zu dringen . Meine liebe Franchette , sagte er mit dem sanften Tone wieder , der dem deutschen Mädchen einst so wohlgethan hatte , weil die Deutschen in der Sphäre , wo sie lebte , noch nicht jene Weichheit und graziöse Zurückhaltung besitzen , die in Frankreich bei den Arbeitern schon die Folge der großen gesellschaftlichen Umwälzungen geworden ist . Liebe Franziska , wie darf ich ... Lesen Sie ! sagte Franziska entschieden . Als Louis zögernd gelesen hatte , sagte er : Sie lehnen den ferneren Unterricht dankbar ab . Ihre Zeit , Ihre geringen Talente , sagen Sie , verhinderten Sie daran ... Drinnen hustete es jetzt so stark , daß Franziska hätte aufspringen mögen und sagen : Das ist ja Herr Sylvester ! Wenn Sie der Sprache meines Landes die Ehre anthun wollen , sagte Louis lächelnd , sie zu erlernen , so würd ' ich mich gern zur Fortsetzung des Unterrichts erbieten ; allein Sie haben Ursache , den jungen Sergeanten , der Sie auf einem nächtlichen Balle kennen lernte , zu schonen ... In diesen ruhig gesprochenen Worten lag doch eine Bitterkeit , die Franziska so verwundete , daß sie hätte aufschreien mögen . Mit Leidenschaft für sich das Wort zu ergreifen , war sie aber nicht im Stande . So blieb ihr nichts übrig , als zu weinen . Sie verkennen mich ! sagte sie mit erstickter Stimme . Louis sah zur Erde nieder . Aufzuspringen , sie zu umarmen , ihr zu Füßen zu fallen , wagte er nicht . Was konnte er ihr bieten ? Eine Trennung von der Heimat . Ein ungewisses Loos auf fremdem Boden , wo sie allen neuen Lebensbedingungen vielleicht erlegen wäre ? Ihn selber band es an Egon ' s künftigen Lebenslauf . Wußte er , wohin ihn dieser noch einst führen konnte ! Er traute auch seiner Theilnahme für das junge Mädchen nicht . War es Liebe , war es Mitgefühl für ihr Wesen , das er bisher so still und sittsam erkannt hatte ? Er gehörte , das hatte er oft schon hören müssen , zu jenen , jetzt so vielfach anzutreffenden Menschen , die in der Reflexion heimischer sind als in der Welt der That . Jede Sphäre , auch die unterste , hat ihre Hamlet ' s aufzuweisen und die französische Nation hat sich seit dreißig Jahren völlig verändert . Da Louis nichts that , die peinliche Situation zu erleichtern , so fühlte sich Franziska sittlich gezwungen und durch die Wahrheit ermuntert , für sich das Wort zu ergreifen . Sie erzählte ihm denn in der Kürze so viel , als nöthig war , um die Veranlassung , die sie auf einen der berüchtigten Fortunabälle geführt hatte , in einem für ihre Moralität günstigeren Lichte erscheinen zu lassen . Sie konnte die ganze Wahrheit nicht sagen , daran verhinderte sie die Rücksicht auf Louise Eisold . Aber auch die Umstände , die sie erwähnen zu dürfen glaubte , reichten hin , in Louis jeden Verdacht niederzuschlagen . Er reichte ihr in freudiger Bewegung seine Hand und bat sie um Verzeihung . Warum sind Sie aber nur so streng gegen mich ? sagte sie lächelnd , als er die Hand in der seinen hielt . Louis konnte der Liebenswürdigkeit dieses Blickes , dieser Frage , dieses Lächelns nicht widerstehen . Ohne sich jedoch fortreißen , von seiner aufwallenden Leidenschaft bewältigen zu lassen , nahm er Fränzchen ' s Hand , streifte den Ärmel ihres Kleides etwas zurück und drückte einen innigen Kuß auf die Stelle , die der Handschuh dort frei ließ . Fränzchen wurde es dabei so wunderlich , so selig war ihr zu Muthe , daß sie nun nicht anders als laut lachen konnte . Es war die herzlichste , innigste Freude , die in ihrer Brust überwallte , und wenn sie nicht eine so hohe Verehrung vor Louis Armand und so ängstliche Begriffe von Schicklichkeit gehabt hätte , Das mußte sie sich sagen ... eigentlich hätte sie den pedantischen jungen Mann nehmen , sein krauses Haar ihm von der Stirn wegstreichen und diese edle weiße Stirn küssen mögen . Natürlich geschah Das nicht und auch der selbstquälerische Louis bekämpfte sich und legte auf seine Empfindung die Dämpfer seiner eigenthümlichen , melancholischen und krankhaften Lebensauffassung , die er mit einer ganzen Schicht unserer arbeitenden Stände von jetzt gemein hat ... Wie Louis Armand gibt es in allen großen Werkstätten , wo mehr als ein Dutzend Arbeiter zusammen wirken , gewiß immer einen unter ihnen , der eine Art Propheten abgibt . Einer von ihnen trinkt nicht , zankt nicht , spielt nicht , tanzt nicht , sondern liest und schreibt sogar , dichtet oder singt , wird zuweilen ausgelacht , meist aber geliebt und bewundert . Er ist sozusagen der Traumdeuter der Werkstatt , der Hohepriester und Schriftgelehrte , dessen Traumauslegungen aber noch träumerischer sind als die Träume der Andern . In jeder großen Werkstatt gibt es einen Rabulisten , einen Possenreißer und einen Philosophen . Ihr Onkel , sagte der selbstquälerische , zurückhaltende Armand , ist recht unglücklich , daß Sie den jungen Sergeanten foltern , liebe Franchette ! Er sagte dem Prinzen , daß dieser junge Krieger der Sohn eines reichen Landmanns ist . Ich fand ihn fein und artig . Auch sein Spiel auf der Flöte verrieth mir , daß er ein Herz hat . Und Liebe ! Liebe , die sich auch bewährt in der Demüthigung , daß man sie nicht erhört ! Die Welt ist sehr arm an solcher Liebe , die nicht liebt , um wieder geliebt zu werden , liebe Franchette ! Ich mag ihn nicht ! war Fränzchen ' s ganze kurze , runde deutsche Antwort . Sie verstand die eigenthümliche leidende und entsagende moderne Philosophie ihres Gönners nicht . Er ist reich - fuhr Dieser , wie ein Stoiker , fort . Wenn auch ! Der Onkel will eine Beruhigung für sein Alter . Er freut sich darauf , irgendwo gut aufgenommen und