besten Lebensjahre hin ­ gegeben — um nichts — um jetzt als alternder Mann von vorn anzufangen . Das war eine verfehlte Spekulation ! Wenn sonst meine Kräfte erlahmen wollten , dann war es die Hoffnung auf die nahe Erlösung , die mich aufrecht hielt , aber was soll mich von nun an stärken , da keine Erlösung mehr winkt ? Keine Erlösung , nichts als lebenslange Frohnarbeit im Dienste des knurrenden Magens ! O — o ! “ Mit diesem Todesseufzer vergrub der gequälte Mann das Gesicht in den Kissen des Sofas und wieder trat eine lange Stille ein , die nur von den vereinzelten Tränenstößen Berthas unterbrochen ward . Endlich hielt diese das Schweigen nicht mehr aus : „ Was soll denn nun werden ? “ fragte sie halb jammernd , halb trotzig . „ Laß mich , “ sagte Leuthold , „ laß mich — Du siehst , wie ich leide und ringe . “ „ Woher weißt Du denn die ganze Sache ? “ forschte sie weiter . „ Der boshafte Chirurg Lederer flüsterte es mir bei der Rückkehr vom Begräbnis zu . Er hat das Testament als Zeuge mit unterschrieben . Die Leute drängten uns vor der Haustür auseinander , ich konnte ihn nicht einmal mehr fragen , ob man mir die Vor ­ mundschaft ließ . Wenn ich nur wenigstens Vormund wäre “ — er schwieg und versank wieder in ein tiefes Sinnen . Da regte sich etwas im Nebenzimmer und zur Tür schaute ein selig lächelndes Kindergesicht herein und ein glockenhelles Stimmchen rief : „ Kukuk ! “ Bei dem Tone wandte Leuthold den Kopf und sah mit seltsam bewegten Mienen nach der Stelle hin , wo sein Töchterchen stand . Die Kleine steinigte sich fest auf die Füßchen und überschritt endlich nach ein paar vergeblichen Versuchen zu ihrem eigenen Entzücken die hohe Schwelle . Nachdem sie dies vollbracht , trippelte sie jauchzend auf ihre Mutter zu , die der Tür zunächst saß ; als sie aber von dieser so unsanft weggeschoben ward , daß sie sich auf den Boden setzte , faßte sie den Beschluß , ihre Reise bis zum Papa auszudehnen . Um jedoch schneller und sicherer vom Flecke zu kommen , zog sie es vor , statt auf zwei Beinen auf allen Vieren zu laufen , und als sie am Ziele anlangte , faßte sie die Kniee des Papas und richtete sich stramm daran em ­ por , ihn mit ihrem rosigen Gesichtchen anlachend . Leuthold blickte eine Sekunde lang in die runden , un ­ schuldigen Augen — dann verdunkelte sich sein Blick — er hob die Kleine zu sich empor und flüsterte , in ­ dem er sie an sich preßte : „ Armes Kind ! “ Sein Atem ging schneller , er umschlang das Kind fester und fester und plötzlich erleichterte ein heftiges Schluchzen seine gepreßte Brust . Sein Vaterherz hatte die Träne gefunden und zum ersten Male in seinem Leben überwältigte ihn ein menschliches Gefühls . Gretchen versuchte , ihm mit ihrem Schürzchen die Augen zu trocknen und tätschelte mit ihren dicken Händchen seinen kahlen Scheitel . Es ist eine wunderbare Kraft in dem Auflegen solch einer weichen , reinen Kinderhand , besänftigend , wo es im Herzen stürmt , stärkend , wo die Seele hoffnungslos ermattet . So war es Leuthold , als schlössen sich unter der milden , leichten Berührung die Wunden in seinem Innern . Er küßte das runde , warme Händchen wieder und wieder . Für dieses Kind wollte er arbeiten , so schwer er es vermochte , ihm wollte er eine Zukunft gründen um jeden Preis ! Er stand auf und setzte die Kleine sanft auf den Teppich , dann schritt er langsam mit gekreuzten Armen im Zimmer auf und nieder , tausend feine Fäden für die Zukunft in seinem Kopfe anspinnend . — Da störte ihn Bertha , die ihren Unmut in Ermangelung von etwas Anderem an Gretchen ausließ . Es hatte einen gestickten Schemel erwischt und die genußreiche Be ­ schäftigung begonnen , Perlen und Quästchen davon abzuzupfen . Bertha riß es keifend in die Höhe , schüt ­ telte es und schlug ihm auf die Hände . Da stand plötzlich Leuthold vor ihr und hielt ihr den Arm fest , aus seinen Augen strömte ein Widerwille , der ihr wie Gift durch alle Adern drang und Gift lag auf seiner Zunge , in seinem Ton , in seinem ganzen Wesen , als er begann : „ Du bist so roh , daß nicht einmal die feinen Instinkte des Muttergefühls in Dir aufkommen konnten . Wenn Du ein weiblich beobachtendes Auge besäßest und gesehen hättest , welche Wohltat mir das Kind soeben erwiesen , Du würdest ihm mit verdoppelter Liebe danken , statt es zu mißhandeln . — Doch frei ­ lich , was kümmern Dich meine Empfindungen ; Du hattest in dem Augenblicke , als Du mich gebrochen zu Boden stürzen sahst , nur Sinn für Dein Unglück , für meinen Schmerz fandest Du kein anderes Wort des Trostes , als den Schimpfnamen „ Schwächling . “ Ich sage Dir aber , die Schwäche eines kränklichen Mannes ist nicht so abscheulich , wie die rohe Kraft eines gemeinen Weibes . Sei daher so gütig und mäßige Deinen Kraftausdruck wenigstens gegenüber diesem Engel , der keine bittere Stunde haben soll , so lange ich die Augen offen halte ! “ Bertha setzte Gretchen zur Erde und stemmte die Arme in die Seite . „ So , “ sagte sie zitternd vor Wut , „ so fängst Du an ? Solche Grobheiten wirfst Du mir ins Gesicht in einem Augenblick , wo Du froh sein solltest , wenn ich Dein erbärmliches Los nur mit Dir teile ? “ „ Mein erbärmliches Los ? “ wiederholte Leuthold , indem sich sein Gesicht wieder mit Todesblässe überzog . „ Wer hat mir denn dies Los bereitet ? wer anders als Du ? ! Du wagst es noch , Dich zu beschweren ,