Louis Armand , der einzige noch lebende Enkel dieser nun ausgestorbenen Familie , verbesserte sein halbangeborenes Deutsch durch den Umgang mit Egon . Aber mit den deutschen Buchstaben hatte Louis Armand , den neben der Liebe für Egon auch der Trieb nach Anknüpfungen an seinen deutschen und polnischen Ursprung hierhergeführt hatte , mit diesem Druck hatte er seine Noth . Diese kleinen gothischen Buchstaben unsrer Schrift , im Geschriebenen und Gedruckten , waren ihm peinlich . Es wurde ihm schwer , in dem frommen Buche weit zu kommen und zu forschen , ob sich wirklich schon damals ein Anklang der modernen Commünauté , eine mehr als nur geistige Brüderschaft vom gemeinsamen Leben , darin finden lasse ... Gegen vier Uhr hörte er aus dem Hofe den eleganten Landau des Prinzen an die große Aufgangstreppe der untern Flur anrollen und die Bedienten meldeten die beiden andern Theilnehmer nach Solitüde , die Brüder Wildungen ... Louis wollte Egon ' s Schlummer nicht stören und empfing die Angemeldeten . Siegbert hatte er seit Wochen nicht gesehen , Dankmar war ihm eine ganz neue Erscheinung ... Das Bild , das aufgeschlagene Buch gaben sogleich eine Anknüpfung vertraulicherer Verständigung . Dankmar hatte schon lange ein Vorurtheil , das er anfangs gegen Louis Armand hegte , abgelegt und freute sich seinerseits schon , wie sehr es ihn befriedigen würde , wenn Siegbert an dem Fürsten soviel Gefallen finden würde , wie er schon an Louis gefunden hatte .. Siegbert war auffallend gewählt und fein gekleidet . Beide Brüder gingen in schwarzem Frack , weißen Westen , jenem Costüme , das die Mode erfunden hat , um einem Höheren zu huldigen ; weiße Halsbinden , helle Handschuhe fehlten nicht . Ihr guter Takt hatte durchaus nicht die Absicht , in der Vertraulichkeit , die ihnen der junge Fürst gestattete , irgend etwas von jenen Rücksichten aus dem Auge zu lassen , die man unter so nahen Verhältnissen dem geringer in der Welt Gestellten gern erläßt , aber doch immer anerkennt , wenn man sie nicht vergißt ... Dankmar war ohnehin mistrauisch . Er konnte sich noch nicht in Egon ' s aufrichtige Meinung finden . War hier etwas Zufälliges oder Nothwendiges zu so eigenthümlicher Erscheinung gekommen ? Er prüfte und legte manchen Dämpfer auf Siegbert ' s glühende Erwartung . Denn Siegbert hatte gleich das vollste Vertrauen . Sein gutes Herz ging immer mit ihm durch . Wir kennen ihn genug , um uns zu vergegenwärtigen , was Siegbert empfand , als Dankmar zur Fürstin Wäsämskoi kam und den Bruder aus einem der sonderbaren têtes-à-têtes aufschreckte , die er seit einiger Zeit zwischen der Fürstin und der immer reizender sich entwickelnden Olga beobachten mußte ... Siegbert Wildungen war seit jenem Abende , wo er zum ersten male im Garten sich der Fürstin Adele hatte vorstellen lassen , der tägliche Freund jenes Hauses . Sonderbar genug ! Anfangs war die Fürstin so kalt , so theilnahmlos gewesen , daß ihr Rudhard darüber sogar einige mürrische Vorwürfe gemacht hatte . Später trat nun das Gegentheil ein und weckte sogar Rudhard ' s Besorgnisse . Der strenge Richter sah scharf . Gleich am Abend , als Olga die Blumen auf Siegbert niedergeworfen hatte , kam das Kind wie verändert in den Garten zurück . Sie hatte jene halbe Knabentracht abgeworfen , die sie bisher trug , und verlangte in einer ihr eigenen kurzen und fast schneidenden Art eine neue Garderobe . Alle ihre Kleider wären ihr zu kurz . Sie schäme sich so zu gehen , wie sie sich heute in der Reitbahn gezeigt hätte . Sie wolle nicht nur ein langes Reitkleid , wie alle Damen zu Pferde , tragen , sondern auch für das Haus und die Gesellschaft die Tracht der andern jungen Mädchen . Schon hatte sie sich ihre langen Zöpfe zu einer sonderbaren , phantastischen Tracht aufgebunden , die das Gelächter ihrer Mutter und den Spott ihrer Geschwister erregte . Sie hatte die Zöpfe mehrmals wie Ammonshörner oder Schneckengehäuse gewunden und sie halb im Nacken , halb hinterm Ohr festgesteckt . Rudhard fand die Idee allerliebst und geschmackvoll , die Mutter aber abscheulich . Mit einem verächtlichen Blicke , den Olga auf die Mutter warf , als wollte sie sagen : Du bist nur neidisch , daß ich so schöne Haare habe ! wollte sie in ' s Haus gehen . Die Kinder lachten hinter der Schwester her . Da ergriff diese eine Scheere , die von den weiblichen Handarbeiten der Mutter auf dem Gartentische lag , faßte den einen aufgewundenen Zopf und war schon im Begriff ihn herunterzuschneiden , wenn ihr Rudhard nicht den Arm ergriffen , die Scheere entwunden und die heftige und übereilte Zerstörung eines so schönen Schmuckes verhindert hätte . Am folgenden Tage mußten Schneider und Modisten kommen und aus Olga ein andres Wesen formen . Rudhard billigte diese Metamorphose vollkommen , nur die Mutter gerieth darüber in eine eigenthümliche Reizbarkeit . Diese sonst passive Frau schien von der plötzlichen Emancipation ihres Kindes zu einem jungen blühenden Mädchen und den dabei vorkommenden Beweisen eines plötzlich gewachsenen Selbstgefühles so gereizt , daß sie in einen Zustand gerieth , den sie selbst nicht erklären konnte . Sie wurde unruhig , das Kleinste verdroß sie und weder Rudhard ' s ruhige Beschwichtigung , noch die Anerkennung , die doch ihr Kind bei jedem der zahlreichen Besuche , die sie empfing , erntete , konnte die Mutter zur Selbstbeherrschung bringen . Nur Siegbert ' s Eintreten in den Familienkreis that ihr wohl ... Dieser hatte mit Rudhard gleich am Morgen nach der Beschlagnahme des Bildes und der Untersuchung ihrer Wohnung mit dem darüber höchlichst erstaunten Manne eine lebhafte Unterhaltung . Man berieth Mittel und Wege , um sich vor ferneren Gewaltthaten dieser Art zu schützen . Man kam auf bedenkliche Vermuthungen , erwog die Verlegenheit und das Befremden Egon ' s , wenn das Bild ihm würde übergeben werden und Dinge enthielte , die ihn vielleicht nur aufregten und störten . Erst zwei Tage später kam