mehr meine Empfindung gefangen nimmt : dem Zionismus . Frau Sara Rubner - Du erinnerst Dich vielleicht der jungen Frau mit dem interessanten Mongolentypus aus dem Simmel-Kolleg - gewinnt mich mehr und mehr dafür . Für uns moderne Juden , die wir uns immer stärker unserer seelischen Heimatlosigkeit bewußt werden , bietet sich hier vielleicht - vielleicht - ein neuer Wurzelboden . « Also auch er , dachte Konrad verwundert , auch er , den das Studium , der kommende Beruf so ganz zu erfüllen schienen , bedurfte noch eines anderen Lebensinhalts ! » Doch nicht dies ist der Grund meines heutigen Briefes . Ich hätte wohl noch lange mit ihm gezögert , wenn mein Besuch bei Else Gerstenbergk mich nicht fast zu einem Telegramm an Dich bewogen hätte . Es muß etwas für sie geschehen . Pawlowitsch scheint sie verlassen zu haben , wenigstens ließ er seit Monaten nichts von sich hören - man behauptet , er sei mit Frau Renetta Veit an der Riviera gesehen worden - und sie leidet unsäglich . Jedes Lächeln , zu dem sie sich zwingt , denn kein Wort der Klage kommt über ihre Lippen , schneidet ins Herz . Man sollte sie der Einsamkeit , der sie sich widerstandslos ergibt , gewaltsam entreißen , und Du , an dem sie mit rührendem Vertrauen hängt , wärst der rechte Mann dafür . Lade sie statt meiner nach Hochseß . Mache es recht dringend , als wäre ihr Kommen in Deinem Interesse notwendig . « Konrad legte den Bogen erregt beiseite . Gewiß , es mußte geholfen werden , er mußte helfen . In Erinnerung an den , um dessentwillen sie zugrunde ging , ballte er unwillkürlich die Hände . Seine Freundschaft mußte ihm dies Opfer entreißen . Freundschaft ! ? Lachte ihn nicht eben wieder die rote Lotte an ? ! - Mit raschem Entschluß , jedes Bedenken weit von sich weisend , ging er zur Großmutter . Er war nicht ohne Sorge , ob sie sich würde gewinnen lassen . Rückhaltlos erklärte er ihr die Lage Elsens , zeigte ihr auch Warburgs Brief . Die Gräfin antwortete zunächst nicht . Sie ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder , um schließlich , vor dem Enkel stehen bleibend , einen langen forschenden Blick auf ihn zu werfen . » Sie ist nicht deine Geliebte ? « fragte sie langsam . » Nein , Großmama , « antwortete er , ihrem Blick begegnend . » So mag sie kommen , « lautete gleich danach der Bescheid . Stürmisch zog Konrad die Hände der Greisin an seine Lippen . Ein Ausdruck plötzlich aufsteigender Besorgnis huschte über ihr Antlitz . Sie beherrschte sich jedoch rasch . » Ich schreibe selbst , « sagte sie dann , sich vor den Schreibtisch setzend . » Wie gut du bist ! « er beugte sich über sie , ihre weißen Haare mit einer Bewegung scheuer Ehrfurcht streichelnd . Sie sah auf : » Gut ? ! Sie ist eine anständige Frau , denke ich , und würde , nur von dir geladen , nicht kommen . « Die nächsten Tage verlebte Konrad in wachsender Ungeduld , bis schließlich - endlich ! - der Brief mit der bekannten Schrift auf dem Teetisch lag . Schon als sie den Bogen auseinanderfaltete , erhellte sich das Antlitz der Gräfin : diese zarten , ein wenig fallenden Schriftzüge - eine Wiese , deren feine Halme sich unter dem Abendwind leise senken - gefielen ihr weit besser als jene großen steilen , mit denen die dümmsten Frauen Originalität vorzutäuschen vermochten . Und auch der Inhalt befriedigte sie sichtlich . » Ein liebes Geschöpf , warmherzig und einfach , « sagte sie , Konrad den Brief hinüberreichend , » du wirst sie am besten morgen selbst abholen . « Die Tanten horchten auf . » Ich erwarte einen Gast , « fuhr die Gräfin fort , » eine mir sehr empfohlene junge Dame , Fräulein Gerstenbergk , die sich ein paar Wochen bei uns erholen soll . « Die Tanten wechselten einen ihrer vielsagenden Blicke , nicht ohne Hilde dabei bedauernd zu streifen . » Von den sächsischen Gerstenbergs auf Heiligensuhl ? « frug Natalie interessiert , » eine der besten Familien ! « » Und durch die Mutter , eine Vierort , sehr vermögend , « ergänzte Elise voller Genugtuung . Hilde senkte den Kopf noch tiefer auf ihre Arbeit . » Ganz und gar nicht , meine Lieben , « entgegnete die Gräfin mit jenem spitzbübischen Lächeln , das ihrem Gesicht einen oft kindlichen Ausdruck verlieh ; » es handelt sich um ein einfaches Fräulein Gerstenbergk , eine Studentin , « und sie weidete sich an den langen Gesichtern der beiden Damen . » Eine Emanzipierte ! « rief Natalie entsetzt . » Da wird unsere liebe Hilde wohl Platz machen müssen , « klagte Elise . » Haben wir nicht genug Fremdenzimmer ? « meinte die Gräfin mit bewußtem Mißverstehen ; » der Umgang mit dem klugen Mädchen würde Ihnen , liebe Hilde , über manche leere Stunde hinweghelfen . « Die Angeredete sah errötend auf : » Gewiß , Frau Gräfin ; ich bleibe mit Freuden , wenn - « Nataliens spitze Stimme schnitt jedes weitere Wort ab : » Du wirst jedenfalls die Erlaubnis deiner Mutter einholen müssen , liebes Kind . Nach deutschen Begriffen - « sie betonte das » deutschen « mit Nachdruck - » ist eine Person , die mit Männern zusammen studiert , oder zu studieren behauptet , kein erwünschter Umgang für junge Damen unserer Kreise . « Und alle drei standen auf . Am nächsten Tage fuhr Konrad Hochseß mit seinen beiden Füchsen den Gast in den Hof . Hinter den Gardinen ihrer Fenster sah er die Gesichter der Tanten sich an die Scheiben drücken , und hinter der Küchentür verschwand , im Augenblick , als er Else vom Wagen half , Hilde Rothausens weißes Kleid . Er lächelte wehmütig : sie mochten beruhigt