man zu der Entdeckung , daß das von Schlurck übergebene Bild die Papiere gar nicht mehr enthielt ! Gesteigertes Erstaunen . Hier war ein Geheimniß , eine Intrigue . Rudhard gab sich die größte Mühe , hinter Entdeckung einer bösen Absicht zu kommen . Er hatte Anzeichen , die ihn auf eine sicher scheinende Erklärung führten . Er gelobte sich , sie streng zu verfolgen . Einstweilen rieth er zum Ersatze durch den Thomas a Kempis .... Der Eifer bei allen diesen Verhandlungen nicht nur , sondern auch die Theilnahme , die Siegbert den künstlerischen Studien der Mutter und Olga ' s schenken sollte , veranlaßte , daß er täglich im Hause war . Und nun ergab sich dadurch eine neue Spannung in dem Gemüthe der Fürstin . Siegbert war ihr nothwendig geworden . Sie lebte zurückgezogen , nicht aus Princip , sondern aus Bequemlichkeit . Sie wollte ihre Schwester vermeiden , von der sie wußte , daß sie überall die schlimmsten Dinge von ihrer Bildung , ihrem Verstande , ihrem Herzen sagte . Die Trauer gebot ihr , sich von der Gesellschaft fern zu halten . Rudhard war streng , einsilbig , oft mürrisch , pedantisch sogar und durch sein sicheres Auftreten ihr fast unbequem . Siegbert Wildungen aber , der gefeierte junge Künstler , Das war eine ideale Vermittelung mit der Welt ! Wenn er kam , bot er den süßen Reiz der Gewohnheit . Wenn er ging , ließ er eine Lücke zurück . Er war so ruhig bewegt , so still glühend , so schweigend beredtsam , er wirkte so angenehm ; es strömte , wenn er sprach , ein solcher Wohllaut von seinen Lippen ; jede Idee , die er äußerte , schmeichelte sich schon durch den Vortrag ein und wenn er eine Meinung aussprach , so verband er die sicherste Männlichkeit und die Wärme der Überzeugung mit liebevoller Duldung und Schonung der Andersdenkenden . Ganz abweichend von Rudhard , der sogleich verurtheilte , keinen Irrthum anders entschuldigte als durch das verletzte Interesse oder die mangelnde Bildung Derer , die ihn hegten , von Rudhard , der das Gemüth wol einen Edelstein nannte , der aber nur klar und durchsichtig sein müsse , nichts Trübes und Unklares enthalten dürfe ... Siegbert hatte ihn bei der Fürstin vollkommen verdrängt . Rudhard merkte es wohl , war aber ohne Empfindlichkeit darüber . Er wünschte sich Glück , einen jungen Mann von so heilsamer Wirkung für diesen kleinen Familienkreis gefunden zu haben und war nur bedacht , daß in Olga keine gefährliche Regung entstand und in Siegbert nichts , was diese Regung nährte . Darüber kamen ihm denn nun freilich Zweifel . Nicht , daß etwa Siegbert Veranlassung zur Verletzung der Convenienz gab . Rudhard mußte vielmehr sich selbst sagen : Was kann der junge Mann dafür , daß er mit einer fast überirdischen Anbetung hier still verehrt wird ! Siegbert that nichts , als er gab sich selbst . Um seine Herrschaft über diese beiden Frauengemüther zu entkräften - von dem eigenthümlichen Verhältniß , das sich hier zwischen Mutter und Tochter ergab , hatte Rudhard schon eine besorgte Ahnung - um einen Versuch zu machen , ob denn nicht das Eintreten eines andern Elementes in diesen Kreis der drohenden Einseitigkeit dieser Herzen - Liebe nannte Rudhard eine Einseitigkeit der Herzen - steuern konnte , veranlaßte er Siegbert , Freunde einzuführen , vor allen Dingen seinen Bruder Dankmar . Dankmar wurde eingeladen . Er kam auch . Olga erinnerte sich seiner von der Lasally ' schen Reitbahn . Aber es war fast , als hätte sie ihr Ideal in dem lebhaften , feurigen Dankmar nur vorgeahnt und es in Siegbert verschmolzen mit alle Dem , was dem kecken Dankmar doch zu fehlen schien , wiedergefunden . Auch die Mutter fand Dankmarn interessant , unterhielt sich , da überhaupt ein neuer reger Geist über sie Alle gekommen war , außerordentlich lebhaft mit ihm , aber wenn man an die Ausströmungen des Magnetismus im innigeren Verkehr der Gemüther glauben darf , so wirkte Dankmar ' s feuermagnetische Kraft fast schmerzhaft auf diese lebhaften Naturen , die wiederum selber , um musikalisch zu sprechen , mehr in Dur als in Moll gesetzt waren . Siegbert führte auch Max Leidenfrost ein . Der unterhielt sie Alle , belustigte die Kleinen , interessirte die Großen ; aber es blieb bei den Frauen für die Phantasie kein Eindruck zurück , von Reichmeyer und Anderen ganz zu schweigen . Nur Heinrichson hatte etwas Glattes , das für ihn einnahm . Seine Tournüre , sein Witz , seine große Welterfahrung blendete . Da aber die Fürstin gehört hatte , daß Heinrichson bei ihrer Schwester eingeführt war und dieser bei Zeichnungen , die sie in ihrer , wie die Fürstin es nannte , koquetten und frivolen Trauer um den Prinzen Egon , entwarf , behülflich war , so lud sie ihn nicht wieder ein . Siegbert blieb demnach das waltende , regierende Princip und da Rudhard im Stillen sich freute , daß bei dieser Neigung in der Fürstin doch auch ihr rein sittliches Princip im Spiele war und durch Siegbert ' s edle , taktvolle Natur nicht gefährdet wurde , so ließ er zur Zeit noch diese Dinge gewähren und versparte sich nur eine Rücksprache mit Siegbert auf günstige Gelegenheit ... Siegbert war täglich in jenem Gartenhause und arbeitete sogar dort . Die Welt sagte vorläufig , daß er ein Freund des Predigers Rudhard war . Dankmar aber zog den Bruder täglich auf , nannte ihn Heinrich Frauenlob , den Sänger , den Frauen zu Grabe trugen , den im Venusberge gefangenen Tannhäuser und scherzte nicht wenig darüber , als er die Verlegenheit der Fürstin und den Ärger der kleinen Olga , die ihm selbst hätte gefallen können , bemerkte , als es sich darum handelte , ihnen für heute Nachmittag ihren getreuen Siegbert zu entführen . Komisch schien es ihm , als Rudhard den Vermittelungsweg einschlug , beide Brüder wenigstens zum Diner dazubehalten , denn auch