. « Grimani verbeugte sich , trat an den Arbeitstisch des Geheimsekretärs Priolo , der in seiner Fensternische ruhig weitergeschrieben hatte , warf ein paar Worte auf ein Papier und bat den jungen Mann den Befehl in das Staatsgefängnis zu bringen . Herzog Rohan fügte bei , sein Adjutant Wertmüller möge den Schreiber begleiten . Jetzt heftete Grimani seine ruhigen , dunkeln Augen auf den Herzog und fragte plötzlich , ob er ihm nicht die Gunst gewähren könne , die Unterredung noch eine kurze Zeit ohne Zeugen fortzusetzen . Rohan wandte sich zu Herrn Waser und sagte lächelnd : » Gerade wollt ich Euch bitten , die Herzogin über das Los des Hauptmanns Jenatsch , an welchem sie mitleidigen Anteil nimmt , an meiner Statt vorläufig zu beruhigen . « Geschmeichelt durch dies Wohlwollen und erfreut der Überbringer einer guten Botschaft zu sein , beurlaubte sich der Zürcher und folgte einem Pagen , der ihn der ungeduldig harrenden hohen Frau zuführte . » Betrachtet , edler Herzog , es als ein Zeichen meiner besondern Ergebenheit « , begann der Venezianer , » wenn ich ganz gegen meine Gewohnheit mich nicht scheue aufdringlich zu sein und den Vorwurf unzarten Eingreifens in fremde Verhältnisse mir zuziehe . Abgesehen von unsern gemeinsamen politischen Interessen bin ich überzeugt , daß Ihr meine hohe Verehrung für Euren Charakter genugsam kennt , um sie als einzige Triebfeder und als Entschuldigung dieses außerordentlichen Schrittes gelten zu lassen . Für Euch wollte ich diesen Mann unschädlich machen . Ich kenne seine Vergangenheit . In Bünden , wo ich vor Jahren die Interessen meiner Republik als Gesandter wahrnahm , habe ich ihn an der Spitze rasender Volkshaufen gesehen und seine Herrschaft über die tobenden Massen hat mich entsetzt . Mein erlauchter Freund erlaube mir , einen Blick auf das Werdende zu richten . Denselben Blick , den ich wider Willen auf die sich vollziehenden Geschicke unsrer Republik wende und der mir in unsern Räten den trübseligen Namen Cassandro zugezogen hat . Und nach Verdienst : denn mir ist wehe dabei , und mir wird nicht geglaubt ! – Nicht Apollo aber hat mich zum Seher gemacht , sondern ein enttäuschter Geist und ein erkältetes Gemüt . – Ihr seid im Begriffe Bünden der spanischen Macht zu entreißen und ich zweifle keinen Augenblick am Erfolge Eurer Waffen . Aber was dann ? Wie werden sich nach Vertreibung der Spanier die Absichten der französischen Krone , die das strategisch wichtige Land bis zum allgemeinen Frieden unmöglich aus den Händen geben darf , mit dem stürmischen Verlangen seiner wilden Bewohner nach der alten Selbständigkeit vereinigen lassen ? Da Richelieu – ich will sagen der allerchristlichste König , Euer Herr – nur den kleinsten Teil seiner in Deutschland unentbehrlichen Truppen Euch zur Verfügung stellt , werdet Ihr in Bünden selbst werben und dem durch jegliches Elend erschöpften Lande neue Opfer zumuten müssen . Das aber – ich schäme mich zu sagen , was Ihr sicherlich längst bedacht habt – wird Euch nur durch das Mittel weitgehender Versprechungen gelingen . Ich wenigstens kann mir nichts anderes denken , als daß Ihr mit Euerm persönlichen Werte den Bündnern Euch werdet verbürgen müssen , ihnen , sobald Euer Sieg erfochten ist , ihr ursprüngliches Gebiet und ihre alte Selbständigkeit unvermindert zurückzugeben . – Darum sendet , wie ich vermute , Richelieu gerade Euch , dessen Name von reiner Ehre leuchtet , nach Bünden , weil Eure Gewalt über die protestantischen Herzen ihm dort ein Heer ersetzt . So werdet Ihr mir einräumen , edler Herr , daß Euer eine schwere Stunde und eine peinliche Doppelstellung zwischen dem Kardinal und Bünden wartet . Wohl wird es Eurer Weisheit gelingen , das Interesse der französischen Krone , welcher Ihr dient , und die von Euch verbürgten Ansprüche des Gebirgsvolkes , ohne jenes zu verleugnen oder diese zu täuschen , durch umsichtige Politik und kluge Zögerung in der Schwebe zu halten und endlich auszugleichen ; aber nur unter der Bedingung , daß das hingehaltene Bünden in keiner Weise gegen Euch und Frankreich eingenommen und aufgestachelt werde . – Ihr lächelt , gnädiger Herr ! – In der Tat , wer in Bünden sollte es wagen gegen das mächtige Frankreich sich zu verschwören oder gar mit offener Gewalttat zu erheben ! Gewiß keiner , Ihr habt recht , wenn nicht vielleicht jener Heillose – Euer Schützling , Georg Jenatsch . « Der Herzog lehnte sich mit einer abwehrenden Handbewegung und dem schmerzlichen Ausdrucke verletzten Selbstgefühls zurück . Eine Wolke zog über seine Stirn . Das Bild des Bündners , wie es der Haß Grimanis entwarf , schien ihm vergrößert und entstellt ; doch nicht die seine Menschenkenntnis in Frage stellende , übertrieben schlimme und große Meinung , die Grimani von dem begabten Halbwilden hatte , welchen er sich zum Werkzeuge erlesen , war ihm empfindlich , wohl aber , daß der Venezianer die geheime Wunde seines Lebens , seine schiefe Stellung zu Richelieu , scharfsinnig erkannte und zu berühren sich nicht scheute . Der Frankreich nach großem Plane regierende , aber ihm persönlich abgeneigte Kardinal war imstande – Rohan wußte es wohl – seine protestantische Glaubenstreue als Mittel zum Zwecke auszubeuten und ihn persönlich aufzuopfern . Die Gefahr , welche er selbst sich auszureden suchte und in schlaflosen Nächten doch immer und immer wieder sorgenvoll erwog , war also fremden Augen offenbar . – » Verzeiht , teurer Herr , meine vielleicht schwarzsichtige Sorge für Euch « , sagte Grimani , der den verborgenen Kummer des Herzogs in seiner erkälteten Miene las . » Frankreich darf und wird sich gegen seinen edelsten Sohn nicht undankbar erzeigen – Nur um eines bitte ich Euch , flehe ich Euch an : Wenn Ihr an meine Ergebenheit glaubt – hütet Euch vor Georg Jenatsch . « Kaum war das Wort ausgesprochen , so klirrten rasche Tritte im Vorsaal und der Genannte trat mit dem Adjutanten Wertmüller in das Gemach , wo eben noch edelmütige Größe und menschenverachtender Scharfsinn über ihn zu Gerichte gesessen