Gehörten nichts zu verrathen ! Sie hatten ihn tief beschämt , diese einfachen Worte , der vorwurfsvolle schmerzliche Blick ; er hatte den braven Mann dort unten in der Mühle verleumden lassen , ohne ein Wort zu seiner Vertheidigung zu sagen – aus Gedankenlosigkeit , seine gespannte Aufmerksamkeit war ja dem Wortwechsel gefolgt , der seinen Lieblingswunsch so rauh vereitelte , den Wunsch , mit Blanka hier zu wohnen in dem Schlosse seiner Väter . Aber Lieschen mußte meinen , er denke ebenso wie – „ o nein , nein , gewiß nicht ; ihr Vater ist ein ehrlicher , braver Mann . “ Das wäre ja auch schließlich Alles verteufelt gleichgültig – nein , das zuletzt Erlebte , das hatte den tiefsten Stachel in seine Brust gedrückt . Die heftigen Worte seiner Braut klangen ihm wieder in die Ohren : „ Was hast Du für eine Auffassung von unserer gegenseitigen Stellung ? “ und dann : „ Eine Kette ist es , eine drückende Kette , aber kein Glück . “ „ Eine „ Kette “ ! “ wiederholte er halblaut , indem er stehen blieb , aber dann sagte er rasch : „ Ah bah , Mädchenlaunen , weiter nichts ! Sie ist auch zu schön , zu stolz , – ein zu eigenartiger Charakter , um sich in die engen Grenzen zu schmiegen , die einer Frau eigentlich gezogen sind . “ Er hätte das bedenken sollen , meinte er ; er durfte nicht immer und immer wieder versuchen , sie für seine Ansicht zu gewinnen , es mußte erniedrigend für sie sein ; sie hatte Recht , mißgestimmt zu werden , seine schöne , stolze , geliebte Braut . Und sie liebte ihn ja doch ; sie hatte es ihm so oft auf seine stürmischen Fragen versichert . Im Herbst , hatte Onkel Derenberg gesagt , im Herbst , da würde sie ganz die Seine , unentreißbar die Seine . Mußte nicht vor dieser seligen Gewißheit alles gegenwärtige Leid verschwinden ? Der Nachtwind hatte sich aufgemacht ; er bog über dem Haupte des jungen Mannes die Zweige zusammen , daß sie leise rauschten , und kräuselte die Fläche des dunklen Teiches zu Army ’ s Füßen ; er scheuchte die trüben Gedanken in weite , weite Fernen und trug versöhnende Liebe und weiches süßes Sehnen durch die stille warme Sommernacht . „ Im Herbste , “ sagte Army noch einmal leise , „ im Herbste , dann kommt das Glück . “ 9. Der Sommer war vergangen , und der Herbst trat seine Herrschaft an und begann das Land der Wälder bunt zu färben ; ein krystallklarer blauer Himmel wölbte sich über der Erden in der Lindenallee des Schloßparkes lagen die ersten welken Blätter am Boden , und im Erving ’ schen Garten blühten die Astern und Georginen in buntester Farbenpracht . Ueber die Weinspaliere waren Netze gezogen , um den naschigen Sperlingen das Schmausen zu verwehren ; auf dem Laube der Obstbäume aber lugten die gereiften Früchte goldgelb und rothbäckig hervor und warteten des Pflückens . Es war in der Mühle Alles im gewohnten Geleise weitergegangen ; wie rasch war der Sommer verflogen ! und nun freute man sich auf die langen Winterabende am warmen Ofen . Die Leute in der Mühle freuten sich freilich noch aus etwas Anderes ; wußten sie doch Alle , sowohl die Arbeiter in der Fabrik wie die Mine und Dörte in der Küche und der Peter im Stalle , daß es bald eine Braut im Hause geben werde ; wer Augen hatte zu sehen , dem war es sonnenklar , daß Herr Selldorf und „ unser Lieschen “ ein Brautpaar werden würden . Dem hübschen blonden Manne guckte ja die Liebe so deutlich aus den ehrlichen hellen Augen heraus , und mit keinem Menschen war der Hausherr so vertraut und herzlich umgegangen , und keiner seiner Collegen hatte so freundliche Blicke aus den Augen von Lieschens Mutter empfangen , wie er . Selbst die Muhme nickte ihm stets so wohlwollend zu und sagte mitunter in der Küche , wenn von ihm gesprochen wurde : „ Ein Prachtmensch , der Selldorf ! “ Nur Lieschen schien von alledem nichts zu bemerken ; zwar war sie stets freundlich und artig gegen den Volontair des Vaters und stellte die großen Sträuße Vergißmeinnicht , die er ihr zuweilen mitbrachte , sogleich in frisches Wasser , aber sonst konnte kein Mensch die Liebe bemerken , die sie absolut für ihn fühlen sollte , so sehr sich auch Mine und Dörte Mühe gaben . „ Sie thut nur so . “ meinte die Letztere , „ das ist so Mode bei den Vornehmen , aber inwendig , da steht ’ s anders , gelt , Muhme ? “ „ Die viel schwatzen , lugen viel ! “ hatte die Muhme geantwortet ; „ kümmere Dich nicht um die Liesel , sondern bleib ’ bei Deinem Kochtopf ! Wird schon einmal Hochzeit sein hier im Hause . Wer der Bräutigam ist , mag Gott allein wissen ; wir können nicht in die Zukunft sehen , und darum halt den Mund über Dinge , die Euch nichts angehn ! Aber Ihr habt nichts weiter im Kopfe , als das Mannsvolk und das Heirathen . Die Liesel weiß recht gut : ‚ Freien ist wie Pferdekauf , Mägdlein thu die Augen auf ‘ ! “ Und dazu hatte sie ernsthaft mit dem Kopfe genickt . Aber so sehr auch sonst ihre Worte in Ansehen standen , diesmal ging ihre Rede zu einem Ohre hinein und zum andern hinaus ; sie wußten es ja zu genau , die Mädchen , daß Herr Selldorf ein Auge auf das Fräulein habe , und die Zeit würde es ja lehren , wer Recht hatte . Einstweilen heimste die Muhme in Keller und Speisekammer ihre Wintervorräthe mit gewohnter Emsigkeit ein , und Lieschen mußte überall helfen und dabei sein , „ denn guck ’ , mein Herzel , es ist für den künftigen