sei sicher , der alte Mirabili , der allein in das Verlies sich habe einschleichen können , sei vor Sonnenaufgang mit schweren Ketten beladen und mit sterbendem Angesicht am Klostertore vorübergeführt worden . Schwester Consolazione habe mit eigenen Augen gesehen , wie der jammernde Greis , mit Eisen belastet , sich kaum habe weiterschleppen können . Er habe unter unverständlichen Hülferufen die gefesselten Händen nach ihr ausgestreckt . Sie hätte blutige Tränen darüber weinen mögen . » Wer ist dieser Vermummte , das Gespenst des › vergessenen Turmes ‹ ? « wandte sich die Herzogin an Angela , indem sie sich mit ihr aus der verwirrten Nonnenschar des Refektoriums in ihre Zelle zurückzog . » Mirabili ? Ist das nicht der Name des alten Lehrers meines Herrn und der Prinzen , seiner Brüder ? ... Sollte Don Giulio ... « Eine schnelle Entdeckung erhellte und beschämte ihren Geist . » Taucht der Verschollene wieder auf ? Und hier ? Und sie sagen , daß er schon lange da ist ! Wie konnte mir das entgehen und so lange verborgen bleiben ! « – Ohne sich weiter um die tief errötete Angela zu kümmern , schloß sie sich in ihre Zelle ein und schrieb an den Herzog . Sie meldete ihm , der Friede des Klosters sei durch eine Verhaftung gestört worden . Ein rätselhaftes Begegnis , dessen Erklärung allein Seine Hoheit ihr geben könne , mache eine Zwiesprache zwischen ihr und ihrem Gemahl wünschbar und beendige ihren Aufenthalt bei den Klarissen . Er möge sie morgen in der ersten Abendstunde zurückerwarten . Lucrezia verließ an jenem Abend ihre Zelle nicht mehr . Sie erkundigte sich durch eine Zofe nach dem Befinden der Äbtissin und erfuhr , Donna Angela besuche eben die Kranke , der es besser gehe . Pater Mamette sei angekommen und das Kloster in seine Ruhe zurückgekehrt . Lucrezia wollte die Klarissen nicht verlassen , ohne den Wolf zu kennen , der die fromme Herde in Aufruhr gebracht hatte . So beschied sie auf eine Frühstunde des nächsten Tages , statt der kranken Äbtissin , Pater Mamette , dessen Ankunft ihr gelegen kam , auf ihre Zelle . Sie wollte ihn über seine geheime Mitwisserschaft an diesen Dingen , die sie vermutete und die sie ihm verdachte , zur Rede stellen und , wenn es nötig wäre , ihn mit den verfänglichsten Fragen martern . Die Lenznacht war schwül und mit dem Dufte unzähliger Blüten beladen . Die Herzogin fand keine Ruhe , sie erhob sich und setzte sich an das geöffnete Fenster . Der die weiten Gastzellen enthaltende Anbau bildete eine Seite des vergrößerten Klosterhofes und war durch dessen südlichen , mit dem üppigen Laube der Feigen und Limonen dicht gefügten Winkel von dem » vergessenen « Turme getrennt . Über dem Blätterdache trat die schwere , durch Verfall und Überwucherung formlos gewordene Masse des gewaltigen Rundbaues in den Hof hinein . Lucrezia erinnerte sich , früher zur Nachtzeit eines der kleinen zwei oder drei , kaum sichtbaren , auf ungleicher Höhe in die Mauer gebrochenen Fensterchen schwach erhellt gesehen zu haben . Heute war das Innere des Turmes dunkel . Von außen aber war er überglänzt von den hohen Sternbildern und an seinem Fuße umschwärmt und umtanzt vom Funkenspiele zahlloser Leuchtkäfer . Stundenlang belauschte die Schlaflose die Stille der Nacht und das Rauschen des Hofbrunnens . Da war es , als knickten die Zweige und rauschten leichte Tritte auf dem Rasen . Es wurde wieder still . Jetzt präludierte leise eine Laute . Und jetzt vernahm Lucrezias Ohr aus der Tiefe des Turmes und einer männlichen Brust einen sanft beginnenden und in Sehnsucht anschwellenden Gesang : » Ich glaube , daß im Maiendufte der reine Gestirnte Himmel glänzt , ich kann ' s nicht schauen ! Ein einz ' ger Stern darf meinen Himmel zieren ... Und , wehe , meinen Stern muß ich verlieren , Dich , treues Weib , die Liebende , die Meine ! Mein Leben kehrt zurück in stummes Grauen ! Der Freund war mein Verderben , Ich muß vergehn und sterben , Mißgünstig schickt der Bruder mich von dannen , In öde , fremde Kerker mich zu bannen . « Lucrezia war nicht im Zweifel , daß sie Don Giulios markige Stimme hörte ; bevor sie aber die Bedeutung dieser in Wohllaut klagenden Worte erfassen konnte , antwortete eine andre Nachtigall aus den Feigenbäumen empor . Auch diese weiche Altstimme war ihr wohlbekannt . Angela sang : » Getrost ! An diesem Tag , der schon im Osten Den Himmel bleicht , geb ich Lucrezien Kunde Von unsrer Treu , zerreißend feige Schleier , Und wir begehen unsere Hochzeitsfeier , Gemeinsam fürder Lieb und Leid zu kosten , Und wär es auch in eines Kerkers Grunde ! Willkommen , junge Klarheit ! Willkommen , Tag der Wahrheit ! Von Haft zu Haft bis in das Reich der Schatten Begleit ich den geliebtesten der Gatten . « Nach einer großen Überraschung und einer Aufwallung von Ärger , die ebensosehr ihrer eigenen jahrelangen Unaufmerksamkeit als dem Geschehenen galt , empfand die Herzogin , lebensklug , wie sie war , jene Beruhigung , die in der vollendeten Tatsache liegt . Denn , wie sie die Base kannte , war es für sie Gewißheit , daß der Zwiegesang am » vergessenen « Turme ein entschlossenes Opfer Angelas und eine vorangegangene Trauung bedeutete , und sie ahnte auch mit Sicherheit , welcher Priester diesen unwiderruflichen Akt vollzogen habe . » Der gottlose Franziskaner ! « schalt sie ganz im Ernste , indem sie sich auf ihr Lager zurückzog , wo sie , ihr leichtes Haupt auf das Kissen legend und ihre Gedanken abwerfend , entschlummerte . Sie schlief in den hellen Morgen hinein , und als sie erwachte , erblickte sie Angela , die mit bittenden Augen an ihrem Lager kniete . Sie aber schloß ihre Lider noch einmal , legte das blonde Haupt auf das Polster zurück und sprach abwehrend : » Verschone mich mit