wunder was ! Geh ’ n S ’ her – da – vier Kraizerl sind ’ s – i markier ’ jetzt das Orgelvorspiel , einundzwanzig Takt ’ – so – ... “ Sie setzte sich ans Klavier und begann das Vorspiel . Aenne sang , verschleiert , mit halber Stimme , als quöllen ihr Thränen in der Kehle empor . „ Glauben Sie , daß ich wagen könnte , das zu singen vor Zuhörern ? “ fragte sie dann . „ Aber warum denn net , wenn S ’ richtig disponiert sind ? Denn wissen S ’ , das muß sich anhör ’ n wie Glockengeläut und Engelstimmen , dös is mächtig , dös packt ! “ „ Natürlich ! aber wenn ich mir Mühe gebe ? “ „ Ja , keine Frag ’ , freilich können S ’ es singen ! “ „ Dann kommt meine Bitte , Fräulein Hochleitner . “ „ Nun ? “ „ Sehen Sie , “ begann Aenne , „ ich möchte gern , daß meine Eltern und Brüder mich einmal öffentlich singen hören , bevor ich ihnen eröffne , was ich vorhabe , und eine andere Gelegenheit wüßte ich in Ewigkeit nicht . Thun Sie mir den Gefallen , werden Sie kurz vor der Trauung der Ribbeneck – heiser , bitte , bitte , und dann lassen Sie mich für Sie eintreten ! “ Fräulein Hochleitner machte eine Wendung auf dem Drehsessel und blickte das vor ihr stehende Mädchen mit unverhohlenem Staunen an . „ Dös versteh i halt net “ , sagte sie auf echt Wienerisch , „ Sie wollen singen zum Kerkow seiner Hochzeit ? “ Dann begann sie zu lachen . „ O Sie Schlaukopferl , dös hätt ’ i Ihn ’ n gar net zutraut ! Wie S ’ dös ausdacht hab ’ n , so fein ! Aber dös is ka Sünd , da thu ’ i mit ! Um ein Viertel vor drei Uhr am dritten Feiertag pünktli auf d ’ Minut ’ werd ’ i heiser , und a halb ’ Stünderl später singen S ’ dös heißt , wenn aus der ganzen Geschicht ’ no was wird , denn kan halb ’ n Kreuzer geb ’ i dafür . “ „ Wie denn ? Was soll denn das heißen ? “ fragte Aenne gepreßt . „ Ja , haben S ’ denn davon net g ’ hört ? Dös weiß doch jed ’ s Kammerkatzerl drob ’ n im Schloß ! ’ ne arge Krempelei hat ’ s geb ’ n zwischen dem Paar , die Herzogin hat erst a Machtwort sprechen müss ’ n , daß ’ s einigermaß ’ n wieder auf d ’ Gleich kam , man sagt , wegen dem armen Hascherl , der Schwester von ihm , sei ’ s kommen , i glaub ’ , er hat ’ s gern woll ’ n in sein Haus nehm ’ n , das Wuzerl , das blasse ! Aber die z ’ widere Person , die Braut hat ’ s net gewollt , hat förmli Wutkrämpf ’ kriegt und hat g ’ sagt , er sollt ’ wähl ’ n zwischen ihr und der Schwester , und da – “ „ Und da ? “ wiederholte Aenne . „ Hat sie halt ihr ’ n Willen durchg ’ setzt . Jesus Maria , ’ s is a Kreuz und a Elend in der Welt mit die Männer , die sich immer als Herrn aufspielen und sich dann doch all ’ weil ducken . “ „ Er wird sie eben sehr lieb haben , “ sagte Aenne tonlos . Die Sängerin lachte , daß ihre blendend weißen tadellosen Zähne hinter den roten Lippen sichtbar wurden . „ Lieb ? “ rief sie „ lieb ? Sie heilige Unschuld , Sie ! Jetzt sein S ’ net bös , jetzt muß i lachen , dös glaubn S ’ doch selber net . Na , also den Hochzeitspsalm woll ’ n S ’ ihm sing ’ n ? S ’ is recht so ! Aber machen S ’ s brav , sonst schadt ’ s Ihn ’ n mehr , als es nutzt . – – “ Aenne fragte nicht mehr . Als sie nach Hause gekommen war , stellte sie sich ans Fenster und schaute zu dem Lichte hinauf , als könnte sie durch die Mauer hindurch , direkt in Heinz Kerkows Herz sehen . Ob es wahr ist ? ob es wahr ist ? fragte sie , ob er unglücklich ist , schon jetzt ? Warum aber hatte er nicht den Mut , den sie gehabt , die Fessel zu durchreißen ? Oder war das sein Mut , daß er festhielt an dem , was er gewollt ? Vielleicht – vielleicht war sie die Feige gewesen ! Ja , ja , ihr hatte gegraut vor dem Leidensweg ! Günther hatte ihn ihr ja selbst geschildert , ohne Liebe geht es nicht ! „ Es geht nicht ! “ murmelte sie zu dem Lichte hinauf , als wollte sie ihn warnen . „ Im übrigen aber will ich zeigen , daß ich nicht feige bin , will mein Schicksal selbst in die Hand nehmen . Ich will nützen in der Welt , erfreuen aber ohne Zwang , ich will frei sein , ich will das Recht haben , zu trauern um eine verlorne Liebe , ohne daß die Trauer zur Sünde wird – ich will leben ! “ Frau von Gruber war noch ganz krank von den Aufregungen der letzten vierzehn Tage . Nicht allein , daß sie sich mit der Beschaffung der Aussteuer und der Toiletten für die Braut neben dem Dienst bei Ihrer Durchlaucht , der sie mehr als je in Anspruch nahm , schachmatt gemacht hatte , da mußte auch noch der schreckliche Tag kommen der so viel lange [ 120 ] Karnevale – Francaise . Nach einer Originalzeichnung von O. Gräf . [ 121 ] WS : Das