die sie Milch gießen . Nur zu diesem Bedarf werden die Kühe abgemolken ... Abgemistet wurde schon lange kein Stück Vieh mehr ! ergänzte die wirthschaftskundige Tante . Alles verdarb ! Sie zogen ein gefallenes Thier aus dem Stalle und ließen es einfach vorm Hofe liegen . Die Nachbarschaft machte dann dem Lärm der Hunde ein Ende , die sich um das Aas stritten . Nie brauchten sie noch Licht oder Oel ; im Winter sitzen sie um den Feuerherd , den sie mit ganzen Bäumen heizen , die sie an ihrem Wall fällen , ins Haus hereinziehen , auf den Herd legen und nun langsam abschwehlen lassen . Oft liegt das eine Ende vom halbbelaubten Baume noch draußen im Freien , vom Schnee überschüttet . Als sie in ihrer Kleidung so weit verfielen , daß sie die Lumpen mit Stroh umbanden , um sie vor dem Herabfallen zu schützen , legten sich die Nachbarn drein . Sie fanden zwei halb schon zu Kindern gewordene Menschen , die in innigster Uebereinstimmung mit sich selbst an ihrem Wahn festhielten , daß die Welt kein Vertrauen mehr verdiene und nichts überflüssiger wäre als die Religion . Man zwang ihnen dann Beistand auf , eine Aufsicht , die dann und wann den Schmutz aus ihrer verfallenen Wohnung entfernt . Der Alte sitzt und raucht aus einer Hollunderpfeife , deren Spitze und Rohr und Abguß und Kopf er sich selbst geschnitzt hat und die immer kleiner wird , weil die paar Zähne , die er hat , sie nach und nach fast ganz » aufmümmeln « . Taback ist sein einziger Luxus . Geld kennen sie nicht . Wer ihnen etwas liefert , Brot , das sie nicht mehr backen , Bohnen , die sie nicht mehr säen , den verweisen sie auf das , was ringsum auf ihrem Eigenthum noch wild wächst . Aber an dem Langelütje kam dann freilich alles heraus . Er sitzt im Jesuiten-Profeßhaus der Residenz des Kirchenfürsten . Wohl kamen bessere Geistliche , aber die alten Leute wiesen jeden ab , der sie auf ihrem verfallenen Hofe besuchte . Sie flüchteten zuletzt zur Kuh in den Stall , bis selbst unser Herr Norbert Müllenhoff müde wurde , auf dem brennenden Baumstamm am Herde zu sitzen und ihnen zu predigen ... So fand Hedemann seine Aeltern , als er im Herbste hier war . Natürlich hatte er dann Zank mit dem Landrath . Wie ' s jetzt mit den alten Leuten aussieht , weiß ich nicht ... Die Leute leben im Kirchenbann . Wäre Monika zugegen gewesen , ihr flammendes Wahrheitsgefühl hätte ohne Zweifel ausgerufen : Gerade aus Liebe zur Religion , gerade aus Verehrung vor der größten Frage der Menschheit geschah dieser Abfall von ihren äußeren Formen ! ... Und auch in Püttmeyer schürte der Wein und sein vor Jahren tiefgekränkter Denkerstolz den Ausbruch ähnlicher Empfindungen ... In Thiebold wirkte Benno ' s Urtheil nach , der bei Erzählung dieser Verhältnisse gesagt hatte : Jetzt versteh ' ich , Hedemann , warum Sie die Bibel lieber lesen , als das Brevier ... Armgart aber rief von ihrem Standpunkte : Ja , so muß man die Welt verachten können ! Was hilft es , die schlechten Menschen anklagen ? Aergern man muß sie und beschämen ! Beschämen durch unser Unglück , das man sie zwingt mit anzusehen ! Ich gehe doch noch in Witoborn zum Bischof und bitte ihn , von diesen so großen , so echt frommen , so unübertrefflich vornehmen Menschen den allerdings nur zu gerechten Bann zu nehmen ! Man schwieg jetzt ... Es war das Mahl vorüber ... Auch wurde die Tante von einem Anliegen des Dieners in Anspruch genommen ... Der Diener flüsterte ihr etwas in plattdeutscher Sprache ... Er brachte das Gesuch des alten Kirchendieners Tübbicke , der draußen harrte ... Die Tante erröthete ... aber » Herr , sprich nur ein Wort und meine kranke Seele wird gesund ! « sagte der Blick , den sie auf Paula richtete ... Diese bemerkte den Ausdruck eines der ihr schon bekannten Anliegen ... Sie hörte das Leid des Alten , der um Hülfe für sein Enkelchen bat ... Paula erhob sich ... Ihre Hand zitterte ... die blauen Augen wurden tiefdunkel ... Aus den Falten ihres weiten schwarzseidenen Kleides nahm sie einen kleinen Rosenkranz von einfachen bunten Steinkügelchen , betete einen Augenblick leise , während alle ihrem Beispiel folgten , küßte das Amulet und reichte es hin ... Armgart ergriff es in leidenschaftlichster Erregung und stürzte damit hinaus ... Die Tante nahm Püttmeyer ' s Arm , um sich von ihm in das grüne Wohnzimmer führen zu lassen ... Sie sah im Gehen auf die Uhr ... Es war schon gegen vier ... Dunkel war es geworden und der Diener sagte , daß auch der Wagen schon bereit stünde für Eschede . Thiebold hatte Paula geführt ... Eine drückend feierliche Stimmung umspann die kleine Gesellschaft , eine Stimmung , die sich mehrte durch Armgart ' s Zurückkunft ... ... Der Alte war zu glücklich ! rief sie . Das Kind wird genesen ! Paula war weiß geworden wie eine Wachskerze ... Sie riß sich los . Sie hatte Thränen im Auge und verschwand ... Gern wäre Armgart ihr nachgestürzt , aber die Tante befahl , daß sie blieb . Auch kam der Kaffee , den sie in silberner Maschine zu machen und zu credenzen hatte . Die Tante sank in einen der ringsum stehenden grünseidenen Fauteuils ... Ihr » Nick-Viertelstündchen « kam ... Und Püttmeyer sollte nun so , unter solchen wunderbaren Eindrücken , seinen ganzen Menschen zurücklassen ? Er verzweifelte fast ... Doch mußte er nach Eschede ... Der Weg war zu weit und auch dort wohnten Seelen , die er nicht ängstigen durfte ! Mochte er auch von diesen nach allem , was er heute hier erlebt , fühlen wie Armgart , als sie im letzten Herbst im Nachen zu Angelika gesagt hatte : Eine derselben würde als geflügelte Kaffeekanne dem Fegfeuer zufliegen