überhaupt einen derartigen Brief gar nicht beantwortet . « » Es ist der Mann , der Vaterstelle bei mir vertreten hat , « sagte Siegbert ernst . » Er meinte es ja gut in seiner Weise und er ahnte nicht , wie unglücklich mich seine Güte machte . « » Meinetwegen ! « grollte Bertold . » Wenn du diese Familienumarmung über dich ergehen lassen willst , so ist es deine Sache . Wenigstens ist jetzt keine Gefahr mehr , daß du dich nach Wiesenheim zurückschleppen läßt , zumal deine Stelle dort glänzend ersetzt ist . Der Herr Bürgermeister muß nun einmal Flammenhüter bei irgendeinem verborgenen Genius sein , der vorläufig erst Funken schlägt , und , da ihm der Maler durchgegangen ist , so hat er sich jetzt mit Haut und Haaren der Poesie ergeben . « Siegbert lachte . » Ich hoffe , das geschieht zur allseitigen Zufriedenheit . Ellbach ist gerade der rechte Mann für Fränzchen und für ihre Eltern . Dies Leben der Abhängigkeit und Untätigkeit , das für mich zur Hölle wurde , war von jeher das Ziel seines Strebens . « » So scheint es , aber jedenfalls versteht es dieser Genius besser , ihnen zu imponieren als du , den sie fast zu Tode malträtierten . Er läßt seine Schwiegereltern die Reisetaschen tragen und erzählt ihnen dafür alle Tage von seiner Unsterblichkeit und seinem künftigen Weltruhm . Sie glauben das natürlich felsenfest und sehen andächtig zu , wie » Edwin « den Eingebungen seiner Muse lauscht . Weiter tut er nämlich gar nichts , jede andere Beschäftigung hält er tief unter seiner Würde , aber das Lauschen bekommt ihm vortrefflich , er sieht sehr wohlgenährt dabei aus . – Doch nun genug von diesen Wiesenheimern , wir haben wichtigere Dinge zu besprechen . Dein » Kampf mit dem Adler « ist also von der Galerie angekauft ? « » Ja , und man erweist dem Bilde eine Rücksicht , die mich mit Stolz und Freude erfüllt . Es wird den Ehrenplatz unmittelbar neben Ihrer » Julia « erhalten . « » Und da wird die aufsteigende Sonne das niedergehende Gestirn verdunkeln . « » Herr Professor ! « unterbrach ihn Siegbert mit heftiger Abwehr . » Nun , ereifere dich nur nicht , « sagte Bertold , » das ist einmal der Lauf der Welt . Ich habe auch meine Zeit des Aufganges gehabt und schließlich ist es doch meine Kunst , die in meinem Schüler triumphiert . Ein rechter Meister ist stolz darauf , wenn sein Schüler ihn überflügelt . Ich freue mich von ganzem Herzen , daß eine junge , eine echte Kraft die Erbschaft antritt , die ich sonst verwaist zurücklassen müßte , denn unter all den anderen ist kein einziger , der sie übernehmen könnte , und ich gönne sie keinem lieber als dir . Darum eben konnte ich es nicht ertragen , daß du mir verloren gehen solltest , darum riß ich dich gewaltsam empor . « Der Schüler reichte seinem alten Meister wortlos die Hand . Es war ein stummer , inniger Druck , aber er sprach mehr Dank aus , als Worte es vermocht hätten . » Was meinst du , Siegbert ? « fragte der Professor , urplötzlich wieder zu seinem gewohnten Humor zurückkehrend . » Es war doch gut , daß ich dich damals nicht in die Ache springen ließ . Du hattest im vollen Ernste Lust dazu . « Siegbert senkte beschämt die Augen . » Sie wissen nicht in welcher Verzweiflung ich damals war . Seitdem habe ich es mir gelobt , nie wieder kleinmütig an mir selbst zu verzagen . « » Das sollte dir auch schwer werden nach diesem großartigen Erfolge . Dein Bild hat ja einen förmlichen Triumphzug durch ganz Deutschland gehalten . Ist es denn noch hier in deinem Atelier ? « » Nur noch für heute , morgen soll es der Galerie übergeben werden . Ich bin froh , es noch einmal ungestört für mich allein zu besitzen , – es wurzelt ein Stück meines Lebens darin ! « Er schlug einen Vorhang zurück , der eine kleinere Abteilung des Ateliers von dem großen Haupträume trennte . Auch der Professor erhob sich , und die beiden Herren traten vor das Bild , das dort in voller Beleuchtung stand . Die lebensgroßen Gestalten schienen aus dem Rahmen hervorzutreten , und die tief gesättigten , harmonisch leuchtenden Farben brachten das Gemälde zur vollsten und glänzendsten Wirkung . Es war eine Szene wilden Kampfes , die der Künstler hier auf die Leinwand festgebannt hatte , jeder Zug an dem Bilde atmete stürmische Bewegung , aber auch zugleich erschütternde Lebenswahrheit . Im Hintergrunde ragte die Helswand auf , nackt und schroff ansteigend , nur an einzelnen Stellen von Moos und Gestrüpp umwuchert . Zur Rechten fiel der Fels jäh ab in die bläulich dämmernde Tiefe , zur Linken starrte das zackige Gestein empor , in dem sich der Horst erhob . Die ganze Macht und Wucht der Darstellung aber war auf die beiden Gestalten im Vordergrunde gelegt – den Adler , der sein Junges verteidigte , und den Mann , der mit der letzten Kraft der Verzweiflung um sein Leben kämpfte . Die Bewegung des wild gereizten Tieres , das mit ausgebreiteten Flügeln , Schnabel und Klauen zum Stoße gehoben , auf den Feind eindrang , war meisterhaft wiedergegeben . Und unter dem Adler , von seinem Stoß zu Boden geworfen und dicht an den Rand des Abgrundes gedrängt , lag der Tollkühne , der es gewagt hatte , den Horst zu ersteigen . Der rechte Arm , dem das Messer entfallen war , hob sich noch mit geballter Faust zur Abwehr , der linke versuchte sich an dem Gestein festzuklammern , das dem Stürzenden keinen Halt mehr gewährte , – der Mann war verloren , das sah man ! Auf den sonnverbrannten Zügen lag eine fahle Blässe , aber selbst jetzt auf der Schwelle zwischen Leben und Tob , zeigte