auch um ihretwillen weh . Wäre er seiner ersten Eingebung gefolgt , so würde er das Anerbieten von sich gewiesen haben , aber die flüchtigste Ueberlegung ließ ihn erkennen , daß ein Zeugniß gegen die Baronin , gegen die Frau , die seines Vaters Gattin gewesen war und seines Hauses Namen trug , nicht in fremden Händen bleiben dürfe ; und sich überwindend , sagte er so ruhig , als er es vermochte , daß er es seinem Onkel natürlich nur Dank wissen könne , wenn er ihm den Brief abtreten wolle . Der Graf holte ihn also sofort herbei . Der Zufall spielt oft wunderbar , meinte er . Ein Italiener , der uns hier zur Zeit des russischen Feldzuges im Hause erkrankte und am Typhus starb , hatte das Blatt an Vittoria in seiner Brieftasche . Die Weißenbach , welche des Kranken gewartet und dann später sein Hab und Gut an sich genommen hat , brachte mir das Schreiben . Es war in der That nur ein einzelnes Blatt , wie man es aus einer Schreibtafel herausreißt , los zusammengelegt , mit Bleistift geschrieben , die Buchstaben und die Zeilen unregelmäßig ; man mußte annehmen , daß ein Kranker , ein Sterbender sie hingeworfen hatte . Die Aufschrift aber war von einer anderen Hand . Sie trug in festen , sichern Lettern Vittoria ' s Namen mit genauer Angabe ihres Wohnortes und der Stadt , in deren Nähe Schloß Richten gelegen war . Ohne den Neffen anzusehen - und diese Rücksicht wußte Renatus sehr zu würdigen - reichte er ihm über die Schulter hin das Blatt . Wer weiß , wie Du es einmal brauchen kannst , Deine Stiefmutter im Zaume zu halten , sagte er . Ich habe , wie ich Dir bekennen will , durch die bloße Andeutung , daß ich von dem Dasein eines solchen Briefes wisse , Ruhe und Frieden in Richten geschafft , und die Gräfin und Hildegard haben mich seitdem für einen großen Psychologen , ja , für einen halben Zauberer angesehen . Du wirst viel zu schlichten und zu schaffen finden , denn auch der Junge ist ein wahrer Satan , aber vielleicht auch ein Genie , und wenn Du etwa von dem Briefe einmal Gebrauch zu machen denkst .... Das werde ich niemals ! fiel Renatus ihm in die Rede . Hüte Dich , mein Lieber ; man soll so etwas nicht sagen ! meinte der Graf . Das Leben nimmt uns oft sonderbar beim Worte ! Es entstand eine Pause ; Renatus schickte sich zum Fortgehen an . Der Graf fragte ihn , wann er nach Hause zu reisen denke , und er entgegnete , daß er schon morgen aufbrechen möchte , daß er jedoch erst noch einmal zu Tremann gehen und seine Papiere an sich nehmen müsse . Der Graf hingegen meinte , daß Renatus deßhalb ja nicht noch einmal mit Tremann zusammen zu kommen brauche , sondern daß diese Sache sich auch schriftlich abthun lasse ; und nach kurzem Hin- und Widerreden kamen sie überein , daß der Graf gleich jetzt zwei Zeilen an Tremann schreiben solle , um dem Neffen ein neues unwillkommenes Begegnen zu ersparen . Der Graf , der es unter der Franzosenherrschaft wohl gelernt hatte , rasch und gewandt mit der Feder umzugehen , setzte sich sofort an seinen Schreibtisch nieder . Warte , sagte er , dabei kann ich ihm gleich auf seinen ritterlichen Brief von diesem Morgen die ihm gebührende Antwort vergönnen . Als er geendet hatte , bot er seinem Neffen das Billet zur Ansicht dar . Es lautete : » Mein Neffe , der Freiherr Renatus von Arten-Richten , welchen der Wunsch , seine Heimath und seine Braut baldmöglichst wiederzusehen , zu beschleunigter Abreise veranlaßt , hat mich beauftragt , die sämmtlichen in Ihrem Gewahrsam befindlichen , ihm zustehenden Papiere und Dokumente von Ihnen zurückzufordern . Ich ersuche Sie also , mir dieselben gegen einen von dem Freiherrn unterzeichneten Empfangsschein zustellen zu lassen . Bei dieser Gelegenheit bemerke ich zugleich auf Ihr Schreiben von heute früh , daß es mir gegen die Ehre und gegen die sittliche Pflicht eines jeden Mannes zu verstoßen scheint , entwendete Papiere käuflich an sich zu bringen , daß es aber fern von mir ist , Sie deßhalb zu einer Rechenschaft zu ziehen , da jene mir entwendeten Briefschaften völlig werthlos für mich sind . « Der Graf sah , daß die letzten Zeilen dieses Briefes nicht nach dem Sinne seines Neffen waren , aber er wußte dem Ausdrucke dieses Mißfallens vorzubeugen . Man muß diesen Herren doch gute Sitten lehren , sagte er spöttisch , und ihnen zeigen , wie ein Cavalier mit Ihresgleichen umzugehen hat . Sie möchten sich am liebsten auch in der Gesellschaft in Reihe und Glied mit Unsereinem stellen , weil sie einmal im Felde neben uns gestanden haben . Aber die Tage folgen einander und gleichen einander nicht ! wie die Franzosen richtig sagen . Er ersuchte Renatus darauf , ihm den Empfangsschein , dessen er für Tremann benöthigt war , zu schreiben . Sie verabredeten , daß sie am nächsten Tage noch zusammen speisen wollten , und Renatus , der von der Menge der verschiedensten Eindrücke aufgeregt war , trug jetzt selbst ein Verlangen , nach Richten zu kommen , um seine Zustände und Verhältnisse einmal durch eigene Anschauung und Erfahrung zu prüfen und wo möglich zu einem Abschlusse zu bringen , der es ihm vergönnte , sich in Ruhe auf sich selber zu besinnen . Viertes Buch Erstes Capitel » Die Tage folgen einander und gleichen einander nicht ! « wiederholte sich der Freiherr , als er in seiner Reisekalesche einsam durch die tief verschneiten Haiden gen Osten nach seiner Heimath fuhr . Er empfand das jetzt noch lebhafter , als es sich ihm bei seiner Reise durch Deutschland dargestellt hatte . Gerade sechs Jahre waren es her , seit er mit dem preußischen Contingente , am Ausgange des Winters , denselben Weg gegangen war ;