! Auf so hochheilige Versicherung hin winkte Armgart leise mit der Hand , deutete auf die Thür und ging mit Seufzen in den Vorsaal . Ein Blinzeln des Auges sagte , Thiebold sollte folgen . Nehmen Sie Ihren Mantel , Herr de Jonge ! sagte sie , sich im Vorsaal wendend und auf des Zögernden Nachkommen wartend ... Thiebold blickte erstaunt auf sie nieder ... Auch sie ergriff ihren Ueberwurf und hüllte sich in ihn mit Thiebold ' s Hülfe ein . Dann drückte sie ihm seinen Hut in die Hand ... Sie ging entblößten Hauptes zum Corridor hinaus ... Wohin führt sie dich denn ? sagte sich Thiebold mit gesteigertem Befremden ... Draußen war die vom Hofe hereinfallende Beleuchtung am Tage schon immer eine halbdunkle . Jetzt war der Abend hereingebrochen und in den langen Corridoren hatte man sich als Fremder ohne Licht kaum noch zurecht finden können ... Führt sie dich auf ihr Zimmer ? sagte sich Thiebold , als Armgart sich links gewandt hatte und in einem dunkeln Gange voranschritt , auf welchen fast klösterlich eine Menge Zimmer , größtentheils an den Thüren mit Hirschgeweihen geschmückt , hinausgingen ... Sie kamen an Zimmern vorüber , die der Tante und Paula gehörten , an Lauftreppen , die für die Dienerschaft bestimmt waren , an einem der vier Eckthürme , in dem auch Armgart ein eigenes Wohnzimmer hatte ... Sie wohnte halb im Stifte , halb hier ... beide Wohnungen schmolzen auf so eigenthümliche Weise zusammen , daß sie im Grunde nur eine bildeten ... in Heiligenkreuz lag oft ihre Schere und hier ihr Fingerhut ... dort arbeitete sie an der Cigarrentasche , hier an dem Aschenbecher ... dort lag zuweilen ein Schuh oder ein Strumpf , der durch einen andern , der hier sich befand , erst ein Paar bildete ... seit Weihnachten erst besaß sie infolge des entschiedensten Verlangens und nach mannichfacher Prüfung und Berathschlagung Schiller ' s Werke ... da sie Tag und Nacht darin las , so lagen sie halb in Heiligenkreuz , halb hier in ihrem Thurm . Wenn sie zwischen Heiligenkreuz und Westerhof hin- und herfuhr oder auch zu Fuß ging , begleitete sie ein Bündel von Sachen , das sie hin- und herschleppte . Oft wurde sie von der Tante dafür » Trödelliese « genannt ... Als Armgart aber auch nicht beim Eingang in ihr Zimmer anhielt , sagte Thiebold stehen bleibend : Ja aber , mein Fräulein , was wird denn nun ? ... Er mußte seine Verwunderung abbrechen und folgen ... Armgart eilte vorwärts ... sie war tief in sich verloren und schlioß nur zuweilen gelegentlich ein offen stehendes , in den Hof führendes Fenster . Die Wanderung war jetzt rechts gegangen in einen andern Corridor des großen Geviertes ... Hier kamen die Zimmer des Onkels , sein Laboratorium ... Auch an diesem - wo oft der Stein der Weisen gesucht wurde und in der Retorte sich als Resultat nur ein Pfund Berliner Neublau ergab , dessen Anfertigung ebenso viel Thaler kostete , als Groschen hingereicht haben würden , den Gegenstand in Witoborn beim Krämer zu kaufen - an zwei Ritterharnischen , die vor des Onkels Thüre Wache haltend im Dunkeln gespenstisch genug aussahen , ging Armgart vorüber , sprang dann eine Treppe hinunter , wandte sich im Erdgeschoß einem neuen Gange zu und führte Thiebold an den im untern Stockwerk befindlichen Bureaustuben , am Archiv , an der Bibliothek vorüber zu einer hohen Thür , die den Eingang in die Schloßkapelle bildete ... Wohl gingen Mägde , Schreiber an ihnen vorüber , wohl sah man über den großen , mit Sandsteinquadern gepflasterten , jetzt mit zusammengeschaufeltem Schnee bedeckten Hof hinweg im Eingangsportal wieder die hier schon gewohnten Hülfesuchenden : Armgart hielt sich bei niemand auf und huschte in die Kirche , die dem Bedürfniß der frommen Bewohner- und Dienerschaft des Hauses immer offen stand ... Dieser Raum war nun erst völlig dunkel ... Armgart blieb an der Thür stehen , ließ den vor Erstaunen sprachlosen Thiebold eintreten , legte den hohen Thürflügel wieder an und ging durch den schmalen Gang der Sitzreihen , voraus zum Altar . Dort knixte sie , wie in der Ordnung , vor dem Erlöser , und sagte zu Thiebold , der auf zwei Schritte hinter ihr stand : Nun , Herr de Jonge ! An diesem heiligen Orte - Was ist es , was Sie mir zu sagen haben ! Mein Fräulein , stotterte Thiebold , befremdet von so viel Feierlichkeit und befangen durch die Einsamkeit des weihrauchduftenden Ortes , Sie überraschen mich ! In der That ... Herr de Jonge ! Sie wissen noch nicht , daß ich mein ganzes Leben unter die Befehle der allerseligsten Jungfrau gestellt habe ! Ihr will ich vertrauen , was ich auf dem Herzen habe ! Von ihrem Rath hängt all mein Thun , all meine Entschließung ab . Was wollen - oder was sollen Sie mir mittheilen ? Armgart hatte sich vor diesen feierlichen Worten auf die erste Bank dicht am Aufgang zum Altar niedergelassen und kniete ... Allmählich gewohnte sich Thiebold ' s Auge an das Dämmerlicht der auch am Tage wenig erhellbaren Kapelle ... Die heiligen Gegenstände , die er rings erblickte , milderten die Weltlichkeit seiner Absichten , obgleich an sich diese » die reellsten « waren und nichts Geringeres bezweckten , als Armgart seine ganze Verhandlung mit Bonaventura zu erzählen ... Thiebold sah nun , daß die Betende zitterte . Den Kopf hatte Armgart aufs Pult gelehnt . So lag sie wie eine dem Himmel Angehörige ... Thiebold hätte sich schon vor ihr selbst niederwerfen mögen ; es lag ein so bestrickender Reiz in dein exaltirten Wesen , so viel Zauberisches in dieser gleichsam vor sich selbst entfliehenden , sich mit Gewalt mäßigenden und doch erglühend genug , man sah es , vorhandenen Leidenschaft , daß Thiebold nur durch die geringe » höhere Ausbildung seiner Gefühle « verhindert wurde , seiner begeisterten Stimmung die einer solchen Situation entsprechenden Worte zu geben .