nicht . Baltzer hatte mit den Pferden zu tun , die seit ein paar Tagen nicht herausgekommen waren , und Hilde sah auf das Kind und mühte sich , ihm ein Lächeln abzugewinnen . Umsonst , es wollte nicht lächeln und wandte sich unwirsch ab , als es merkte , daß es sich durchaus freuen solle . So ging es unter den schwer tragenden Apfelbäumen hin , die von links und rechts her den Weg einfaßten und Hilden ein Mal über das andere mit einer Zweigspitze streiften . Einmal griff sie danach , riß einen Apfel ab und hielt ihn dem Kinde hin . Und sieh , es lächelte und streckte die Hand danach . Und nun lächelte auch Hilde . So ging die Fahrt , und als sie den halben Weg hatten und den Berg hinauf waren , der hinter einem der alten Klosterdörfer ansteigt , sahen sie das schöne Ilseburg mit seinem Turm und seinem Schlosse vor sich liegen , und an einem ausgestorbenen Kirchhof entlang , über dessen eingefallene Gräber hin eine ganze Wildnis von Holunder und Hagebuttensträuchern wuchs , fuhren sie durch ein seitwärts gelegenes Gatter in das Städtchen hinein . In allen Straßen war Lust und Leben , und Baltzer freute sich von Herzen , mal unter Menschen zu sein und etwas anderes zu sehen als eine weinende Frau . Das mit dem Kinde hielt er für nicht so schlimm und entsann sich mit einem gewissen Behagen , daß ihm in seinen jungen Jahren von seiner Mutter immer wieder und wieder erzählt worden war , er sei klein und dürftig und überhaupt ein schwächliches Kind gewesen . Und so stand ihm denn fest , daß ihm der alte Schliephake , den er von seiner großen Krankheit her schätzte , nicht bloß einen guten Rat , sondern auch einen guten Trost geben werde . Warum sollt es denn auch ein schwächliches Kind sein ? An der Ilsenbrücke war ein Wirtshaus mit einem an einem Arm hängenden Schilde , darauf ein goldener Ritter mit geschlossenem Visier abgebildet war . Mutmaßlich ein alter Emmeroder Graf . An diesem Wirtshause hielten sie , stiegen ab und gingen nach einer kurzen Zwiesprach mit der Wirtin auf des Doktors Haus zu , das in nächster Nähe gelegen war . Sie fanden ihn in einer Hinterstube , gerade damit beschäftigt , über den Hof hin einen ganzen Regen von Gerstenkörnern auszustreuen . Denn er war ein leidenschaftlicher Tauben- und Hühnerzüchter , und wenn die zwei jungen Hähne , die den Hof beherrschten , die Glucken und Küken nicht nahe genug heranließen , so griff er in eine neben ihm stehende Schüssel mit Kartoffeln und Mohrrüben und warf die Stücke mit solcher Geschicklichkeit nach den allzu Zudringlichen , daß sie , kollernd und krähend , auf ein paar Augenblicke das Feld räumten . Er nannte das seinen » Schutz der Witwen und Waisen « und verschwor sich hoch und teuer , daß die ganze Welt in derselben Weise regiert werden müsse . Die Bocholtschen Eheleute hatten nach einer halb herzlichen , halb verlegenen Begrüßung am Speisetische Platz genommen , und Hilde säumte nun nicht länger , unter einem Strome von Tränen alles vorzutragen , was ihr das Herz bedrückte . Baltzer wollte verbessernd dazwischensprechen , aber der Doktor wies ihn mit einer leisen Handbewegung zurück und sagte : » Nicht doch , Bocholt . Eine Mutter sieht immer am besten . Und jedenfalls besser als ein Vater . « Und danach nahm er das Kind aus den Kissen und behorchte seinen Atem und den Schlag seines kleinen Herzens , ganz wie Melcher Harms es seinerzeit getan hatte . Das waren erwartungsvolle Minuten . Endlich aber gab er das Kind an Hilde zurück und sagte : » Geht ins Freie mit ihm , liebe Frau . Die Luft ist zu schwül und zu drückend hier . Und Luft ist alles für das Kind . Ich will aber doch etwas aufschreiben , zur Erleichterung , und es Eurem Manne geben ... Er kommt Euch dann nach . « All das klang ihr nicht gut und trostreich , und sie sah wohl , daß er allerlei Dinge zu sagen hatte , die sie nicht hören sollte . Sie ging aber , und als Schliephake , der ihr mit dem Ohre gefolgt war , die Haustür ins Schloß fallen hörte , schob er seinen Stuhl näher an Baltzer heran und sagte : » Ich wollt erst Eure Frau forthaben ; Ihr aber , Bocholt , Ihr müßt es hören können ... Es muß sterben . « Baltzer Bocholt fuhr zusammen und sagte dann , indem seine Stimme stotterte : » Warum sterben ? « » Weil es kein Leben hat . Es ist welk , so welk , daß jede Stunde Leben ein Wunder ist . « Aber das gefiel dem Heidereiter nicht , der ein dünkelvoller Mann war und in seinem Dünkel auch auf seine Kraft und Kernigkeit große Stücke hielt . Und er antwortete mit sichtlicher Verstimmung : » Ich bin ein gesunder Mann , Doktor , und hab eine junge Frau . « Schliephake lächelte vor sich hin und sagte , während er seine Hand vertraulich auf des Heidereiters Knie legte : » Wohl , ich seh schon , es mißfällt Euch , und Ihr hört nicht gern von dem welken Kind . Aber daß ich ' s Euch sage , Baltzer Bocholt , mit unserer Kraft ist nichts getan , und ist nicht besser damit als mit unserem Wissen . Alles ist Stückwerk und nichts weiter . « Er schwieg eine Weile . Als er aber wahrnahm , daß ihn der Heidereiter immer noch verwundert ansah , nahm er wieder das Wort und sagte : » Ja , Baltzer Bocholt , Ihr starrt mich an . Aber seht , unsere Stunden sind nicht gleich , und an der Stunde hängt alles . Und oft auch am Augenblick . Ihr seid ein rüstiger Mann , und Eure fünfzig haben Euch noch nicht viel getan