aber sie waren dahin , die jugendlichen Liebes- und Ruhmesträume , welche ihm damals die Brust geschwellt hatten . Ihm winkte jetzt nicht mehr das Wiedersehen mit seinem Vater , nicht mehr die Aussicht , mit seinen fröhlichen Kameraden in seiner Väter Schloß heitere Tage zu verleben , und Vittoria und ihren Sohn in Freuden zu umarmen . Er war noch jung genug , indeß die großen Ereignisse , die ungewöhnlichen Schicksalswechsel , die er an sich hatte vorüberziehen sehen und in denen er selbst betheiligt gewesen war , die Gefahren und Nöthen , die er überstanden , die Vorgänge in seiner Familie und namentlich die Erfahrungen , die sich ihm in Paris in den letzten Wochen und Monaten aufgedrängt hatten , machten , daß er sich älter , in der That weit älter dünkte . Dazu trat die Sorge jetzt nahe und näher an ihn heran . So lange er in Frankreich gewesen war , hatte er sie wie eine ferne , weit entlegene Gebirgsreihe nur in unbestimmten umrissen und nur gelegentlich vor sich gesehen . Jetzt , da er sich auf der altbekannten Straße wiederfand , da jede Station ihm eine halbvergessene Erinnerung wachrief , tauchte auch die ganze Kette seiner Sorgen immer deutlicher vor ihm empor , und er konnte , wohin er den Blick auch wendete , es nicht hindern , daß sie sich hoch und höher aufzuthürmen schienen , bis er sich endlich wie von ihnen umringt und seinen ganzen Horizont von ihnen in einer Weise eingeschlossen fühlte , daß es ihm jeden freien Ausblick hemmte und ihm den Athem einzuengen drohte . Was ging ihm nicht alles durch den Kopf ! - In diesem Gasthofe war er gewesen , als er mit seinen Eltern , in Begleitung der Herzogin , nach der Stadt gefahren war . Er erinnerte sich , wie man ihn in den Wagen der Herzogin gebracht hatte , damit die Mutter Ruhe hätte , und wie heiter sein Vater an dem Tage gewesen war . Vor jenem Kruge hatte man ihm auf der Rückreise zu trinken geben lassen , und der Krüger hatte nach der Frau Baronin gefragt , die unter Seba ' s Obhut mit dem Caplan in der Stadt schwer krank zurückgeblieben war . Nun lebten sie alle nicht mehr : nicht sein Vater , nicht seine Mutter , nicht der Caplan und nicht die Herzogin ! Und wie ihm das auch weh that , sie konnte er nicht beklagen . Das Leben dünkte ihm kein so großes Glück . Brauchten sie alle es doch nicht zu hören , was er von Tremann und von dem Grafen hatte hören müssen ! Er dachte mit einer zärtlichen Genugthuung daran , daß sie mit weniger beschwertem Sinne , als er , durch ihr Dasein gegangen waren , und daß nur er allein die Erbschaft ihrer Sorgen auf sich nehmen mußte . Sie hätten denselben zu stehen nicht mehr vermocht . Vor dem Hause , vor welchem er auf seinem eiligen Ritte nach dem väterlichen Schlosse damals , als er seinem Regimente Quartier bestellen wollte , mit Steinert zusammengetroffen war , mußte er auch jetzt wieder verweilen . Man hatte die Posthalterei dahin verlegt , es war die letzte Station , auf der er seine Pferde wechselte . Der Posthalter , der den jungen Freiherrn trotz der sechsjährigen Entfernung augenblicklich wiedererkannte , bewillkommte ihn mit lebhaftem Zuspruche . Wie vor sechs Jahren , hatte Renatus jedoch auch jetzt keine Neigung , darauf einzugehen . Jetzt wie damals fürchtete er , irgend welche ihm unwillkommene Berichte zu vernehmen , denn Gutes war ihm von Hause schon seit langer Zeit nicht mehr gekommen . Und sich wie Einer , der geschlafen hat und weiter zu schlafen denkt , tief in die Wagenecke zurücklehnend , befahl er , sobald die Pferde vorgelegt waren , weiter zu fahren . Es war noch früh am Morgen , als das Schloß sich vor seinen Augen erhob . Die Stattlichkeit desselben freute ihn , da er es jetzt zum ersten Male als sein Eigenthum begrüßen sollte , aber seine Besitzesfreude war nicht rein . Wehmüthige Erinnerungen und schwere Sorgen warfen ihre trüben Schatten über sie . Man hatte am verwichenen Tage die Kalesche des Freiherrn auf Kufen gesetzt und die Räder untergebunden , denn der Schnee lag hier noch auf dem ganzen Lande fest . Er reichte vor den niedrigen Häusern der Insassen bis an die halbverstiemten kleinen Fenster hinauf . Nun steckten aus den Thüren sich hier der Kopf einer Alten , dort ein paar Kindergesichter unter ihren dicken Pelzmützen hervor , als mit dem Schalle des Posthorns zugleich das Klingeln der Schlittenschellen ertönte , und der Schlitten , von den starken Gäulen fortgezogen , eilig durch das Dorf fuhr . Die winterliche Einsamkeit , das Anschlagen der Hunde , das sich von Hof zu Hof fortsetzte , bis es aus dem Bereiche des Schlosses an des Freiherrn Ohr klang , hatten etwas Melancholisches für ihn , dem jetzt seit Jahren das belebte Treiben der heitersten aller Städte zu einer lieben Gewohnheit geworden war . Da er sich in Berlin so plötzlich zum Aufbruche entschlossen und auch seine Abreise von Paris schneller , als er es erwartet hatte , gekommen war , konnte man hier in Richten natürlich auf seine Ankunft noch nicht vorbereitet sein . Das eiserne Gitter in dem Hofthore war geschlossen , kein Laden in beiden Stockwerken geöffnet . Man hätte das Schloß für unbewohnt ansehen können , wäre nicht aus den Schloten der Rauch emporgestiegen . Der Postillon ließ auf ' s Neue sein Horn erklingen , um Einlaß zu erhalten . Der Freiherr betrachtete während dessen , wie der graue Rauch , von der Sonne erhellt , an dem lebhaft gefärbten Himmel in graden , sich kräuselnden Säulen in die Höhe stieg , die Gegend , das Klima , sein Schloß und sein ganzer Zustand kamen ihm plötzlich so fremd , so wenig als zu ihm gehörend vor , daß er über die