fuhr . Neben ihr wohnten ihr Sohn und ihre Kammerfrau , und obschon es der Letzteren an Sinn für Ordnung nicht gebrach , wollte es ihr jetzt , wo die Baronin , ganz sich selber überlassen , ihren Neigungen nachgeben konnte , nicht gelingen , Herr über die phantastische Unordnung zu werden , in welcher Jene sich schon um deßhalb wohlgefiel , weil sie den entschiedensten Gegensatz zu den Gewohnheiten der Gräfin Rhoden bildete . Wäre Renatus nicht zu nahe dabei betheiligt gewesen , so würde der Weiberkrieg in diesem Schlosse ihn belustigt haben . Jetzt indessen war das anders . Da Vittoria die eigentliche herrschaftliche Wohnung nie betrat , hatte die Gräfin es auch nicht für angemessen erachtet , sich ihrer zu bedienen ; und weil Vittoria oft am Tage schlief und dann bis tief in die Nacht hinein am Flügel musizirte , war die Gräfin darauf bedacht gewesen , sich vor solcher Störung ihrer Ruhe zu bewahren . Vittoria wohnte also im Erdgeschoß des linken Flügels , die Rhoden ' sche Familie im zweiten Stockwerk der rechten Seite . Alle übrigen Zimmer waren zugeschlossen , und man hatte zwei Treppen und die ganze Flucht der langen Gänge zu durchwandern , ehe man aus dem einen feindlichen Lager in das andere gelangte . Das hatte jedoch für die Betheiligten nur wenig auf sich , denn die Gräfin und Hildegard vermieden die Baronin so sehr , als es nur möglich war , und Cäcilie , deren blühende Gesundheit die Kälte nicht zu scheuen brauchte , focht die Unbequemlichkeit nicht an . Schon seit Jahren aß man nicht mehr gemeinsam . Vittoria liebte es nicht , sich an eine bestimmte Stunde zu binden , die Gräfin und Hildegard verlangten auch in diesem Falle nach einer strengen Pünktlichkeit , und wie über die Zeit , so hatten die Frauen sich auch über die Wahl der Speisen nie vereinigen können . Gaetana besorgte die Küche der Baronin , die Gräfin hielt mit ihren Dienstboten nach ihrer Weise Haus . Hildegard warf es Vittoria vor , daß sie sich mit ihrer süßen , fetten Kost unförmlich stark und träge mache , die Baronin hingegen wollte sich nicht zu einer Ernährung bequemen , bei welcher man so wie Hildegard verfalle und an den Nerven leide , und die Folge davon war , daß den ganzen Tag im Schlosse des Kochens und des Bratens kein Ende war , daß der Amtmann über den gewaltigen Verbrauch von Brennholz klagte , daß die beiden Haushaltungen einander der unverantwortlichsten Verschwendung ziehen und daß Renatus gleich in den ersten Stunden von beiden Seiten mit Beschwerden und mit Anschuldigungen , mit Rathschlägen zu einer Aenderung und mit Forderungen und Ansprüchen behelligt wurde , die ihm , eben weil sie sammt und sonders kleinlich waren und den rechten Punkt des Uebels nicht berührten , äußerst lästig dünkten . Das waren jedoch im Grunde alles nur sehr unwesentliche Dinge gegen den Zwiespalt , den Renatus in sich trug , gegen dasjenige , was er mit sich selber und mit seiner Verlobten abzumachen hatte . Der erste Eindruck , welchen er von Hildegard empfangen hatte , änderte sich auch im längeren Beisammenbleiben nicht . Sie war anderthalb Jahr älter als der Freiherr und nie schön gewesen . Nur die an blonden Mädchen schnell vorübergehende Frische der Jugend hatte sie diesem einst reizend gemacht . Jetzt , wo Renatus auf der Höhe seiner männlichen Kraft und Schönheit stand , näherte Hildegard sich ihrem dreißigsten Jahre , und weil sie magerer geworden war , traten die Kleinlichkeit und die Schärfe ihrer Züge unangenehm hervor . Dazu hatte , wie jedes Zeitalter den Menschen eine bestimmte Physiognomie anbildet , so daß nur wenig bevorzugte Naturen sich unabhängig von dem allgemeinen Typus zu freien und eigenartigen Persönlichkeiten ausbilden , die Stimmung , welche vor und während der Freiheitskriege in Deutschland herrschend gewesen war , auch der jungen Gräfin Rhoden ihren Charakter aufgeprägt . Die schweren Sorgen , welche jeder Einzelne zu tragen hatte , die Nothwendigkeit , für das Allgemeine bedeutende Opfer zu bringen und sich eben deßhalb in seinen eigenen Bedürfnissen zu beschränken , die Ergebung in große Unglücksfälle , zu der so Viele sich veranlaßt fanden , endlich die Selbstverläugnung , welche die deutschen Frauen und Mädchen an dem Siechbette der Verwundeten und Kranken über sich genommen , hatten Hildegard vortrefflich erzogen , aber ihr auch ein eigenthümliches Gepräge aufgedrückt . Sie war sparsam und fleißig , anspruchslos in allen ihren Bedürfnissen , großer , ausdauernder Treue und Hingebung fähig , von einem starken Pflichtgefühle beseelt , und man hätte diese Tugenden vielleicht noch höher schätzen müssen , weil sie dieselben mit vollem Bewußtsein übte und in sich ausgebildet hatte . Grade diese Absichtlichkeit nahm ihr indessen die Natürlichkeit . Die Sanftmuth , deren sie sich befleißigte und die sie in ihrem ganzen Wesen kund zu thun strebte , wurde in ihrem Mienenspiele zu einem süßlichen Ausdrucke , ihre Hingebung ließ sie empfindsam erscheinen , und daneben machte ihre Strenge gegen sich selbst sie gegen die Anderen unduldsam . Mit jener Unerbittlichkeit und Selbstgenügsamkeit , denen man bei beschränkten Menschen , so Männern als Frauen , überall begegnet , hatte sie sich ein Tugendideal geschaffen , dem sie sich nachzubilden trachtete , und ohne den verschiedenen Naturen und Lebensbedingungen der Anderen irgend eine Rechenschaft zu tragen , verwarf sie Alles und Jeden , sofern sie ihrem Ideale nicht entsprachen . Da sie in all ihrem Thun und Treiben berechnend geworden war , hatte sie bei dem Wiedersehen mit Renatus ihm gleich die ganze Fülle ihrer Liebe und die tiefe Innerlichkeit derselben darzuthun gestrebt . Aber sie hatte sich diese Scene so tausendfältig vorgestellt , sich dieselbe so oft und in allen ihren Einzelheiten so genau und mit so leidenschaftlichen Farben ausgemalt , daß die Wirklichkeit weit hinter der erwarteten Glückseligkeit zurückblieb . Hildegard war also trotz ihrer anscheinenden Versunkenheit völlig im Stande gewesen , nicht nur über sich selbst , sondern auch über ihren Verlobten genaue