ihrem Sinne . Sie lachte , schüttelte den Kopf , öffnete die Thür und hüpfte davon . Noch auf der Treppe warf sie einmal den Kopf zurück , nickte voll Innigkeit und huschte in glückseligster Stimmung in ihren Hinterhof ... Der Husten des Italieners Signor Barberini verfolgte sie zwar wie das giftige Zischeln einer Schlange , die die Gestalt des Herrn Sylvester oder der grünen Brille annahm , aber nun , da sie sich gerechtfertigt hatte vor Louis Armand , da sie wieder so viel zärtliche , sanfte Worte von diesem elegischen Schwärmer vernommen , waren ihr alle Gefahren , alle Beziehungen zu andern anspruchsvollen Menschen gleichgültig , sie zerriß ihren Brief , sagte sich , Er mag kommen oder nicht ! Ich habe keine Furcht mehr , ihm mündlich seinen Abschied zu geben ! Es war ihr , wie sie einst Melanie Schlurck gesagt hatte , als käme sie von einem Priester , dem sie gebeichtet . Indem wir Fränzchen den letzten Verständigungen mit ihrem Onkel überlassen und uns freuen müssen , daß sie durch ein gütiges Schicksal vor mancher dunkeln Gefahr auf dem Forsthause im Plessener Walde bewahrt blieb , begleiten wir den glücklichen Louis Armand zu seinem Gönner und Freunde , dem Prinzen Egon von Hohenberg . Er fand ihn unruhig und besorgt darüber , daß ihn Louis so lange allein ließ . Eilftes Capitel Thomas a Kempis Wie kann ich mich ohne dich zurecht finden , Freund , sagte Egon auf ' s zuvorkommendste und von einem Halbschlafe gestärkt . Wie diese Menschen , die mich hier umgeben , alle so gierig lauern auf meine Winke ! Die kleinste Arbeit vergrößern sie durch die Umständlichkeit ihrer Art , sie anzufassen ; Alles ist bei ihnen spielendes Riesenwerk . Jeder will seine Nothwendigkeit bezeugen und geht laut , statt leise , klappert mit einem Teller , statt ihn ruhig hinzusetzen , frägt zehnmal über eine Auskunft , die er sich bei gesunder Vernunft selbst geben kann . Der Alte mit dem gewichsten Schnurrbart ist geradezu ein Hanswurst ! Es thut mir seines Alters und der Erinnerung an meinen Vater wegen leid , daß ich ihn so lächerlich finden muß . Schon drängte sich die älteste seiner Töchter an mich und will die Befehle über meine Wäsche in Empfang nehmen . Wie ich sagte , ich liebte Dies oder Jenes zur Hand zu haben und mich selber zu bedienen , verspricht sie , in meinem gewöhnlichen Zimmer sogleich diese Anordnungen selbst zu treffen . Ich lese etwas aus den Blättern in den aufgehäuften Zeitungen . Kaum seh ' ich auf , so ist die älteste Schwester mit den beiden jüngeren beschäftigt , an den Schubkästen zu poltern und zu ordnen . Ich sehe hin . Sie thun , als merkten sie ' s nicht . So dienend , so unterwürfig gebehrden sie sich ! Die zweite gefällt mir mehr als die jüngste . Diese ist zwar hübscher , jene hat jedoch pikantere Augen . Ich habe das Fenster geöffnet , um nicht nach diesen Geschöpfen sehen zu müssen . Kaum lehn ' ich mich da hinaus , so nimmt das Verbeugen und Grüßen kein Ende . Koch und Stallknecht , Küchenmagd und Kehrfrau , Alle machen sich zehnmal auf der Straße zu thun , nur um knixen und grüßen zu können ... Von Vorübergehenden werd ' ich angestaunt . Ich schlage das Fenster zu . Da ekeln mich aus den Zeitungen , die ich mir allerdings selbst bestellte , diese dummen politischen Verwickelungen an . Ich bin die Herrschaft der Phrasen so müde , daß ich lieber eine Abhandlung über den Dünger lesen möchte , als diese Verhandlungen des Ehrgeizes und der Intrigue . Ich werde mich über Grund und Boden zu unterrichten suchen und dann nach Hohenberg gehen , dort wohnen , dort mit Ackermann Ökonomie treiben . Louis antwortete nicht auf diesen Erguß der Langenweile und des erwachenden Lebensreizes . Er sah auf dem Tisch zwei Gegenstände , die ihm wichtiger schienen als diese polternden Ausbrüche der Ungeduld eines Kranken , der , endlich genesen , sich in das Geräusch der Welt zurücksehnt und von Einsamkeit spricht ! Er sah den für die Gräfin d ' Azimont bestimmten Brief und das schwarze Büchlein von der Nachfolge Christi , das durch seine Mithülfe in das Bild der Mutter gekommen war . Über Letzteres sprach sich Egon , während man in dem Zimmer nebenan das Serviren der Mittagstafel hörte , umständlich und weitläuftig aus . Was ich bis jetzt in diesem wunderlichen Testamente meiner bemitleidenswerthen Mutter gelesen habe , sagte er , misfällt mir durchaus nicht . Dieser alte Mönch Thomas a Kempis war ein feiner Kopf und hat etwas Vornehmes , das ihn der Bildung zugänglicher macht , als die gewöhnliche ascetische Phraseologie . Er schreibt vortrefflich . Seine Sätze sind kurz und in Antithesen gefaßt , wie bei Montaigne . Er scheut sich nicht , zuweilen einen alten Heiden zu citiren und weiß ihn zweckmäßig mit einer christlichen Vorschrift in Einklang zu bringen . Dabei hat er etwas Weltkluges , ja sogar Etwas , was an den Spruch erinnert : Schicket euch in die Zeit ; denn es ist böse Zeit ! Oder wol gar an den andern : Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben ! Ich lese seine Vorschriften mit Vergnügen . Nicht etwa , daß ich dem Willen meiner Mutter gemäß daran denken könnte , nach ihnen zu leben , sie verlangen eine unmögliche Entsagung und mönchische Christlichkeit . Aber sie sind ein System , das an sich nichts Geschmackloses hat . Es liegt eine so gefällige Abrundung in dieser Auffassung des Lebens . Sie ist dabei nicht ohne Heiterkeit und muß es sein , da sie den Namen des Heilandes so leicht , so ohne viel Aufhebens bekennt , wie wir etwa in unserer Zeit von der Vernunft oder , wenn man noch richtiger urtheilen will , von einem großen Genius sprechen , von Schiller und Goethe .