mir nicht sagen sollen , Franziska ! “ sagte er ruhig , „ und Sie brauchen mir auch meine Erfolge nicht vorzuwerfen , ich habe es mir gleichfalls ‚ sauer genug im Leben werden lassen . ‘ Sie wissen , daß mich die zweite Ehe meines Vaters aus dem Hause trieb . Er fand in der neuen Gattin nicht das gehoffte Glück , und ich nicht die Mutter in ihr , auch unser geringes Vermögen ging dabei zu Grunde ; als die Eltern starben , da mußte ich mit meinen ersten mühsam erworbenen Ersparnissen die verwaiste kleine Schwester erhalten . Die Welt freilich sieht nur den Emporkömmling , sieht nur die Höhe , auf welcher der ehemalige Förstersohn steht ; die zwanzig Jahre , die dazwischen liegen , Jahre voll Sorge und Arbeit , voll endlosen Mühens und rastlosen Ringens , die sieht sie nicht . Mir hat das Glück wahrlich nichts mühelos in den Schooß geworfen , Schritt für Schritt habe ich mir meinen Weg zu Besitz und Reichthum erkämpfen müssen , ein halbes Menschenalter habe ich dazu gebraucht – wollen Sie es mir verargen , wenn ich da gern wieder an die Kinderzeit anknüpfe ? Aber es scheint , ich darf bei Ihnen diesen Punkt nicht berühren . Sie fliehen ihn ja förmlich . “ Franziska neigte etwas betroffen den Kopf . „ Sie haben Recht , Herr Günther , aber – “ „ ‚ Herr Günther ! ‘ Das heißt mit anderen Worten , ich soll gleichfalls auf das vertrauliche ‚ Franziska ‘ und damit auch auf die Jugenderinnerungen verzichten ? “ „ Ich glaube , es ist besser , wir thun das beiderseitig ! “ sagte Franziska wie beklommen , indem sie rasch an ’ s Fenster trat und angelegentlich in den Garten hinausblickte . Ohne ein Wort zu sagen , wendete sich Günther zu seinem Platze zurück und nahm die Zeitungen wieder auf , in denen er vorhin gelesen . Es lag eine Wolke auf seiner Stirn , obgleich die ruhigen Züge sich nicht veränderten ; zum Glück machte Luciens Eintritt dem nun folgenden unbehaglichen Schweigen ein Ende . Sie kam , noch ganz erhitzt vom Spiel mit den Kindern , warf mit ihrem ganzen früheren Ungestüm den Hut auf den Tisch , sich selber in einen Lehnstuhl , und vergrub den Kopf tief in die Polster desselben . „ Nun , hast Du endlich ausgetollt ? “ fragte Bernhard , von seiner Zeitung aufsehend , dabei aber glitt ein forschender Blick über das Gesicht des jungen Mädchens . „ O , ich that es nur den Kindern zu Gefallen ! “ – in Luciens Stimme lag etwas wie tiefe Müdigkeit , „ und überdies wußte ich , daß Du hier eine wichtige Conferenz mit Fräulein Reich hieltest , bei der ich wahrscheinlich doch nicht geduldet worden wäre . “ „ Möglich , da Du der alleinige Gegenstand der Conferenz warst . “ „ Ich ? “ „ Aber Herr Günther ! “ unterbrach ihn Franziska , indem sie ihren Platz am Fenster aufgab und sich gleichfalls dem Tische näherte . „ Ich sehe nicht ein , Fräulein Reich , “ er legte einen unmerklichen , aber ihr doch verständlichen Nachdruck auf die Anrede , „ weshalb wir uns noch länger mit Vermuthungen und Befürchtungen [ 106 ] abgeben wollen , da wir in Lucie doch jedenfalls die rechte Quelle vor uns haben . Mag sie immerhin eigensinnig sein , eine Unwahrheit ist noch nie über ihre Lippen gekommen , und zur Lüge halte ich sie unter keinen Umständen fähig . Komm zu mir , Lucie ! “ Die Augen des jungen Mädchens gingen verwundert und etwas mißtrauisch von der Erzieherin zum Bruder hinüber , aber sie folgte sofort dessen Aufforderung und kam an seine Seite . „ Hast Du seit jenem Abende bei Baron Brankow den Grafen Rhaneck gesprochen ? “ [ 117 ] Bernhard überstürzte Lucie ganz plötzlich und ohne alle Vorbereitung mit der Frage . Lucie erröthete tief und glühend , aber der Bruder hatte Recht , sie war zu einer Lüge nicht fähig . „ Nur einmal , am Tage darauf ! “ sagte sie leise . „ An jenem Tage also , wo Du allein im Walde warst ? “ Günther schickte einen bedeutsamen Blick zu Franziska hinüber , die sich ärgerlich abwandte , denn Luciens Benehmen stimmte freilich verzweifelt wenig zu ihrer Behauptung , der Graf sei dem jungen Mädchen gleichgültig . „ Hat er Dir wieder von Liebe gesprochen ? “ fuhr Bernhard fort . „ Nein ! “ Es war augenscheinlich , daß das Examen Lucie bereits zu peinigen begann und daß sie es nicht lange aushalten werde . „ Wir sprachen überhaupt nur wenige Worte zusammen . Er bot mir seine Begleitung an . “ „ Die Du annahmst ? “ Die Gluth floß noch heißer als vorhin über Luciens Wangen . „ Ich bin nicht mit ihm gegangen ! “ sagte sie kurz mit fliegendem Athem , „ er blieb auf der Bergwiese zurück – und nun , Bernhard , frage mich nichts mehr , Du siehst , Dein Verbot ist befolgt worden , ich antworte jetzt keine Silbe mehr ! “ Sie preßte trotzig die Lippen zusammen , Bernhard sah wohl , daß ihr kein Wort mehr zu entreißen war , und er kannte seine eigensinnige Schwester zu gut , um hier Strenge anzuwenden . „ Es ist gut ! “ sagte er ernst . „ Mir genügt es , daß der Graf Dich nicht begleitete und daß Du ihn seitdem nicht wieder gesprochen hast . Letzteres ist doch nicht der Fall gewesen ? “ „ Nein ! “ „ Nun höre einer das Kind an ! “ sagte Franziska mit unverhehltem Erstaunen . „ Wie kommen Sie auf einmal zu diesem energischen Nein , Lucie ? Man glaubt Ihren Bruder zu hören ! “ Das junge Mädchen wandte sich ab , aber die eben noch so energisch zusammengepreßten Lippen bebten leise , es