habe sie krank gemacht . Nun aber sei er ja da , nun also werde sie genesen . Renatus konnte den Spott in den Worten seiner Stiefmutter nicht überhören , indeß er mochte sich nicht gleich in dieser Stunde mit den kleinen Mißhelligkeiten und Eifersüchteleien befassen , deren Aeußerungen er in jedem Briefe gefunden , welchen er von Hause erhalten hatte , und schnell die Treppe und den langen Korridor hinaufgehend , folgte er dem Diener , der ihn bei der Gräfin ansagen sollte , während er selbst in seine Zimmer zu gehen und sich nach der langen Fahrt umzukleiden wünschte , ehe er vor seiner Braut erschien . Er hatte jedoch den Korridor noch nicht verlassen , als eine in Bewegung bebende Stimme die Worte ausrief : Wo ist er ? Ach , wo ist er ? Und da er , diese Stimme erkennend , sich umwendete , eilte Hildegard mit ausgebreiteten Armen , den Kopf wie in einer Verzückung erhoben , auf ihn zu und drückte ihn stumm und sprachlos , als wolle sie ihn nicht mehr lassen , an ihr Herz . Die Mutter , die Schwester waren ihr auf dem Fuße gefolgt , der Diener stand dabei , das Kammermädchen , welches den Frauen einige Kleidungsstücke zuzutragen hatte , kam ebenfalls den Gang herauf , und wenn diese Begegnung in dem kalten Vorsaale , im Beisein einer ihm fremden Dienerschaft , schon nicht nach dem Wunsche des jungen Freiherrn war , so lag in dem Wesen , in dem Tone , ja , selbst in der gewaltsamen Innigkeit , mit welcher seine Braut ihn umarmte , etwas , das , statt ihn zu erwärmen , ihn erkältete , weil es ihn unwillkürlich von sich selber abzog und ihn zum Beobachten nöthigte , wo er sich einer einfacheren Ausdrucksweise der Empfindung arglos und willig hingegeben haben würde . Fasse Dich , liebe Hildegard , fasse Dich ! mußte er sie zu wiederholten Malen ermahnen ; aber sie schüttelte stumm und immer noch sprachlos das Haupt , und Renatus war endlich genöthigt , sie mit sanfter Gewalt von seinem Herzen aufzuheben , um die Mutter , um Cäcilie begrüßen und Hildegard in das Zimmer geleiten zu können , wohin die Andern ihnen folgten . Die Gräfin hatte sich , weil sie in dem fremden Hause so wenig als möglich an dem Bestehenden zu ändern gewünscht , als sie nach Richten gezogen war , in dem sogenannten Fremdenflügel niedergelassen , der einst von der Herzogin bewohnt worden war . Hieher hatte sie ihre Möbel bringen lassen und sich , so weit dies möglich war , ganz so eingerichtet , wie in den Räumen , die sie in der Stadt zuletzt inne gehabt hatte . Hier wie dort hingen die weißen , schlichten Vorhänge in langen , regelrechten Falten an den Fenstern hernieder . Das kleine , alte Klavier , das schlichte Sopha , die Bilder der Königin und des Prinzen Louis Ferdinand , es stand und hing hier Alles so wie dort ; auch die strenge Ordnungsliebe , die glänzende Sauberkeit herrschten hier wie dort . Renatus kannte Alles wieder , Alles ; selbst den Myrtenstock am Fenster in dem alterthümlichen , gemalten Topfe , und doch war es ihm so fremd , doch ängstigte es ihn - so wie Hildegard ' s stumme Liebe , wie ihr Blick ihn ängstigte , der sich gar nicht von ihm wendete , wie ihre langen Händedrücke ihn beängstigten . Was war denn mit seiner Braut geschehen ? Die Mutter fand er , wie er sie verlassen hatte . Sie war immer noch die edle , stattliche Frau mit den breiten Wangenflächen , mit dem sanften Lächeln und dem guten , mütterlichen Ausdrucke . Cäcilie war noch gewachsen , war voll , stark und hübsch geworden , weit hübscher noch , als ihre erste Jugend es hatte erwarten lassen ; nur Hildegard hatte sich in einer Weise verändert , daß es Renatus schwer fiel , ihr zu verbergen , wie ihn dies überrasche . In ihrem dunkeln , engen Morgenrocke , mit der fest anliegenden , kleinen weißen Haube über dem glatt gescheitelten Haare sah sie ihm wie eine Nonne , wie eine barmherzige Schwester aus , und ihr Behaben ließ ihn vollends an ihr irre werden . Er kam nicht über die Frage hinaus : Was stellt das vor ? was soll das bedeuten ? Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren , daß er verurtheilt sei , in einer Komödie eine ihm aufgedrungene und nicht natürliche Rolle zu spielen . Er mißfiel sich in derselben , er fand sich lächerlich in ihr ; aber Hildegard mißfiel ihm noch weit mehr . Er war froh , wenn die Mutter , wenn Cäcilie mit ihm sprachen , er konnte es endlich gradezu nicht mehr ertragen , sich von seiner Braut mit dieser schwermuthsvollen Liebe ansehen zu lassen , und von einer plötzlichen Ungeduld ergriffen , fragte er sie , ob sie krank sei . Krank ? O nein , glücklich bin ich , unaussprechlich glücklich , entgegnete sie ihm , so glücklich , daß ich ' s noch nicht fassen , noch nicht glauben kann ! Aber diese Antwort machte das Uebel ärger , und lachend , um seine wahre Empfindung zu verbergen , sagte er : So will ich mich umkleiden gehen , damit Du Zeit gewinnst , Dich zu beruhigen ! - Und den Anderen freundlich zunickend , verließ er sie . In seinem Zimmer angelangt , warf er seine Kleider von sich und ging mit heftigen Schritten in dem großen Raume auf und nieder . Das Herz war ihm still in der Brust , zum Erschrecken still , und seine Gedanken wirbelten mit einer Schnelle durch seinen Kopf , daß er ihnen kaum zu folgen vermochte . Es war unmöglich , er konnte sein Wort nicht halten . Dieses Mädchen konnte er nicht heirathen . Daß er Hildegard nicht liebe , das hatte er lange , das hatte er