sie sich nicht gerade borniert auf ein gewisses eingelerntes Schema beschränken , die Farben in den Gesichtern der Menschen nicht wahrnehmen mochten , die betroffen machende , nur scheinbar disharmonische Anmut verrenkter Gliedmaßen , diese Tiergesichter , Katzen oder Schmetterlinge , die aus Physiognomien glotzten , diese Körper , die sich in Flächen ereigneten , statt in kubischer Dreifaltigkeit ? Jawohl ja , die artistische und vitale Wahrheit Kelwascher Figuren war durchdringend , peinigend und erlösend . So wie er hatte noch kein Pariser Akademiker Menschen gemalt , die modern waren aus dem Effeff , ja , ganz Jäger , ganz Beobachter , ganz sinnliche Lebensfreude waren bis in die infamsten Regungen ihrer Seele . Daß die Mittel , mit denen er arbeitete , unsäglich elend waren , was verschlug das ? Seine Kunst war so ganz Form , daß er sich wohl kaum darüber Rechenschaft gab , es gäbe so etwas wie Mittel . Und nun würde ich sagen , nehmen Sie dieses - wie soll man sagen - diesen Harm Kelwascher Frauengestalten , diese Katzenverliebtheit jedes einzelnen Müskelchens , das Feste feiert , die Sie Verrenkung nennen , Herr , weil Sie nicht sehen können , Herr , nun wissen Sie es , würde ich sagen . Ich würde Pamphlete schreiben , eine neue Theorie aufstellen , das Fleisch im Menschen erlösen , diese oft angekündigte Auferstehung endlich einmal stattfinden lassen ! Und ich würde eine neue unantastbare Menschlichkeit begründen , eine gesunde unsentimentale Humanität , bei der auch einmal einer draufgehen dürfte . Leben links und Leben rechts , Leben auf allen Seiten , Leben mit und gegen das Leben ! Die Bewegung macht den Atem rein . Wie diese Luft sich köstlich schnappen ließ ! Im Suchen nach etwas an und für sich Belanglosem stieß ich auf mich . Wie ein Berg erhob ich mich plötzlich vor mir selber ! Was ist das Leben des Menschen ? Jahrelang schlägt er sich mit Nutzlosem und Verfehltem herum , schwankend und irrend , mit seinem kleinen Sehkreise die Taktik nicht begreifend , die das Generalhauptquartier irgendwo in seinem Zwerchfell ihm peinlich und blindlings vorgeschrieben hat . Und eines Tages , in der sanftmütigsten Minute seines Lebens ist die Frucht aller dieser Übung reif geworden und fällt ihm in den Schoß . Die glückliche Idee kommt spät , ein gutes Stück hinter den Qualen . Zum Wohlsein ! sagt dann alles zu einem , der sich jahrelang gekitzelt hat , um zu niesen . Er hat jetzt etwas Neues zu sagen , eine Technik zu geben , einen Gebrauchsgegenstand zu lehren . Zu diesem Zwecke hält seine Phantasie eine Handvoll Unternehmungen geläufig bereit . Wir gründen einen neuen Kultus der Astarte , retten die Gesellschaft und die heraufkommende Jugend vor dem körperlichen Untergange , in den sie die verdorbenen Liebessitten der bürgerlichen Gesellschaft gestürzt haben . Einen Titel , einen Titel , schnell , ein lebenskräftiges Wort , das die Gehirne in Schwung bringt . Sagen wir , zum Beispiel , also : Tropische Nächte . Aber das » tropisch « weckt vielleicht eine falsche Stimmung , einen kitschigen und ganz lebensfalschen Dunst . Man muß den irreführenden und laxen Impressionismus tunlichst vermeiden . Tropen gibt es nicht ; das ist ein Wortspiel , wir aber entdecken von Tag zu Tag die Wirklichkeit und den ehrlichen Stil . » Tropen « ist ein Appell an das Gedächtnis meiner Eingeweide , aus den Zeiten , da ich noch aus nichts anderem denn jenen bestand ; die biographische Erinnerung an die Faulenzerperiode , als auf Nowaja Semlja noch meine Krokodile im warmen Flußbad plätscherten . Alles dies ist jetzt internisiert , die ganze Tropenlandschaft fahrbar gemacht auf zwei Hinterfüßen , und nur innerlich ist die Sonne poetisch , da gibt es glutige Seufzer und wuchernde Pracht , mannshohes Dickicht , ein Jägerleben , Lauerposten , Überfälle und Wildhatzen . Und dort haben wir auch die ganze gärende Poesie ; die Tatsachen draußen aber stehen für sich da . Dieses Land hier liegt unter dem Äquator , ist ein wenig heiß , spröde und langweilig und wird erst vernünftig sein , wenn eine Eisenbahnschiene quer durch den Djungle gelegt ist . Tropen , Tropen , das ist ein verdammtes Wort , ein Salonvokabel , um für die paar Orchideen Platz zu machen , die an diesem Platze herumwelken . Auf die Wahrheit angewandt , ist es eine Ausrede vor der Arbeit , die in diesem Sonnenstrich wartet . Aber ich kenne meine Miteuropäer . Sie möchten nichts daraus machen als eine Mondscheinpartie am Urwaldfluß , moskitolos , oder eine Liebesgeschichte frei nach Pierre Loti , wobei der Kreuzfahrer einen exotischen Bund einzugehen hat . Ich bin fanatisch dagegen . Sind wir Journalisten ? Im Gegenteil . Das Leben ist schon nicht so sauber und es gehört ein gut Stück Gehirnmasse dazu , um auf das Einfache draufzukommen . Nein , meine poetischen Kontrakte mit der Welt erachte ich als gelöst . Das Dichten ist nicht mein Beruf . Ich fühle mich aller Pflichten als Kalfakter los und ledig . Ich eröffne mein Etablissement in Berlin unter einem würdigen , ernsten Titel , der die Prinzipien meines Liebeskults schlagend zusammenfaßt . Sagen wir » Emanzipation des Fleisches « oder so ähnlich . Übrigens , wenn mir kein geeigneter Titel einfällt , kann ich das Unternehmen auch fallen lassen . Ich bin mein eigener Herr , bin moralisch niemandem verpflichtet , mich zu blamieren . Einmal werde ich das ernste Wort mit dem Gesindel reden . Und dann will ich dem Menschen vom Menschen sprechen , ein kleines Liedchen in der Umgangssprache singen , einen Tanz vom Leben lehren , in den ein ganzer Menschenkörper mit allen seinen herrlichen Funktionen hineingetrommelt und gepfiffen ist , wovon aber Grasaffen nichts verstehen . So und so habe ich ihn kennen gelernt , den Menschen , wohlverstanden , dort unten , wo alles so hell und wirklich ist , wo Mensch sein heißt , ein Gliederspiel sein