sagen , ein recht verdrießlicher Augenblick ! Ein förmliches Todtengericht ! Ich zitterte für den Präsidenten , der neben dem Domherrn saß und die Scene erleben mußte ! Auch der Landrath , wie uns Herr von Terschka später mittheilte , soll sich furchtsam in seine Ecke gedrückt und vergessen haben , daß gerade seine Autorität hier am Platze war ... Wer weiß , wie lange diese Scene gedauert hätte , wäre nicht Herr von Terschka zum Wagen hinausgesprungen und hätte die gehemmte Ordnung des Zuges wiederhergestellt ... Tante Benigna ' s Augen hafteten an denen Thiebold ' s ... Bruder Hubertus unterstützte Sie endlich , Herr Baron ! schaltete Benno ein , den Terschka ' s gespanntes Warten auf Armgart zu stören schien ... Man hätte von ihm , soviel ich höre , diese Großmuth kaum erwarten sollen ... Welche Großmuth ? fragte Terschka . Was hat es mit dem Bruder für eine Bewandtniß ? Das zu erklären , fuhr der Onkel fast frauenzimmerlich erröthend fort , möchte - Die Tante wußte , daß die » Gegenwart der Damen « hinderlich war und fiel sogleich ein : Welche Störung fiel denn nur vor ? Paula saß jetzt , als besänne sie sich auf einen Traum , den sie vor langer , langer Zeit gehabt haben konnte ... Auch Benno sah sie auf das Wort des Onkels mit einem ehrfurchtsvollen Blicke an . Sie machte den Eindruck , als wären unter dem Schutz ihrer weit ausgebreiteten Cherubsflügel alle Dinge der Erde rein und unentweiht ... Der Zug mußte im Düsternbrook eine Biegung machen , erzählte der Onkel , sodaß wir auch im Wagen alles mit ansehen konnten , was vor uns mit dem Sarge geschah . Vier Laienbrüder trugen ihn . Voraus gingen der Provinzial Maurus und die Mönche und alle sangen . Hintennach folgten die Dienerschaften von Schloß Neuhof , die Vorstände der Wirthschaft , die Beamten der Wittekind ' schen Verwaltung . Dann erst kamen die Kutschen . Wie der Sarg an der bekannten Eiche vorüberkam , empfing ihn an dem zum Zusehen bequemsten Platze eine dort versammelte Menschenmenge ... Bauern , Knechte , Weiber , Kinder , alles dicht geschart ... Zufällig machten die Gesänge der Mönche eine Pause ... Da ertönte anfangs eine Geige ... In lustiger Melodie fiedelte irgendjemand , den man nicht sah , und gerade aus dem Menschenknäuel heraus ... Erst konnte man an einen Bettler denken , der die Gelegenheit nutzen wollte , auf die Art zu einem Almosen zu kommen ... Bald aber hörte man eine laute Stimme rufen : Schweig , Todtengräber ! Hier erst noch drei Hände voll Erde ! Ihr Heiligen ! rief die Tante erstaunend , da auch der Onkel im Erzählen feierlich die Stimme erhob ... In demselben Augenblick ging die Thür auf und Armgart kam zurück ... Sie kam ohne die Brief- und Zeitungsmappe ... Niemand fragte jetzt danach , so ergriffen war noch alles von dem eben Mitgetheilten ... Thiebold klärte Armgart rasch über das auf , wovon die Rede war ... Diese hörte wie geisterhaft und abwesend zu ... Schweig , Todtengräber ! wiederholte der Onkel . Hier erst drei Hände voll Erde ! rief die Stimme . Da trat eine hohe , kräftige Gestalt in grauem Mantel aus der Menge , hielt einen Gegenstand hoch empor , zog den Hut , als wenn er die Raben ringsum , die grauen Wolken , die kahlen zackigen Zweige , die Trauerkutschen grüßen wollte , und rief : Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof ! Nimm zu deinem himmlischen Ehrenkleid auch noch diesen Orden mit ! Ein ab instantia absolvirter Mörder empfiehlt dich der Gnade Gottes , des Heilands und der allerseligsten Jungfrau ! Erschein ' am Tage des Gerichts mit diesem grünen , damals nicht verbrannten Fetzen Tuche - Die Frauen blickten starr auf den Onkel , der alle diese Worte mit Feierlichkeit nachsprach ... Die Tante war vor Entsetzen halb aufgestanden ... Benno berichtete weiter ; denn dem Onkel stockte schon die schwache Stimme ... In diesem Augenblick , sagte er , wo wir alle die gleichen Empfindungen haben mußten , wie Sie sie jetzt allein vom bloßen Berichte haben , war die Scene bereits von Herrn von Terschka unterbrochen worden ... Doch nicht ! doch nicht ! sagte dieser von einem Nachdenken auffahrend ... Noch ehe ich aus dem Wagen war , um die Störung zu unterbrechen , war schon ein anderer Zwischenfall eingetreten ... Die Geige - Bitte ! ergänzte Benno . Erst hörte man einen schreckhaften Schrei ... Aber auch Paula erhob sich jetzt ... Armgart hatte nicht Platz genommen , obgleich ihr Terschka und Thiebold einen Stuhl holten , wie sie eintrat ... Ganz recht ! bestätigte der Onkel . Man erfuhr , daß im Dienstpersonal ein Frauenzimmer ohnmächtig geworden war . Es war das die Lisabeth , die Beschließerin von Schloß Neuhof ... Dann war - das ja wol - jener Küfer ? schaltete die Tante mit Entsetzen ein ... Stephan Lengenich ! bestätigte der Onkel . Wir erfuhren es später . Die Verwirrung des Augenblicks ließ sich nicht ganz übersehen , weil inzwischen der Zug schon weiter ging und die Mönche schon wieder sangen . Aber den Anblick alles Spätern hatten die doch noch , die nur langsam nachfuhren . In die Rede des damals ungerechterweise angeklagten Küfers hinein ertönte wieder die Geige . Ihr Spiel war so frech , so teuflisch , so voll Hohn fiel sie ein in die furchtbare Rache des Küfers , die sie gleichsam unterstützen wollte , daß jedermann dem nur danken mußte , der sich plötzlich auf den Geiger warf , ihm sein Instrument aus den Händen schlug und ihn , da er Widerstand leisten wollte , fast mit Füßen trat . Das war dann niemand anders , als unser alter guter Freund , der Bruder Hubertus ... Benno und Thiebold mußten sich mit Besorgniß Paula nähern , die wie in Erstarrung wieder in ihrem Sessel saß , während die Tante an die Thür eilte