eigentlich schon am Tage nach seiner Verlobung gewußt ; dennoch hatte er es für möglich gehalten , sich mit ihr zu verbinden , um seinem Versprechen nachzukommen , und er hatte gemeint , auch ohne die eigentliche Liebe glücklich an ihrer Seite leben zu können . Sie war immer schwärmerisch , immer überspannt , immer von einer großen Empfindsamkeit gewesen . Aber die Schwärmerei , welche ihr vor Jahren einen eigenthümlichen Reiz verliehen , die Empfindsamkeit , die ihn bei dem Abschiede mit sich fortgerissen hatte , kleideten sie jetzt nicht mehr . Sie sah so verblüht aus . Bittoria hatte Recht , man sah es , daß sie beständig kränkelte , daß sie beständig den Schnupfen haben mußte ; und dazu diese Gefühlskomödie , dieses Zurschautragen der Empfindung ! Wie schön , wie frei war Vittoria , die man mitten aus dem Schlafe erweckt und die von seiner Ankunft eben so wenig eine Kenntniß gehabt hatte , in ihrer Freude gewesen ! Wie herzlich hatte ihn die Mutter , mit wie fröhlicher Zärtlichkeit hatte Cäcilie ihn empfangen ! Er brauchte nicht an Eleonore , an dieses herrlichste der Weiber zu denken , um sich zu sagen , daß Hildegard nicht für ihn passe , daß er zu jung , zu lebensvoll und , der flüchtigste Blick in seinen Spiegel rief es ihm zu , ein zu schöner Mann sei , um ein Mädchen wie Hildegard an den Altar und in sein Haus zu führen . Es war unmöglich ! Aber was sollte er thun ? Sollte er es ihr gleich jetzt , gleich heute sagen , daß er sie nicht liebe ? Sollte er warten und die Zeit walten lassen ? War es denkbar , daß sie ihm bei längerem Beisammensein weniger mißfiel ? Durfte er darauf rechnen , daß sie vielleicht selber einsehen lernen würde , wie wenig sie und er zusammen paßten ? Sollte er ihr schreiben - mit der Mutter sprechen ? Sollte er abreisen ? - Damit war freilich nichts gewonnen ! - Und doch hätte er es am liebsten thun mögen , hätte er nicht nach dem Seinigen sehen müssen und wäre Vittoria nicht dagewesen , die er liebte , die wiederzufinden er so glücklich gewesen war . Der Diener hatte des Freiherrn Kleider noch nicht ausgepackt , als dieser etwas die Treppe hinaufstürmen hörte , und im nächsten Augenblicke warf sich ein Knabe mit dem Ausrufe : Mein Bruder , willkommen , mein lieber Bruder ! ihm in die Arme . Ein blühenderes , ein schöneres Geschöpf war kaum zu denken . Weit größer , als seine Jahre es erwarten ließen , das braune Gesicht von einer Fülle schwarzen Haares umlockt , die schönen Lippen vom Lachen umspielt , die großen Augen vor Freude funkelnd , und leicht und kräftig in jeder Regung und Bewegung , entzückte Valerio den jungen Freiherrn durch sein bloßes Erscheinen ; und jene Liebe für die Kindheit , welche die Frauen meist als ein ihnen besonders eigenes und angeborenes Gefühl bezeichnen , während die Männer sie oft in ganz gleichem , wenn nicht in einem höheren und edleren Grade besitzen , bemächtigte sich urplötzlich seines Herzens . Er konnte nicht satt werden , den schlanken Knaben anzusehen . Er hörte es mit unsäglichem Vergnügen , wie Valerio ihn immerfort seinen Bruder , seinen geliebten Bruder nannte , wie er sich freute , daß der Bruder nun wieder da sei , wie er den Bruder bewunderte , der alle die Schlachten gefochten hatte . Nie zuvor waren die Worte » mein Bruder « zärtlicher an des Freiherrn Ohr gedrungen , es hatte Niemand mit so voller , kindlich vertrauender Liebe zu ihm emporgesehen . Und diese Zuversicht , diese vertrauende Bruderliebe des schönen Knaben , den er hatte geboren werden sehen , den er auf seinen Armen getragen hatte , sollte er Lügen strafen , sollte er jemals wieder entbehren müssen ? Nimmermehr ! - Vittoria war der Stern seiner Jugend gewesen , ihre Liebe und Freundschaft hatten seine bis dahin einsame und freudlose Kindheit in Glück verwandelt . Jetzt konnte er es ihr vergelten , es ihr in ihrem Sohne mit Genuß vergelten , und er gelobte sich , es zu thun . Nur mit Widerstreben , nur , um ihn nicht in fremder Hand zu lassen , hatte er den Brief , der gegen Vittoria Zeugniß gab , von dem Grafen Gerhard angenommen . Renatus hatte nicht daran gedacht , ihn jemals gegen sie zu brauchen oder dem Willen seines Vaters entgegen zu handeln . Nur darüber war er mit sich nicht eins gewesen , ob er ihn Vittoria übergeben solle oder nicht , ob es gerathen sei , die alte Wunde aufzureißen und sich zum ausdrücklichen Mitwisser von Valerio ' s unrechtmäßiger Geburt zu machen , oder ob er besser thue , dasjenige , was begraben sei , auch begraben bleiben zu lassen . Und wie er heute Vittoria wiedergesehen hatte , wie jetzt Valerio in seiner Schönheit und Liebe vor ihm stand , zweifelte er nicht mehr , was hier zu thun ihm zieme . Hätte er sich doch am liebsten selbst vor der Erinnerung an dasjenige bewahren mögen , was diese beiden ihm so theuren Wesen von ihm trennen konnte ; und rasch entschlossen , nahm er seine Brieftasche zur Hand , suchte aus derselben den bewußten Brief hervor , betrachtete ihn sorgfältig , um sich zu überzeugen , daß er sich nicht irre , und warf das Blatt dann in das Feuer des Kamins . Was machst Du da ? fragte Valerio , dessen Neugier alles , was der Freiherr that , beschäftigte . Ich verbrenne einen Brief . Weßhalb das ? Weil ich Dich liebe , mein Valerio , mein lieber , lieber Bruder ! gab Renatus ihm zur Antwort , indem er ihm die Arme entgegenhielt . Valerio sprang an ihm empor und sagte lachend : Du gibst grade solche Antworten , wie die Mutter . Der Freiherr fragte ihn ,