ins Feuer ! ” Die Hand wurde ihr geschüttelt , daß sie ihr weh that . Die Thür schlug ins Schloß , und draußen verklangen Martin Greffingers kräftige Schritte , mit denen er in die Verbannung ging . Agathe hielt das Bündel verbotener Bücher in den Händen und blickte beklommen auf sie nieder . Dokumente einer Welt , aus der große , geheimnisvolle Stimmen zu ihr herübertönten — von Schicksalen redend , welche die Alltäglichkeit überragten — aus einer Welt , in der man mit so stolzem frohen Lachen Vaterland , Freunde , die sanfte , bequeme Gewohnheit ließ und Verachtung und Gefahr auf sich nahm . . . . Aus einer Welt , in der Frauen , die ihr täglich Brot verdienen mußten , allstündlich sich dem Hunger oder dem Gefängnis preisgaben , um den Genossen und der heiligen Sache zu dienen . Wo geschah solches in ihrer — in der guten Gesellschaft ? Wer war dessen fähig von allen — allen , die sie kannte ? Wie kam das Feuer über diese Menschen ? Auf welche Weise wurden sie ergriffen ? Wie mußte es sein , so thatbereit , so opferglücklich dazustehen und sich selbst zu geben in schauernder Lust — sich selbst in einen ungeheuren furchtbaren Kampf zu werfen , dessen dumpfes Toben sie plötzlich um sich her ahnte . Sie mußte davon erfahren — wissen — empfinden — alles , was sie erfassen konnte — was in dem Bereich ihrer Hände war . . . . Das Paket öffnen — sehen — sehen . . . . Unter diesem braunen Papier glühte eine Offenbarung . Martin — der war stark und freudig — der war gerettet ! Gab es hier Erlösung von der Gewalt , die heimlich an ihr sog und sog , daß das Blut ihr blaß und krank wurde , daß die Sehnen ihr erschlafften und die Nerven in schmerzlichem Zucken vibrierten , daß alles klare Denken in ihr zu einem dumpfen , fieberhaften , quälerischen Träumen wurde — ? Der Wunsch überwältigte sie bis zur Atemlosigkeit , ähnlich jenem , der sie einst als Kind heimlich in der Nacht zur Leiche der Mitschülerin getrieben hatte . Wenn nur jetzt niemand sie störte — faßte es nicht wieder draußen an die Klingel . . . . Eugenie ? Nein — es ging vorüber . Gott sei Dank ! Wie unsinnig , Gott zu danken für etwas , das doch unrecht war . . . . Aber so froh ist sie lange nicht gewesen , als nun , da die Hefte und die losen Blätter im Schein der schnell entzündeten Lampe vor ihr liegen : Schwarze Hefte mit roter Schrift — rote mit schwarzen Buchstaben und seltsamen Sinnbildern geschmückt : eine Hand , die eine Fackel schwingt , ein Weib mit einer Freiheitsmütze und einem bloßen Schwert , ihr zu Füßen zerbrochene Kronen , gestürzte Kreuze , — ein Thron , durch dessen klaffende Fugen Schlangen und Würmer kriechen . Sie las im Stehen . Verse . . . . Gott — solche Dichter hatten die . . . . . ? Ja , ja — tausendmal ja ! Das war schön — wild , herrlich ! — Und wenn sie morgen , statt nach Bornau zu reisen , Martin in die Schweiz folgte ? — Ihr Vater bekam einen Brief : seine Tochter habe sich entschlossen , Sozialdemokratin zu werden und “ der Sache ” ihre Dienste zu widmen . Martin würde sie freudig als Genossin empfangen . Das war sicher . — Keine Liebe zwischen ihnen . Zwei Unglückliche , die dem Volke ihre gebrochenen Herzen weihten . Elend zu Elend . Das gehörte zusammen ! Lutz würde dann wissen , was er verloren — sie suchen und niemals finden . . . . Vielleicht im Zuchthaus . . . . Vielleicht auf dem Schaffot . Dahin würde es kommen , Walter sagte es ja immer . Der Bruder zu ihrer Exekution beordert . Sie — ruhig , lächelnd , ohne Thränen . Gott ! mein Gott ! — Aber sie konnte so stehend nicht weiter lesen . Der Rücken that ihr zu weh . Die Arme waren ihr wie gelähmt vom Hantieren mit den schweren Wäschestücken — zwölf Tischtücher waren es allein gewesen . Die Mädchen würden noch lange nicht wiederkommen , sie hatten drei Körbe mit , und außerdem fanden sie auf der Rolle immer Freundinnen , mit denen sie endlos schwatzten . Das kleine Vergnügen war ihnen zu gönnen . Dorte und Luise erschienen ihr plötzlich wie von einer heiligen Würde umleuchtet — sie waren geplagte Proletarierinnen . Agathe legte sich behaglich auf die Chaiselongue und zog die Lampe näher . Da stand noch der Rest von dem Wein , den sie sich vorhin eingeschenkt hatte , und kleine Kuchen lagen auf einem Tellerchen . Sie war brennend durstig und aß und trank , während sie las und las — von dem Elend und dem Hunger und der Not des Volkes und ihrem Haß und dem Ringen nach Befreiung . Die Leidenschaft , die aus den Blättern sprühte , stieg ihr zu Kopf und jagte ihr das matte Blut durch die Adern . Einmal schrak sie jäh zusammen — sie glaubte , es überraschte sie jemand . Die Mädchen kamen keuchend zurück , sie trieften vor Nässe , denn es regnete stark . Küchen-Dorte ging brummend in ihre Kammer . Aber Wiesing huschte noch einmal hinaus ins Dunkel , wo einer wartend in der Nähe der Hausthür stand und heftige Küsse das feuchte Mädchen wärmten . Agathe faßte die Hefte und nahm die Lampe , um das ihr anvertraute Gut in ihrem Zimmer zu verbergen . Sie kam an dem großen Stehspiegel vorüber . Wie sie aussah . . . . Sie stand still und hob die Lampe empor . Das Haar hatte sie zerwühlt , es hing ihr in losem , dicken Gelock um das heiße Gesicht , die Wangen schienen wie von der Sonne durchglüht , und ihre