden Herbstes . Noch hatte ihm aber die Natur den Eintritt nicht gestattet , nicht in den Wald , nicht auf die Wiesenflur . Anfangs , innerhalb der Stadt , sprach man über mancherlei Unwesentliches . Es war nothwendig , daß diese vier Genossen erst den Ton der gegenseitigen Stimmung erkannten . Wer ist der Sprecher , der Zweifler , der Schweigende , der Witzige , der Praktische , der z.B. den hinten aufstehenden Bedienten diesen oder jenen Wink gibt , der Geographische , der gern von der Gegend spricht ... Das Alles stellt sich erst im Verlaufe der Unterhaltung zurecht . Von dem Vergangenen wurde noch Dieses und Jenes erörtert und bestaunt und belacht ... Dankmar ' s Verhältnisse kannte Egon noch nicht klarer und nahm sie , wie sie sich ihm an den beiden strebsamen Brüdern von selbst boten . Auch Louis wußte nichts von dem Proceß , über den sich Dankmar gern ausgesprochen hätte ... Egon aber war der Redner . Egon führte fast allein das Wort oder bestimmte wenigstens die Gegenstände der Unterhaltung . Dies lag weniger in seinem Naturell , als in seiner Stellung und in dem glücklichen Gefühle , sich genesen zu wissen , dem Leben wieder gegeben , von Augenblick zu Augenblick sich stärker