mich stehen sehen und fragte mich , ob das Buch vielleicht dir oder mir gehöre , und ich sagte nein , weil ich ja Alles kenne , was du hast . Er mußte es also behalten . Als ich nun vorhin zu dir ging , mußte ich an seiner Tür vorüber . Er sah mich kommen und fragte mich , ob ich lesen könne , was in dem Buche stehe . Ich sagte wieder nein , weil es nicht arabisch war . Aber ich kam auf den Gedanken , es dir mitzunehmen , denn es war doch nicht ganz und gar unmöglich , daß es dein Eigentum sei . Oder wenn nicht , so steht vielleicht ein Name darin , der uns sagt , wem man es zu geben hat . Der Baja möchte wahrscheinlich gern einen Finderlohn haben . Darf ich es dir zeigen ? « » Natürlich ! « Es war ein in blaue Seide gebundenes , sichtlich vielgebrauchtes Damennotizbuch , auf dessen Vorderseite ich die beiden goldenen Buchstaben M.W. las . Das Gold war freilich fast verblichen . Beim oberflächlichen Durchblättern sah ich , daß es teils englisch und teils deutsch geschrieben war und Notizen über weibliche und häusliche Angelegenheiten enthielt , denen ich das , was ich wissen wollte , nicht entnehmen konnte . Am hintern Deckel des Einbandes war , wie in solchen kleinen Büchern fast immer , ein Täschchen angebracht . Es enthielt eine Photographie in Visitenkartenformat . Als ich sie herauszog , kam mir zuerst die hintere Seite vor die Augen . Da sah ich in weicher , schöner , regelmäßiger Frauenhandschrift und deutscher Sprache die Zeilen geschrieben : » Zwei Geister streiten sich um Dich , ein guter und ein böser , der eine nur angeblich , der andre wirklich fromm . Heut bist Du wie der eine und morgen wie der andere . Gott gebe Dir und mir ein frohes Resultat ! « Die andere Seite enthielt das Bild der Schreiberin . Eine schöne , vielleicht vierzig Jahre zählende Frau , die mir bekannt vorkam , um so bekannter , je länger ich die Photographie betrachtete . Wo hatte ich diese warmen Seelenaugen geschaut , deren Blick unablässig um irgend Etwas zu bitten schien ? Vielleicht bestand diese Bitte in den letzten der umstehenden Worte : » Gott gebe Dir und mir ein frohes Resultat ! « Als ich das Bild wieder in das Täschchen zurücksteckte , sah ich in der letzteren noch ein zusammengefaltetes Papier , augenscheinlich oft gebraucht . Ich nahm es heraus und faltete es auseinander . Man denke sich die Größe meines Erstaunens , als mein Blick auf die vier Zeilen fiel , welche der Wind der Tochter des Missionars in Kairo zugeweht hatte , nicht etwa in Abschrift , sondern das Original , von meiner Hand geschrieben ! Nun wußte ich auf einmal , daß die beiden Buchstaben den Namen Mary Waller zu bedeuten hatten . War sie etwa mit ihrem Vater hier in Colombo ? Die Möglichkeit lag vor , weil sie die Absicht gehabt hatten , sich längere Zeit in Indien zu verweilen . Mochte das nun sein , wie es wollte , das Notizbuch war Marys Eigentum , und sie mußte es wiederbekommen . Hier im Hotel wohnten Wallers nicht ; ich hatte ja das Fremdenbuch gelesen . Sie waren nun entweder im Galle Face-Hotel oder ganz draußen im Hotel Lavinia zu suchen , beide Häuser ersten Ranges : in einem anderen wohnten sie gewiß nicht . Ich beschloß also , das Buch zu behalten und morgen Erkundigung einzuziehen . Darum gab ich Omar für den Baja eine Rupie Finderlohn , fügte aber keine weitere Auskunft hinzu . Als er gegangen war , mußte ich an jenes Erlebnis in Kairo und an den Pyramiden denken . Wir hatten uns im freundschaftlichsten Wohlwollen von einander getrennt , aber es war inzwischen eine ganze Reihe von Monaten vergangen ; ich hatte viel , sehr viel erlebt und durfte annehmen , daß auch meine damaligen Gefährten neue Bilder in sich aufgenommen hatten , von denen die alten vielleicht verdrängt worden waren . Auch ist es eine alte , wohlbewährte Regel der Klugheit , Reisebekanntschaften wenn möglich nur als Episoden zu betrachten . Pflegt man sie später fort , wenn die Wanderpoesie verflogen und verklungen ist , so geschieht es nur zu oft , daß man es zu bereuen hat . Ich war zwar überzeugt , daß Waller und seine Tochter sich freuen würden , mich wiederzusehen , aber dieses Wiedersehen mußte ihn an frühere Schwächen erinnern , und das konnte ich ihm ersparen . Uebrigens , wenn ich sie fand , so war ich gezwungen , mich ihnen zu widmen , und es erschien mir sowohl für sie als auch für mich vorteilhafter , auf die persönliche Freiheit nicht so ohne zwingenden Grund zu verzichten . Diese Betrachtungen brachten mich zu dem Entschlusse , Wallers , wenn sie hier sein sollten , nicht aufzusuchen , sondern ihnen das Buch auf einem anderen , unauffälligen Wege zuzustellen . Wie es auf die Straße im Pettah gekommen war , das brauchte nicht ein Rätsel zu sein , welches gerad ich zu lösen hatte . Aber in Beziehung auf das Gedicht fühlte ich , daß mir die Finger nach der Feder zuckten . Der Wind hatte es Mary zugeweht . Wie würde sie sich wundern , wenn sie jetzt bei dem Anfange eine Fortsetzung von derselben Hand erblickte ! Wie würde sie sinnen und nachdenken , auf welche Weise sich das zugetragen habe ! Vielleicht öffnete sie nicht jetzt , sondern erst später , nach Monaten , nach langer , langer Zeit das Blatt ; wie groß erst dann das Staunen ! Leider hatte ich damals das Gedicht nicht fertiggeschrieben , weil mir die Disposition nicht ganz klar erschienen war . Ich hatte das Sujet in vier Vierzeiler fassen wollen , war aber zu der Ansicht gekommen , daß die Fassung in zwei Achtzeiler sinnentsprechender sei . Der erste