für meine Notdurft . « Er hob sich im Sattel und machte mit dem Hängmooser Weidbrief eine symbolische Bewegung . Ein hundertstimmiger Zornschrei flog über die Straße hin . Und dem Seppi Ruechsam fielen plötzlich siebzig Jahre vom Buckel herunter . Wie ein Zwanzigjähriger in blindem Jähzorn , so sprang er gegen den Reiter hinauf , faßte ihn mit beiden Fäusten an den Eisenplatten der Brust - und rutschte wie ein müder Greis wieder auf die Erde herunter . Hatte Marimpfels Hand einen neuen Irrtum begangen ? War einer von den Fußknechten unvorsichtig mit dem Spieß dazwischengefahren ? Niemand wußte , wie es gekommen war , daß dem Seppi Ruechsam , der sich jetzt ganz ruhig verhielt , ein dickes Blutbächlein über das braune Runzelgesicht und über die Bartstoppeln herunterfuhr . » So , so ? « sagte er in verständiger Besinnung und wollte mit der zitternden Hand das Blut vom Gesichte wischen . » Jetzt geht der Seppi Ruechsam zum deutschen König . Was denn sonst ? « Dann fiel er um und war tot . » Mordio ! Mordio ! « kreischten die Ramsauer . Sie griffen nach den Messern , rissen Prügel vom Zaun , und die Weiber hoben Steine von der Straße auf , während die Kinder in grillender Angst davonrannten , über die Planken kletterten und durch die Ache patschten . Runotter , mit einer Stimme , die den tobenden Lärm noch übertönte , schrie gegen des Seppi Ruechsam Haus hinüber : » Soldmann ! Soldmann ! « Marimpfel sah einen gepanzerten Kriegsknecht mit blitzendem Bidenhänder über den Hügel herunterspringen , schlug seinem Gaul die Sporen in die Weichen und brüllte : » Hofleut ! Durch ! Die verschimpfen den Fürsten ! Die machen Meuterei ! « Wie ein von einem Riesenhammer getriebener Keil , so fuhr der Trupp der Pfändleute mit Reitern , Fußknechten und Troßbuben unter dem Schellengerassel der galoppierenden Kühe in den Schwarm der schreienden Menschen hinein . Der kreischende Hauf wich auseinander und flutete wieder zusammen in einen wirren Knäuel . Und alle mit Schimpfworten und Flüchen hinter den Gadnischen Hofleuten her . Prügel wirbelten durch die Luft , und Steine flogen . Und in dem wüsten Lärm unterschied man nimmer , was ein Todesschrei oder eine Stimme des Lebens war . Mit entfärbtem Gesichte , in der Rechten den zerbrochenen Stab des Friedens , stand Runotter neben dem Seppi Ruechsam , der nicht von der Stelle gekommen und doch zum mächtigsten aller Könige gegangen war . Und mit der Linken hielt der Richtmann den Arm des Malimmes umklammert . » Bleib Mensch ! Tät ich dich schlagen heißen , das wär Unrecht . Doppelt Unrecht Dein Bruder ist dabei . Man soll nit Bruder gegen Bruder hetzen . « Malimmes sagte mürrisch : » Bei einer Fehd heißt ' s Freund oder Feind . Da ist kein andres Wörtl nit . « Er sah den Seppi Ruechsam an , dessen Gesicht wie von einem roten Tuch umwickelt war . » Bauer ? Was hat ' s denn gegeben da ? « » Schier weiß ich ' s nit . Ist mir alles wie ein böser Nebel . Das haben die Herren nit wollen . Schlechte Diener sind für die Herren ein Elend und ein übler Ruf . « » Herr oder Knecht ? Sag lieber : Narretei der Leut . Die macht so Herr wie Knecht zu blindwütigen Gockeln . « Sie hörten ein wildes Geschrei . » Komm , Mensch ! « sagte Runotter . » Da müssen wir abwehren ! « Die beiden liefen der Straße nach , dem tobenden Lärm entgegen . Aus den Fenstern und Türen der Hütten guckten verstörte Kindergesichter heraus . Dann liefen drei Kühe vorüber , mit rasselnden Schellen , mit klunkernden Eutern und gestreckten Schwänzen , die Stricke schleifend , die von ihren Hörnern herunterbaumelten . » Guck « , sagte Malimmes , » für die ist auch der Hänfene ein lützel mürb gewesen . « Wie ein steifes Holz lag ein Mannsbild auf der Straße , und ein schreiendes Weib war hingeworfen über seine rote Brust . » Ist der Schwarzecker ! « stammelte Runotter . » Der so fest hat pfeifen können . « » Komm ! Den pfeift man nimmer herein ins Leben . Ist schon draußen . « Fünf Kühe kamen gezottelt , klatschten durch das reißende Wasser der Ache , blieben drüben auf einer Wiese stehen , guckten dumm herum und fingen zu weiden an . Hinter den Stauden sprang ein Mensch , der sich nicht sehen lassen , sich immer verstecken wollte . Es war der Mareiner vom Taubensee . Der packte zwei von den Kühen an den Schellengurten , spähte ängstlich nach allen Seiten und zerrte die Kühe davon . Immer näher kamen die zwei springenden Männer dem tobenden Lärm auf der Straße . Und plötzlich schien es , als flute das Geschrei zurück . Man hörte fernher eine schmetternde Trompete . Rennende Menschen erschienen bei einer Straßenwendung , es folgte ein dicker Schwärm , und schrille Stimmen waren zu hören : » Da kommen Herren und Hofleut , zwanzig Reiter , vierzig , sechzig , hundert ! « Andere Stimmen schrien wieder etwas anderes . Der flüchtende Haufe kam ins Stocken , die Leute guckten und fragten , und dann hörte man eine kreischende Weiberstimme , die immer die gleichen Worte schrie : » Hilf in der Not ! Das ist Hilf in der Not ! Hilf in der Not ! « Männer mit erhitzten Gesichtern kamen gelaufen und holten den Schwarzecker und den Seppi Ruechsam . Zwischen dem Leuthaus und dem Hag des Richtmannes legte man die zwei Toten auf die Straße hin . Und noch zwei andere legte man dazu : einen jungen hübschen Buben , an dem man keine Wunde sah , und ein Weib , dessen Gesicht vom Todesschreck verzerrt und in dieser Grimasse des Grauens wie versteinert war . Diese vier Stummgewordenen sollten reden für die Not der Ramsauer