vielen Monaten mit unermüdlichem Eifer betriebenen Nachforschungen kein rechtlich geltend zu machender Umstand entdeckt werden konnte , der auf einen bestimmten Ort oder einen bestimmten Menschen führte , daß selbst hohe Belohnungen keine einzige befriedigende Anzeige veranlaßten ? Deshalb muß Caspar eine Person sein , mit deren Leben oder Tod weittragende Interessen verkettet sind , folgerte Feuerbach . Nicht Rache und nicht Haß konnten Motive zur Einkerkerung gewesen sein , sondern er wurde beseitigt , um andern Vorteile zuzuwenden und zu sichern , die ihm allein gebührten . Er mußte verschwinden , damit andre ihn beerben , damit andre sich in der Erbschaft behaupten konnten . Er muß von hoher Geburt sein , dafür sprechen merkwürdige Träume , die er gehabt und die sonst nichts sind als wiedererwachte Erinnerungen aus früher Jugend , dafür sprechen der ganze Verlauf seiner Gefangenschaft und die daraus sich ergebenden Schlüsse ; er wurde freilich im Kerker gehalten und spärlich ernährt , aber man hat Beispiele von Menschen , die nicht in böswilliger , sondern in wohltätiger Absicht eingekerkert wurden , nicht um sie zu verderben , sondern um sie gegen diejenigen zu schützen , die ihnen nach dem Leben getrachtet . Vielleicht auch , daß durch sein bloßes Dasein ein Druck ausgeübt werden sollte auf jemand , der mit zauderndem Gewissen an der Unternehmung teilgehabt und doch nicht wagen durfte , Einspruch zu erheben Es wurde Sorgfalt und Milde an Caspar geübt ; warum ? Warum ha ihn der Geheimnisvolle nicht getötet ? Warum nicht einen Tropfen Opium mehr in das Wasser getan , das ihn bisweilen betäuben sollte ? Das Verlies für den Lebendigen wurde ein doppelt sicheres für der Toten . Wenn nun in irgendeiner hohen , oder nur vornehmen , oder nur angesehenen Familie in Caspars Person ein Kind verschwunden wäre , ohne daß man über dessen Tod oder Leben und wie es hinweggekommen , etwas in Erfahrung brachte , so müßte doch längst öffentlich bekannt sein , in welcher Familie dies Unglück vorgefallen . Da aber seit Jahren und unerachtet Caspars Schicksal ein weitbesprochenes Ereignis geworden , nicht das mindeste davon verlautet hat , so ist Caspar unter den Gestorbenen zu suchen . Das will heißen : ein Kind wurde für tot ausgegeben und wird noch jetzt dafür gehalten , welches in Wirklichkeit am Leben ist , und zwar in der Person Caspars ; das will heißen , ein Kind , in dessen Person der nächste Erbe oder der ganze Mannesstamm seiner Familie erlöschen sollte , wurde beiseite geschafft , um nie wieder zu erscheinen ; es wurde diesem Kind , das vielleicht gerade krank gelegen , ein andres , totes oder sterbendes Kind unterschoben , dieses als tot ausgestellt und begraben und so Caspar in die Totenliste gebracht . War der Arzt im Spiel , hatte er Befehl , das Kind zu morden , fand er jedoch in seinem Herzen oder in seiner Klugheit Gründe , den Auftrag scheinbar zu vollziehen und das Kind zu retten , so konnte der fromme Betrug leichterdings vollzogen werden . Hier handelte jeder auf höhere Weisung , aber wo war der gebietende Mund ? Wo der mächtige Geist , der ein solches Gewicht von Verantwortung für ewige Zeiten zu tragen unternahm ? Wo das Haus , in welchem das Unerhörte geschah ? An dieser Stelle des Berichts stockte die Hand des Präsidenten , tagelang , wochenlang . Nicht aus Schwäche noch aus Wankelmut , sondern mit dem schmerzlichen Zagen eines Feldherrn , der des Unheils und Verderbens sicher ist , wie immer die Schlacht auch enden möge . Die Krone von einem Fürstenhaupt zu reißen und mit Fingern auf das befleckte Diadem deuten , hieß das nicht , die Majestät auch des eignen Königs beleidigen , geheiligte Überlieferungen mit Füßen treten , die unmündigen Völker zum Widerpart stacheln ? Doch wie nie zuvor empfand er die zeugende Gewalt des Wortes und wie Wahrheit aus Wahrheit fließt und drängt . Er nannte das Haus mit Namen . Er wies nach , daß das alte Geschlecht jählings , in auffallender Weise und gegen jede menschliche Vermutung im Mannesstamm erloschen sei , um einem aus morganatischer Ehe entsprossenen Nebenzweig Platz zu machen . Nicht etwa in einer kinderlosen , sondern in einer mit Kindern wohlgesegneten Ehe hatte sich dies Aussterben ereignet , und nur die Söhne starben , die Töchter aber lebten weiter . So wurde die Mutter zur wahrhaften Niobe , doch traf Apollos tötendes Geschoß ohne Unterschied Söhne und Töchter , hier aber ging der Würgengel an den Töchtern vorüber und erschlug die Söhne . Und nicht bloß auffallend , sondern einem Wunder ähnlich , daß der Würgengel schon an der Wiege der Knaben stand und sie herausgriff mitten aus der Reihe blühender Schwestern . Wie wäre es erklärbar , fragte Feuerbach , daß eine Mutter demselben Vater drei gesunde Töchter gebiert und als Söhne lauter Sterblinge ? Darin ist kein Zufall behauptete er furchtlos , sondern System , oder man muß glauben , die Vorsehung selbst habe einmal in den gewöhnlichen Lauf der Natur eingegriffen und Außerordentliches getan , um einen politischen Streich auszuführen . Nicht lange nach dem Erscheinen Caspars hat sich in Nürnberg das Gerücht verbreitet , Caspar sei ein für tot ausgegebener Prinz jenes Geschlechts , und immer wieder redeten die dunkeln Stimmen , sogar von einer angeblichen Geistererscheinung wurde , wie öffentliche Blätter erzählten , die Behauptung gewagt , daß die gegenwärtigen Regenten den Thron durch Usurpation besäßen und daß noch ein echter Prinz am Leben sei . Gerüchte sind freilich nur Gerüchte ; aber sie fließen oft aus guten Quellen ; sie haben , wo es geheime Verbrechen gibt , häufig ihre Entstehung darin , daß ein Mitschuldiger geplaudert , oder mit seinem Vertrauen zu freigebig gewesen , oder eine Unvorsichtigkeit begangen oder sein Gewissen erleichtern wollte , oder seine getäuschten Hoffnungen zu rächen sich vorgesetzt , oder im stillen die Entdeckung der Wahrheit herbeizuführen gesucht , ohne die Rolle des Verräters spielen zu müssen . Der Präsident