Dich erleben muß , heiliges Rußland ! Wohl erinnere ich mich aus den Tagen , da ich ein Mann ward , wie diese Narbe brannte im Mondlicht und ich vor mir sah die Schrecken , die da kommen sollten - die weiten Schlachtfelder und die Schneegefilde , bedeckt mit den starren Leichen , und wie die Flammen hoch emporschlugen aus der Stadt des heiligen Iwan . Und wie ich ' s gesehen , so kam ' s ! Blut tränkte die russische Erde und des Franken Roß trank aus dem Weihkessel unserer Kirchen . Aber der Herr wandte sein Angesicht gnädig wieder zu unserm Volk und die Gebeine der Feinde bleichen auf den Feldern Rußlands . « Schweigen lag rings umher auf der weiten Steppe , der weiße Mondstrahl sog und lastete auf dem kahlen Schädel des Alten - sie sahen es nicht , wie hinter ihnen an der Mogile , dem alten Heidengrab , langsam ein Schatten emporstieg . » Was kommen muß , wird kommen , « fuhr der Alte fort , » Blut und Tod , Schrecken und Verderben . Drei von den Söhnen deckt das Grab , aber Einer lebt noch von seinem Saamen - und der Todesschrei des gemordeten Vaters gellt in seinen Ohren . Er war ein Kind , als sich die Mörderhand gegen das geheiligte Haupt des Czaren erhob , aber der Fluch will sein Recht und trifft die Schuldlosen wie die Schuldigen . Und also wird sich ' s erfüllen , bis ein gekröntes Haupt sich selbst zum Opfer gebracht für das blutige Vaterland , das seinen Vater gemordet hat . « Der Greis ließ sein Haupt sinken und barg es in die Hände . Als er es nach einiger Zeit erhob und im Kreise der stummen Enkel umherschaute , halte sein Auge , wiewohl noch immer traurig und finster , doch den unheimlichen Ausdruck der Geistesstörung verloren . Er sammelte sich einige Augenblicke und begann dann auf ' s Neue die Rede . » Ich habe Euch eine Geschichte zu erzählen und Ihr selbst sollt das Urtheil fällen . Ost , als Ihr noch auf meinen Knieen schaukeltet oder ich Euch reiten ließ auf meinem Sattelknopf vor mir über die Haide , legtet Ihr Eure kleinen Finger an diese Narbe und frugt mich , woher sie gekommen , daß die Männer der Stämme mich Iwan den Einäugigen oder den Steppenteufel heißen . Ihr sollt jetzt erfahren , wem ich dies Zeichen danke , das mich begleiten wird in ' s Grab . Ich war ein junger Mann , schlank und glatt wie Ihr , wenn ich auch mehr schon erfahren , denn als Knabe schon war ich den Fahnen des großen Hetmann Suwarow gefolgt , in das Land , das sie Italien nennen . Wenn der General erwachte , stellte er sich vor sein Zelt und krähte gleich dem Hahn , seine Krieger zu wecken , aber die Krieger hielten fest zu ihm und vollbrachten manche große That unter seiner Führung . Der General hatte mich dem jungen Czaren gegeben , dem Sohn der großen Katharina , da er noch Großfürst war , und ich kam mit ihm von Schlüsselburg nach dem Winterpalast in der Nacht , da die Kaiserin starb , und wurde einer seiner Leibkosacken . Der Czar Paul war ein wunderlicher Herr , bald gerecht und gut , bald aufbrausend und jähzornig ; aber mir war er ein Wohlthäter und ich war sein getreuer Knecht . Gegen die Vornehmen war der Czar hart und streng , und vergalt ihnen das Leid , das sie über den Armen brachten , dessen Leib und Seele ihnen gehört , d ' rum ward er gehaßt von ihnen bis auf ' s Blut . Aber das Volk liebte den Czaren . Es war im Michaelspalast , am Abend des 23. März im Jahre Gottes achtzehnhundertundeins - vor länger als dreiundfünfzig Jahren . Ich zählte damals zweiundzwanzig Jahre und war ein Liebling des Herrn . Ich hatte an dem Abend die Wache im Vorzimmer seines Schlafgemachs , und der Czar , der seine Feinde unter den Fürsten und Grafen fürchtete , vertraute auf uns gemeine Leute . Der Nordwind pfiff draußen um den Palast und ich stand mit blankem Säbel auf meinem Posten , als der Czar aus seinem Gemach kam , die Wachskerze in der Hand , und mir in ' s Gesicht leuchtete . « Bist Du es , Iwan ? sagte der Herr , wenn Du wachst , weiß ich , kann ich ruhig schlafen . » Er probirte Schloß und Riegel der Corridorthür und leuchtete an den verriegelten Fenstern umher , wie es seine Sitte war , denn er glaubte schon lange , daß sie ihm einmal an ' s Leben wollten . D ' rauf , an der Schwelle der Thür , wandte er sich nochmals zu mir und sprach : Iwan , öffne keinem Menschen und unter keiner Bedingung . Das Leben des Czaren beruht auf Deiner Treue . So nickte mir der Herr und ging , ohne sein Zimmer zu schließen . Ich habe ihn nie wiedergesehen . Gott der Herr möge der Seele des Czaren gnädig gewesen sein ! « Er schlug mit dem Daumen das Zeichen des Kreuzes und fuhr dann fort : » Ich stand mit meinem Säbel an der Thür und hielt als guter Soldat und treuer Russe meine Wache . Es mochte Mitternacht sein , als plötzlich die Krähen , die in den Gipfeln der Lindenbäume im Garten um den Palast nisteten , sich krächzend erhoben und mit vielem Geschrei durch die Nacht umher flogen , gleich als wollten sie eine Gefahr verkünden . Gleich darauf hörte ich Schritte und man pochte an die äußere Thür , die mit Eisenblech überzogen war und deren Schlüssel ich hatte . Ich fragte , wer da sei , und die mir bekannte Stimme des deutschen Generals antwortete : General Benningsen und Graf Pahlen , der Vertraute des Czaren . Es ist Feuer ausgebrochen im