volkreichste und vielleicht interessanteste der Berliner Vorstädte , durch die sogenannte Oranienburger Vorstadt , die sich , weite Strecken Landes bedeckend , aus Bahnhöfen und Kasernen , aus Kirchhöfen und Eisengießereien zusammensetzt . Diese vier heterogenen Elemente drücken dem ganzen Stadtteil ihren Stempel auf ; das Privathaus ist eigentlich nur insoweit gelitten , als es jenen vier Machthabern dient . Leichenzüge und Bataillone mit Sang und Klang folgen sich in raschem Wechsel oder begegnen einander ; dazwischen gellt der Pfiff der Lokomotive und über den Schloten und Schornsteinen weht die bekannte schwarze Fahne . Hier befinden sich , neben der Königlichen Eisengießerei , die großen Etablissements von Egels und Borsig , und während dem Vorübergehenden die endlose Menge der zugehörigen Bauten imponiert , verweilt er mit Staunen und Freude zugleich bei dem feinen Geschmack , bei dem Sinn für das Schöne , der es nicht verschmäht hat , hier in den Dienst des Nützlichen zu treten . So zieht sich die Oranienburger Vorstadt bis zur Pankebrücke ; jenseits derselben aber ändert sie Namen und Charakter . Der sogenannte » Wedding « beginnt und an die Stelle der Fülle , des Reichtums , des Unternehmungsgeistes treten die Bilder jener prosaischen Dürftigkeit , wie sie dem märkischen Sande ursprünglich eigen sind . Kunst , Wissenschaft , Bildung haben in diesem armen Lande einen schwereren Kampf gegen die widerstrebende Natur zu führen gehabt , als vielleicht irgendwo anders , und in gesteigerter Dankbarkeit gedenkt man jener Reihenfolge organisatorischer Fürsten , die seit anderthalb Jahrhunderten Land und Leute umgeschaffen , den Sumpf und den Sand in ein Fruchtland verwandelt und die Roheit und den Ungeschmack zu Sitte und Bildung herangezogen haben . Aber die alten , ursprünglichen Elemente leben noch überall , grenzen noch an die Neuzeit oder drängen sich in die Schöpfungen derselben ein , und wenige Punkte möchten sich hierlands finden , die so völlig dazu geeignet wären , den Unterschied zwischen dem Sonst und Jetzt , zwischen dem Ursprünglichen und dem Gewordenen zu zeigen , als die Stadtteile diesseits und jenseits des Pankeflüßchens , das wir soeben überschritten haben . Die Oranienburger Vorstadt in ihrer jetzigen Gestalt ist das Kind einer neuen Zeit und eines neuen Geistes ; der » Wedding « aber , der nun vor und neben uns liegt , ist noch im Einklang mit dem alten nationalen Bedürfnis , mit den bescheideneren Anforderungen einer früheren Epoche gebaut . Was auf fast eine halbe Meile hin diesen ganzen Stadtteil charakterisiert , das ist die völlige Abwesenheit alles dessen , was wohltut , was gefällt . In erschreckender Weise fehlt der Sinn für das Malerische . Die Häuser sind meist in gutem Stand ; nirgends die Zeichen schlechter Wirtschaft oder des Verfalls ; die Dachziegel weisen keine Lücke auf und keine angeklebten Streifen Papier verkürzen dem Glaser sein Recht und seinen Verdienst ; das Holzgitter , das das Haupt- und Nebengebäude umzieht , ist wohl erhalten und der junge Baum , der in der Nähe der Haustür steht , hat seinen Pfosten , daran er sich lehnt , und seinen Bast , der ihn hält . Überall ein Geist mäßiger Ordnung , mäßiger Sauberkeit , überall das Bestreben , sich nach der Decke zu strecken und durch Fleiß und Sparsamkeit sich weiterzubringen , aber nirgends das Bedürfnis , das Schöne , das erhebt und erfreut , in etwas anderem zu suchen , als in der Neuheit eines Anstrichs , oder in der Geradlinigkeit eines Zauns . Man will keine Schwalbe am Sims – sie bringen Ungeziefer ; man will keinen Efeu am Haus – er schädigt das Mauerwerk ; man will keine Zierbäume in Hof und Garten – sie machen feucht und halten das Licht ab ; man will nicht Laube , nicht Veranda – was sollte man damit ? Nützlichkeit und Nüchternheit herrschen souverän und nehmen der Erscheinung des Lebens allen Reiz und alle Farbe . Grün und gelb und rot wechseln die Häuser und liegen doch da wie eingetaucht in ein allgemeines , trostloses Grau . Den kläglichsten Anblick aber gewähren die sogenannten Vergnügungsörter . Man erschrickt bei dem Gedanken , daß es möglich sein soll , an solchen Plätzen das Herz zu erlaben und zu neuer Wochenarbeit zu stärken . Wie Ironie tragen einige die Inschrift : » Zum freundlichen Wirt « . Man glaubt solcher Inschrift nicht . Wer könnte freundlich sein in solcher Behausung und Umgebung ? An der Eingangstür hängen zwei Wirtshausschildereien , bekannte Genrebildszenen , die mehr an die Götzen und Kunstzustände der Sandwichsinseln , als an die Nachbarschaft Berlins erinnern , und als einziger Anklang an Spiel und Heiterkeit zieht sich am Holzgitter des Hauses eine Kegelbahn entlang , deren kümmerliches und ausgebleichtes Lattenwerk dasteht wie das Skelett eines Vergnügens . Auf halbem Wege nach Tegel sind wir endlich bis an die letzten Ausläufer der Stadt gelangt , und eine Kiefernheide beginnt , die uns , ziemlich ununterbrochen , bis an den Ort unserer Bestimmung führt . Noch ein weiter freier Platz , der nach links hin einen Blick auf den See und das Dörfchen Tegel gestattet , dann eine Wassermühle , hübsch , wie alle Wassermühlen , und eine Ahorn- und Ulmenallee liegt südlich vor uns , an deren entgegengesetztem Ende wir bereits die hellen Wände von Schloß Tegel schimmern sehen . Schloß Tegel , ursprünglich ein Jagdschloß des Großen Kurfürsten , kam , wenige Jahre nach dem Hubertusburger Frieden , in Besitz der Familie Humboldt . Alexander Georg von Humboldt , einem adeligen pommerschen Geschlechte angehörig , das im Fürstentum Cammin und im Neustettiner Kreise seine Besitzungen hatte , brachte es im Jahre 1765 durch Kauf an sich . 21 1767 wurde Wilhelm , 1769 Alexander von Humboldt geboren , aber nicht in Tegel , sondern in Berlin , wo der Vater aller Wahrscheinlichkeit nach in Garnison stand . Nach dem Tode der Eltern wurde Schloß und Rittergut Tegel gemeinschaftliches Eigentum der beiden Brüder und blieb es , bis es im Jahre 1802 in den alleinigen Besitz Wilhelms von Humboldt