müde und strebte einer Bank zu . Sie wußte , daß sie um jene Ecke herum eine finden würde , beschleunigte ihre Schritte , wandte sich , wie der Weg es wollte , - stand vor der Bank . Die war besetzt . Und der darauf saß , den kannte sie . Er sprang auf und stand vor ihr , in seiner ganzen Länge . » Sie ? « Einen Augenblick war die Erinnerung angstvoller Zeiten schreckhaft in ihr aufgefahren . » Warum nicht ? « » Was - führte Sie - hierher ? « » Nichts . Mich führt seit langem nichts . Aber manchmal jagt es mich - von irgendwoher nach irgendwohin . « » Und können Sie - so beliebig gehen , wohin Sie wollen ? « » Überallhin , wo man sich nachts mit der Geige ernähren kann . « » Noch immer - das ? « » Was sonst ? « Sie gingen nebeneinander her . War es die Friedensfülle der Landschaft , die sie so eindringlich aufgenommen hatte , und die jetzt diese dunklen Gefühlswellen , die in ihr aufgestiegen waren , in sich zusammensinken ließ , daß sie wesenlos zerflossen ? ... Er erkundigte sich nach ihrem Leben hier , und sie berichtete . Sie sagte ihm sogar , wohin sie ging , - zu der Versammlung des » Bundes « ; und , wie einst , hörte er ihr mit verstehender Fühlung ihres Wesens zu . Die Erquickung des milden Abends erfüllte beide , und es war vielleicht im gleichen Augenblick , daß die beiden Menschen wußten , daß hier ein banges Stück Vergangenheit von einer neuen , vernunftstarken Gegenwart hochgehoben , umgewandelt und zu einem brauchbaren Stück Leben verändert worden war . Als sie sich , am Ende des Tiergartens , zu Beginn der Bellevuestraße , die , an den modernsten Hotelpalästen vorbei , in das Innere des Westens zum Potsdamer Platz führt , trennten , waren sie sich klar geworden und hatten es ausgesprochen : daß sie sich wieder sehen würden und daß sie es durften ; daß das » Alte « nimmer aufleben würde und konnte , - daß aber eine gute Freiheit zwischen ihnen war , die die Fremdheit hob und ihnen gewährte , einander sonder Scheu zu berichten , durch welche Tage ihre Wege sie führten . An diesem Abend nahm sie an der Diskussion teil , trat zum erstenmal in Berlin als Rednerin auf . Man kannte in der Frauenbewegung ihren Namen . Sie griff in einer Art in die Polemik ein , die nicht gewöhnlich war ; gerade an jenen Stellen des Referates , - das ein holländischer Gelehrter über das Problem des Neomalthusianismus gehalten hatte , - gerade an jenen Stellen , welche mehrdeutiger Auslegung unterlagen , setzte sie ein , hob das einzig Wesentliche heraus , trassierte mit schnellen , kräftigen Zügen die unausgesprochenen Voraussetzungen und Folgerungen des Vortrages und leitete so , aus materialreicher Fülle , zu den reinen Linien der Idee , der diese Fülle nur Gewandung gab . Sie sprach , - im Gegensatz zu der gewöhnlichen Art der » Rechtlerinnen « - vollkommen phrasenfrei , beinahe nüchtern ; ihr großes und doch gedämpftes Organ , das glatt , schallend , mühelos den Saal beherrschte , diente ihr wie ein willfähriges , zureichendes , nie versagendes Instrument . Sie gewann , sowie sie das Podium betrat , auch an physischer Persönlichkeit . Die Gestalt , in einem dunkelblauen Kleid von modernem Reformschnitt , den sie erst in Berlin genau kennen gelernt hatte , schien kräftig und beweglich ; das Gehäuse des Kopfes , unter dem Minervahelm ihres kupfernen Haares , zeichnete sich in bedeutenden Konturen ; die dunklen Augen , die bei der ersten Anregung des Sprechens aufleuchteten , sich dann mählich tief umflorten , bekamen eine Art von gläubigem Ausdruck . Am Schluß der Versammlung lernte sie die führenden Personen der Bewegung kennen : neben ihnen auch andere . Ein vornehmes Ehepaar fiel ihr auf , das mit drei blühenden , schönen Töchtern zwischen 16 und 22 Jahren hier anwesend war ; dann eine alte , kleine Dame , die auf Krücken ging ; sie erzählte ihr von ihrem Sohne , der mit seiner Frau in einem Dorf in den Appeninen lebt ; er sei Schriftsteller . Sie , die Mutter , hatte sich bis zu einer schweren Krankheit , die sie der Bewegungsfreiheit beraubte , niemals wesentlich um Fragen der Allgemeinheit bekümmert ; sie war früher leidenschaftliche Skatspielerin gewesen ; aber als sie nicht mehr ihre gewohnten Wege gehen konnte , mehr als ein Jahr gelähmt ans Zimmer gefesselt war und die früheren Skatgenossen ausblieben , da habe der Sohn , der damals noch zu Hause war , sie mit Büchern versorgt , die ihr Interesse für diese Fragen so geweckt hatten , daß sie nun , in ihren alten Tagen , fast einen neuen Lebensinhalt gewonnen hatte ; der Sohn selbst hatte sich einer ihm heiligen Dreieinigkeit verschrieben : seiner Frau , - Italien - und der Dichtkunst , vor allem der Lyrik , die er fast ausschließlich pflegte . Frau Ullmann erzählte das alles in ihrer schnellen , etwas monotonen Art , während sie schon das schwarze Kapotthütchen auf dem spärlichen Scheitel hatte , und sich fest auf ihre Krücken stützte . - - - Eine Dame von bräunlichem Teint , gelbgefärbtem Kraushaar , kleiner Gestalt , mit Geschmack gekleidet - Fräulein Gerber - stellte sich Olga als » Kampfgenossin « vor . An der Plauderstunde im Café , die den Abend beschloß , nahm noch ein Reichtagsabgeordneter , ein freigesinnter Pastor , und der Vortragende selbst teil , - ein seit Jahren in Holland ansässiger Deutscher , mit scharfgeschnittenem , grauhaarigem Charakterkopf . Nicht mehr mit ins Café gegangen war die Vorsitzende . Diese alte Frau war es , deren Erscheinung Olgas tiefstes Interesse wachgerufen hatte , seit sie sie zum ersten Mal in dieser Vereinigung erblickte . Erst heute hatte sie Frau Dr. Wallentin