Ich kann mir den beispiellosen Erfolg dieses Buches erklären . Es ist in alle gebildete Sprachen übersetzt und vieltausendmal gedruckt worden . Es ist so klar , so rein wie die Luft . Es lehrt die Weisheit , die Demuth und die Bescheidenheit . Man erstaunt freilich , daß darin die Unwissenheit gepriesen wird im Gegensatz dünkelhafter und nur die Zweifelsucht regemachender Gelehrsamkeit . Aber man läßt sich diese Polemik gegen die Bildung schon gefallen , da es doch selbst ein so feiner , gebildeter Geist ist , der mit uns spricht . Dieses Buch , richtig aufgefaßt , müßte kindlich reine Gemüther bilden , besonnene frohe Weltweise voll Demuth und Vertrauen . Leider liegt darin auch ausgesprochen , daß dies Buch ein glänzendes Aushängeschild der Heuchelei und jener vornehmen religiösen Abspannung werden mußte , die man Frömmigkeit und Erleuchtung nennt . Und zuletzt noch Dies : Der Verfasser dieses Buches war ein Communist , lieber Louis ! Ein Communist ? fragte Louis erstaunt . Wohl ! sagte Egon lächelnd . Er gehörte einer jener halbgeistlichen Brüderschaften an , die sich im Mittelalter auch unter den Laien bildeten . Thomas aus Kempen , einer holländischen Stadt , war selbst ein Mönch in einem kölner Convicte , aber man kann ihn umsomehr einen mittelalterlichen Communisten nennen , als er außerdem zu einem Vereine gehörte , der sich die Brüderschaft vom gemeinsamen Leben nannte . Vom gemeinsamen Leben ? wiederholte Louis noch überraschter . Nicht wahr ? Das ist ja eure vollkommene Commünauté ? Man sollt ' es fast glauben , sagte Louis erröthend . Aber ich begreife wohl , daß darunter nur das gemeinsame Leben in Gott und dem Heilande zu verstehen ist ... Das ist ' s ! sagte Egon . Aber wer sich vom Laienstande ihr anschloß , mußte doch wol die Ansprüche seiner weltlichen Titel und Würden aufgeben , und wenn man sich in eine Art von Phalanstère begab , das man im Mittelalter Convict oder Kloster nannte , so geschah es doch fast unter solchen Bedingungen , wie Ihr communistischen Ikarier es Euch denkt ! Man aß aus einer Schüssel , hoffentlich mit mehren Löffeln . Allons donc , Monsieur ! Nous sommes servis ! Damit setzte sich der junge Prinz mit Louis zu Tisch . Er hatte die letzten für Louis so bedeutsamen Worte sehr heiter ausgesprochen . Egon war kein reiner Anhänger der communistischen Ideen seines Freundes und gerieth jedesmal , wenn dies Thema in Anregung kam , mit ihm in einen oft sehr lebhaften Hader . Auch heute bei Tische wurde diese Saite wieder berührt ; jedoch viel mäßiger und mit fröhlicheren Tönen als sonst in Paris oder Lyon , wo diese Saite trotz aller Freundschaft oft auch recht brummende Töne von sich gab . Egon hatte , wie wir schon aus seiner Reise mit Dankmar wissen , selbstgewonnene Begriffe vom Staatsleben und der Gesellschaft , und wenn seine Ideen , die er mit vielem Scharfsinn zu entwickeln wußte , auch nahe an gewisse demokratische Lieblingsvorstellungen der Zeit streiften , so war er doch nichts weniger als Communist . Das Mahl war lange nicht so einfach , als es für Egon ' s noch mannichfach zu schonenden Körperzustand hätte sein sollen . Auch eine gewisse ihm eigene Sparsamkeit billigte diese Überzahl von Schüsseln nicht . Er gab sehr ernste Verweise über die gemachte Auswahl und erklärte rundweg , er würde künftig jeden Abend vorher sagen , was er morgen essen wolle ... Wandstabler verneigte sich bis tief zur Erde und schielte zu Louis hinüber , den er auch in diesem Punkte als einen wahren Dorn im fürstlichen Fleische , als den Störenfried aller standesmäßigen Etikette und gehofften Wiederherstellung der alten herrschaftlichen Zustände betrachtete ... und eigentlich mit Unrecht . Nach dem Essen ruhte Egon ein wenig aus und Louis las im Thomas a Kempis , der ihm plötzlich bedeutsam geworden war ... Louis hatte es sehr weit im deutschen Sprechen und Verstehen gebracht . Er mußte ja seinen Ursprung halb von Deutschland und Polen und nur halb von Frankreich herleiten ... Thaddäus Kaminski war im Jahre 1794 in der polnischen Insurrection bei Maciejowice verwundet worden . Glücklicher als sein Bruder Stanislaus Kaminski , der in Gefangenschaft fiel und nach Sibirien geschleppt wurde , rettete er sich , in der Flucht von seiner Schwester Jagellona unterstützt , mit Kosciuszko erst nach Deutschland , wo er im Württembergischen Pflege und ein Weib fand , eine Deutsche , Namens Anna Oleander . Verfolgt von dem Einflusse Rußlands floh Thaddäus Kaminski nach Frankreich und ließ sich mit seiner Schwester Jagellona und seinem Weibe in Lyon nieder . Ihr Loos war Armuth . Früh starb Thaddäus an seiner Wunde . Die Schwester Jagellona heirathete einen Industriellen , bei dem sie gastfreundliche Aufnahme gefunden hatten , Namens Armand . Jagellona war nicht mehr jung , als sie , eine gebildete Polin , der Dankbarkeit dies Opfer brachte und weit unter ihrem Stande sich vermählte . Die Revolution hatte die Standesunterschiede hier nicht so sehr verwischt wie das Gefühl der Erkenntlichkeit für den Schutz und die Pflege , den die armen polnischen Flüchtlinge bei den Lyoner Freunden fanden . Jagellona ' s Sohn hieß , ihrem in Sibirien schmachtenden Bruder zu Ehren , Stanislaus . Stanislaus Armand heirathete die Mutter unsres Louis , eine Französin , und gebar ihrem Gatten diesen Sohn im Jahre 1825 , die Tochter Louison ein Jahr später . Diese aus so kosmopolitischen Mischungen zusammengesetzte Familie - gälische , germanische , slawische Elemente begegneten sich hier - stand unter dem patriarchalischen Einflusse der uralten Polin Jagellona Kaminski und der deutschen , ihren Gatten lange überlebenden Großtante Anna Oleander , einer Schwäbin aus dem weiland württembergischen Gebiete der Grafschaft Mömpelgard oder Montbelliard . Die polnische Sprache war in diesem Kreise verschwunden , aber aus Rücksicht auf die Großtante , die des heldenmüthigen Thaddäus Kaminski wegen tief verehrt wurde , hatte sich neben der französischen die deutsche erhalten , die auch Jagellona , wenngleich mit polnischem Accente sprach .